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10.5.2005 | Von:
Sabine Schiffer

Der Islam in deutschen Medien

Willkürliche Verknüpfungen

Seit dem 11. September 2001 ist eine Zunahme an expliziten Schuldzuweisungen gegenüber Muslimen für verschiedenste Untaten auszumachen. In ihrer Qualität entsprechen diese aber den lange zuvor ausgemachten und unterschwellig unterstellten negativen Eigenschaften des Islams. Das ist der Grund, warum uns die vielen Behauptungen seither so plausibel erscheinen.

Eine effektive Technik der Verknüpfung stellt der so genannte Sinn-Induktionsschnitt dar, mit dem Bilder unterschiedlichen Inhalts zueinander in Beziehung gesetzt werden. Peter Scholl-Latour hat diese Technik beispielsweise in der Fernsehreportage zu seinem Buch "Das Schlachtfeld der Zukunft" (1996) angewandt, in der es um die Republiken im Süden der ehemaligen Sowjetunion geht und in der es unter anderem zu einer "Explosion in einem Lager russischer Soldaten in Kaspisk" kommt. Zu sehen sind Bilder von zerstörten Häusern und Räumfahrzeugen. Nach dem folgenden Schnitt fällt der Blick auf die Kuppel einer Moschee mit Halbmond, deren architektonische Herkunft im Folgenden erklärt wird. Kein Zusammenhang zwischen Moschee und Explosion? Explizit wird nicht begründet, warum hier implizit die Themen "Anschlag" und "Islam" verknüpft werden. Bis heute ist nicht bekannt, um welche Art von Explosion es sich gehandelt hat. Und wenn man der Meinung ist, die Explosion habe etwas mit so genanntem islamistischem Terrorismus - eine eher irreführende Bezeichnung, die wiederum ein Framing darstellt - zu tun, dann sollte dies argumentativ begründet werden. Außerdem wäre im letzten Falle das Symbol für Islamismus gänzlich falsch gewählt: Denn was bleibt als Symbol für den Islam, wenn Moscheen, Gebete, Kopftücher und Bärte bereits als Symbole für Islamismus herhalten müssen?

Sinn-Induktion gibt es auch in den Printmedien. Dort können Bilder, Text und Bild oder verschiedene Textstücke zueinander montiert werden, ohne explizite Rechtfertigung und mit dem gleichen Suggestionspotenzial. Folgende Bildermontage aus dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" illustrierte im Jahr 2000 einen Artikel zum Thema Israel/Palästina:[11] Ein großes Foto auf der linken Seite zeigt palästinensische Jugendliche, die Molotowcocktails werfen. Man sieht Flammen, aggressive Stimmung, Angriffslust. Unmittelbar rechts daneben ist ein wesentlich kleineres Bild montiert, das einen israelischen Siedler zeigt, der ein weiß bekleidetes Baby auf dem Arm trägt und es in Richtung der "Angreifer" hält. Seine Kalaschnikow am Schultergurt wird durch das Baby teilweise verdeckt. Im Vordergrund des Bildes steht das Schicksal der "unschuldigen Siedler(kinder)". Die zusammen wahrgenommenen Bilder schicken dem Text eine unmissverständliche Botschaft voraus: "Aggressive Palästinenser greifen unschuldige Israelis/Siedler an." Eine klare Schuldzuweisung hat bereits stattgefunden, egal wie differenziert die Darstellung des Artikels ist.

Eine rein textuelle Sinn-Induktion liegt bei folgendem Beispiel aus dem Jahr 1993 vor, bei dem die Genitalverstümmelung von Mädchen in Ägypten thematisiert wird. "Um in Ägypten eine Kampagne gegen die Beschneidung zu starten, müßten zuerst die religiösen Führer von deren Sinnlosigkeit überzeugt werden. Der Islam ist Staatsreligion. Zu ihm bekennen sich 93 % der Bevölkerung."[12] Doch Genitalverstümmelung hat nicht unmittelbar etwas mit dem Islam zu tun, wie ein Blick auf die Verbreitungsländer belegt. Es handelt sich um eine altafrikanische Tradition, die auch in einigen islamischen Ländern Afrikas ebenso wie in vielen nichtislamischen angewandt wird. Derselbe Effekt wird mit dem Verweis darauf erzeugt, dass der Eingriff "in der Nähe einer Moschee" durchgeführt wurde.[13]

Auch durch einfache Adjektivierungen lässt sich ein sinninduktiver Effekt erzielen, wie am Beispiel eines Berichts über die Situation von Frauen in Bangladesch gezeigt werden kann.[14] Während in dem Artikel aus dem Jahr 1992 deutlich wird, dass in dem armen Land vor allem ökonomische Faktoren jedes Lebensschicksal bestimmen, heißt es am Ende: "Die Rede ist vom islamischen Bangladesch." Man hätte ebenfalls - und genauso "korrekt" - den Satz folgendermaßen beschließen können: "Die Rede ist vom demokratischen Bangladesch", oder "Die Rede ist vom asiatischen Bangladesch", oder gar "Die Rede ist vom von einer Frau regierten Bangladesch". Obwohl es sich jeweils um Fakten handelte, entsteht jedes Mal ein völlig anderer Eindruck von Kausalitäten. Dies zeigt, wie die Entscheidung für einen Realitätsausschnitt die Wahrnehmung dieser "Realität" beeinflusst. Gegenproben dieser Art können helfen, nicht dem "Fakten-" bzw. dem Chronistenmythos zu verfallen.

