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10.5.2005 | Von:
Sabine Schiffer

Der Islam in deutschen Medien

Metaphern und Stereotype

Aus der Antisemitismusforschung ist bekannt, dass bestimmte Metaphern eine entmenschlichende Wirkung haben und eine spezifische Handlungsoption nahe legen können.[18] In Bezug auf die Muslime wird in den Medien unter anderem die Metapher von der "bedrohlichen Krankheit" verwendet. Wenn vom Islamismus als "Krebsgeschwür"[19] die Rede ist, dann evozieren diese Angst machenden Etikettierungen den Ausrottungsgedanken. Hier könnte man zu Recht erwidern, dass ja korrekterweise vom "Islamismus" und nicht vom Islam die Rede ist. Aber leider ist das Konzept des "Islamismus" in den Medien häufig diffus, und es wird nur selten vom Islam getrennt. Häufig werden Begriffe wie "islamischer Terror", "Moslem-Extremist" und "islamistischer Attentäter" parallel verwendet. Auch die französische Presse liefert für die Vermischung eindrückliche Beispiele, wie etwa wenn vom "Fieber des Islams" die Rede ist,[20] obwohl damit wohl der hier ebenso wenig passende "Islamismus" gemeint ist, welcher als Erklärungsmuster für Putins restriktive Politik in den kaukasischen Regionen angeboten wird.

Wenn sich bestimmte Wirklichkeitsausschnitte nicht mehr ignorieren lassen, kommt es zu einer Art Reparatur der etablierten Weltsicht. Dies ist ein Automatismus, dem wir unterliegen und den wir uns bewusst machen müssen. Fakten, die den üblichen Erwartungen, d.h. den Stereotypen, widersprechen, können schnell und bequem wieder in das stereotype Licht zurückgerückt werden.[21] Am Beispiel Benazir Bhuttos lässt sich der Mechanismus veranschaulichen: Als Bhutto 1988 in Pakistan Ministerpräsidentin wurde, widersprach dies der gängigen Erwartung von der Rolle der muslimischen Frau. Um diese "Wahrheit" nicht revidieren zu müssen, wurden verschiedene Erklärungen angeboten, warum Bhutto in dieses Amt gekommen war. Es wurde hingewiesen auf "das Erbe ihres Vaters", den "Analphabetismus der Leute", auf ihre "Ausbildung in Oxford" und auf eine "Wahlstrategie der Schiiten", deren unterstützendes Verhalten wohl besonders erklärungsbedürftig war. Alles in allem konnten viele Erklärungen angefügt werden, so dass die Meinung, eine solche Position stehe für eine Frau im Widerspruch zum Islam, nicht in Frage gestellt werden musste.

Ähnlich verlief der Umgang mit einem Vorgang, den man zu schnell in einen bekannten Frame eingeordnet hatte. Als die Medien sich des Falls Taslima Nasrin in Bangladesch annahmen - die Ärztin und Schriftstellerin kritisierte die Diskriminierung der hinduistischen Minderheit durch die muslimische Mehrheit und musste 1994 ihr Land verlassen - , wurde dieser schnell in den Kontext "zu Unrecht verfolgte Feministin" eingeordnet. Bereits in den ersten Zeitungsberichten ließen sich jedoch etliche Elemente finden, die darauf hindeuteten, dass der Fall nicht so eindeutig war. Bangladesch war eine Demokratie mit weiblichen Führungspersönlichkeiten, die Intellektuellen schwiegen, es gab einen Haftbefehl gegen Nasrin und Polizeischutz. Die Erklärungen, die diese Fakten ins "rechte Licht" rücken sollten, erschienen recht strategisch, etwa als "Wahlstrategie bestimmter Politiker" oder auch "Angst vor Extremisten". Doch offenbar lagen die Dinge anders.[22] Dennoch kann Nasrin auf Grund unserer lückenhaften Darstellungstraditionen heute als Kämpferin gegen einen die Frauen unterdrückenden Islam auftreten.

Etiketten haben ähnlich relativierende Qualität. Wenn das irakische Falludscha als "Rebellenhochburg" bezeichnet wird, dann wird dadurch der Angriff auf die Stadt im April 2004 legitimiert. Wie würde hingegen die bombardierte, "dicht bevölkerte Stadt Falludscha" wirken? Aljazeera als "Haussender al Qaidas" zu bezeichnen macht ihn unglaubwürdig. Die Metapher "Trojanisches Pferd" für Tariq Ramadan, den Hoffnungsträger vieler europäischer Muslime, ist ein Misstrauensvotum und impliziert, ihn besser nicht ins Wohnzimmer zu lassen. Letztlich wird der langjährige interreligiöse Dialog häufig als "Kuschelpolitik" abgetan. Die Glaubwürdigkeitskrise aller, die sich mit Muslimen auseinander setzen, ist perfekt.[23]

Nicht die Fakten entscheiden also über die Wahrnehmung eines Sachverhalts - unsere Ordnung existiert immer schon vorher und ist eine künstliche. Da aber der wohlwollende oder der misstrauische Blick letztlich darüber entscheidet, wie ein Sachverhalt wahrgenommen und interpretiert wird, bedeutet das in Bezug auf die Muslime: Was immer sie auch tun, es ist falsch. Der misstrauische Blick lässt alle Anstrengungen in einem bestimmten Licht erscheinen. Besteht etwa eine Muslimin auf dem Tragen eines Kopftuchs, dann kann dies als Zeichen der Abschottung, der Ablehnung der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft empfunden werden. Legt sie aber das Kopftuch ab, so kann dies wiederum als Tarnung, Verstellung und Unterwanderungsversuch abgetan werden.

Es muss geprüft werden, ob Forderungen an die Muslime und die in Aussicht gestellten Konsequenzen übereinstimmen. Umgekehrt gilt es, Muslimen zu vermitteln, dass Furcht vor dem Islam häufig in Missverständnissen begründet ist. Denn aus den geschilderten Beobachtungen lässt sich mindestens zweierlei ableiten: Das vorstellbare Szenario einer Bedrohung durch den Islam und dessen Vertreter ist ein fataler Mechanismus, der durch einzelne Taten, die Fokussierung darauf und unsere verallgemeinernde Interpretation immer wieder neue Nahrung erhält. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass es keine Verschwörung gegen den Islam und die Muslime gibt, wie es Islamisten gerne behaupten.


Fußnoten

18.
Vgl. George Lakoff/Mark Johnson, Metaphors we live by, Chicago 1980; Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996.
19.
Der Spiegel vom 25.2. 2002, S. 172f.; Spiegel special, Nr. 2/2004.
20.
La fièvre de l'islam, in: L'Express vom 1.11. 2001, Titelseite.
21.
Vgl. Helma Lutz, Unsichtbare Schatten? Die orientalische Frau in westlichen Diskursen. Zur Konzeptionalisierung einer Opferfigur, in: Peripherie, Nr. 37/1989, S. 51 - 65.
22.
Vgl. Taj ul-Islam Hashmi, Women and Islam in Bangladesh. Beyond subjection and tyranny, Basingstoke 2000; S. Schiffer (Anm. 3), S. 144f.
23.
Die genannten Beispiele sind weit verbreitet, daher wird auf detaillierte Quellenangaben verzichtet.