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10.5.2005 | Von:
Sabine Schiffer

Der Islam in deutschen Medien

Wege zur Deeskalation

Wenn aber die meisten Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Medien nach bestem Wissen und Gewissen handeln, dann ist neben der Aufklärungsarbeit die Fähigkeit zur Selbstkritik nötig, um die geschilderten Mechanismen zu durchbrechen. Reine Faktennennung reicht als Mittel gegen Diskriminierung nicht aus. Effektives Handeln gegen eine konfrontative Entwicklung setzt die Erkenntnis der ungünstigen Wechselwirkung voraus, in der wir uns befinden, denn die Beobachtungen haben eine Wirkung auf alle beteiligten Gruppen.

Sie gelten ebenso für Teile der muslimischen Bevölkerung, die zunehmend "den Westen" mit der Politik George W. Bushs verwechseln und sich einem "Kreuzzug" gegen den Islam ausgesetzt sehen. Inzwischen ist ein Bedrohungsempfinden auf beiden Seiten feststellbar. Nichtmuslime fühlen sich vom Islam bedroht, Muslime pauschal vom Westen oder von einer Gesetzgebung, die aus dem Angstszenario resultiert. Auf beiden Seiten sind, unterschiedlich gewichtet, ähnliche Reaktionsmuster feststellbar: Resignation und Rückzug, Idealisierung und Radikalisierung. Viele resignieren in ihrem Bemühen um weitere Integration. Andere wählen aus der eigenen Geschichte nur noch die positiven Aspekte aus. Eine Radikalisierung Einzelner ist zu beobachten, vor allem unter Jugendlichen. Sie betrachten sich häufig als Ausführende dessen, was "alle" denken. Der Diskurs stärkt jedenfalls nicht die Besonnenen. Sie laufen Gefahr, aufgerieben zu werden zwischen den Mehrheits- und Minderheitenmitgliedern, die ihnen Naivität, Paktierertum und Unglaubwürdigkeit vorwerfen.

Doch letztlich bedürften gerade diese Mittler der öffentlichen Unterstützung. Hier können Medien einen positiven Beitrag leisten, indem sie vermehrt die Integrationsarbeit vieler Moscheen, die Dialog- und besser noch Trialogbemühungen der abrahamitischen Nachfahren thematisieren, sowie weiteres öffentliches Engagement, das schon lange ein mediales Schattendasein führt - wie etwa der Arbeitskreis Christlich-Islamische-Friedensarbeit und viele ähnliche Initiativen. Allein schon die breitere Veröffentlichung der vielen Erklärungen islamischer Verbände, die die Anschläge in New York und Madrid verurteilten, hätte integrierende Wirkung gehabt. Es ist schade, dass solche Möglichkeiten deeskalierender Berichterstattung bislang kaum genutzt werden.

Dies wäre auch ein Beitrag gegen die Diskriminierung der Medien selbst, denn alle genannten Mechanismen lassen sich auch in Bezug auf die Medienwahrnehmung nachweisen - so wie in diesem Beitrag vor allem negative Prototypen gezeigt wurden. Aber "die" Medien gibt es ebenso wenig wie "den" Islam. Medien werden ebenso stereotyp wahrgenommen. Man sieht primär Dinge, die man erwartet. Gegenteiliges wird als Ausnahme interpretiert und insgesamt das Bild eines "übermächtigen Molochs" genährt, der - von unsichtbaren Drahtziehern gelenkt - genaue Anweisungen zur Islamdarstellung herausgibt.

Dabei wird übersehen, dass die strukturellen Bedingungen vor Ort, wie zum Beispiel fehlende Recherchezeiten, die Arbeit der Journalisten beeinträchtigen. Angesichts der momentanen Finanzkrise vieler Medieneinrichtungen werden sich diese Bedingungen eher noch verschlechtern. Medienschaffende sollten daher in Zeiten professionellen Medienmanagements besonders auf verantwortungsbewusste Berichterstattung achten, um sich nicht einem offiziellen Agenda-Setting zu unterwerfen. Für Mediennutzende wiederum ist Medienkompetenz eine Schlüsselqualifikation, die sie zu verantwortlichen Bürgern in einer funktionierenden Demokratie macht.