Als im Herbst 2002 ein Scharfschütze die Hauptstadt der USA Washington in Angst und Schrecken versetzte, meldete ein Radiosender des Bayrischen Rundfunks: "Der zum Islam konvertierte John Allan Muhammad (...)." Bis heute ist wenig über die Motive des Täters von Washington und seines Stiefsohns bekannt, dennoch bleibt ein suggerierter Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Menschen und der Religion des Täters bestehen.[15] Ähnliches fand sich in einem Bericht über einen Tunesier, dem die Abschiebung droht: Vielleicht nur aus stilistischem Kalkül wird er im Laufe des Textes auch als "Muslim" bezeichnet.[16] Vor dem Hintergrund des Erwarteten dürfte klar sein, welche Schlüsse hier gezogen werden. Mittlerweile kann man geradezu von einer Darstellungstradition sprechen: Handelt es sich bei einem Täter um einen Moslem, dann wird das auch erwähnt, egal ob es für den Sachverhalt relevant ist oder nicht. Hier lassen sich Anzeichen einer Stigmatisierung erkennen, die an die Formen der antisemitischen Propaganda im 19. Jahrhundert erinnern.[17]

Während in Fernsehen und Hörfunk Programm und Sendezeit über die Wichtigkeit und die Resonanz eines Beitrags entscheiden, gilt in den Printmedien die Platzierung eines Artikels als Kriterium für die Intensität der Wahrnehmung. Brisanz lässt den Beitrag auf die Titelseite rutschen, so etwa bei Razzien, die seit dem 11. September 2001 in Moscheen durchgeführt werden. Bei einer repräsentativen Auswertung der "Nürnberger Nachrichten" über einige Monate des Jahres 2002 hinweg ergab sich, dass die Berichterstattung über derartige Polizeieinsätze stets auf den Titelseiten platziert wurde. Der Hinweis auf die Ergebnislosigkeit solcher Razzien fand sich jedoch allenfalls im Innenteil, oder er fehlte ganz. Obwohl sich die allermeisten Fälle als gegenstandslos erwiesen, wurde so der Eindruck einer allgegenwärtigen Bedrohung durch Moscheen genährt. Das erklärt auch einen Teil des Bedeutungswandels der Bezeichnung "Moschee": Inzwischen wird sie weniger als Ort des Gebets und der Begegnung wahrgenommen als vielmehr als Ort der Verschwörung interpretiert.

Bei aller Kritik kann man dennoch ein Bemühen von Seiten vieler Medienschaffender konstatieren, die die Problematik der eskalierenden Berichterstattung in Sachen Islam und Muslime erkannt haben. Zahlreiche Journalisten zeigen in ihren Artikeln und Beiträgen, dass es überall auf der Welt Kritikwürdiges gibt, das nicht an einer einzigen Erklärung festzumachen ist. Aber schon in der Analyse der Platzierung wird dieses Bemühen wieder relativiert, etwa wenn kontroverse und ergänzende Aspekte erst ab 23 Uhr im Fernsehen oder im Innenteil von Zeitungen "versteckt" werden. Die Kategorien "Platz" und "Raum" sollten deshalb in jede Medienanalyse einbezogen werden, um Aussagen über Wirkungspotenziale machen zu können.


Fußnoten

11.
Der Spiegel vom 16.10. 2000, S. 240/241.
12.
Frau im Leben, (1993) 7, S. 8.
13.
Vgl. Die Welt vom 14.12. 1996, S. 3.
14.
Vgl. Die Zeit vom 28.8. 1992, S. 75.
15.
Abgesehen von der Namengebung handelt es sichstreng genommen um einen Verstoß gegen dieergänzende Presseratsrichtlinie 12.1, welche die Nennung von Gruppenzugehörigkeitsmerkmalen wie Nationalität, Religion usw. im Rahmen der Straftatsberichterstattung untersagt, weil die Problematik um die Wahrnehmung von Einzeltaten als Gruppenphänomen erkannt wurde.
16.
Vgl. Nürnberger Nachrichten vom 14.2. 2005, S. 11.
17.
Vgl. Nicoline Horzitz, Frühantisemitismus in Deutschland (1789 - 1871/2). Strukturelle Untersuchungen zu Wortschatz, Text und Argumentation, Tübingen 1988; S. Schiffer (Anm. 3), S. 212f.