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29.4.2005 | Von:
Rainer Gries

Mythen des Anfangs

DDR - "das andere Deutschland"

Auch die Ideologen der 1946 gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) richteten einen unwiderruflichen Grund-Satz auf: "Wir sind diejenigen, welche das andere, das bessere Deutschland aufbauen." Eng damit verknüpft war ein weiteres politisches Grundaxiom: Die am 7. Oktober 1949 gegründete DDR sah sich - ganz im Gegensatz zur Bundesrepublik - als Hort des "Antifaschismus".[18] Dabei handelte es sich freilich um einen "gesäuberten Antifaschismus" (Lutz Niethammer), der bald Ansätze einer pluralen Erinnerungskultur zurückdrängte, das gültige Bild der unmittelbaren Vergangenheit den politischen Bedürfnissen der Partei unterwarf, bestimmte Opfergruppen ausblendete und eine Hierarchie der Opfer installierte. An deren Spitze standen die proletarischen Widerstandskämpfer, die unter Führung der Kommunisten den Faschisten die Stirn geboten hatten.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) war die unmittelbare Nachkriegszeit bereits als Phase der "antifaschistisch-demokratischen Umwälzung" bezeichnet worden, in deren Verlauf die Enteignung von "Kriegsverbrechern", Nazigrößen und Großgrundbesitzern durchgeführt und eine "wahre" Demokratisierung ins Werk gesetzt werden sollte. Durch die Entmachtung der Exponenten des Faschismus, der "Militaristen" und "Imperialisten", sei die DDR zum ersten deutschen "Friedensstaat" geworden.

Das menschliche Antlitz des Sozialismus: Die Protagonisten des neuen Staates, die Kader der SED, nahmen für sich in Anspruch, Führer der Arbeiterklasse und Opfer des Nationalsozialismus zu sein. Als ehemalige KZ-Häftlinge und Emigranten reklamierten sie eine moralische Dignität, aus welcher sie ihre Machtansprüche herleiteten. Die ehedem kommunistischen und sozialdemokratischen Verfolgten des Naziregimes sollten nunmehr als Protagonisten der Partei das Programm des "neuen Deutschlands" verkörpern. Vor allem Angehörige der um 1930 geborenen Aufbaugeneration folgten diesem Angebot, da sie hofften, auf diesem Weg ihren jugendlichen Glauben in den Nationalsozialismus kompensieren zu können.

Auf der Bühne der DDR traten Propagandafiguren auf, welche die Idee des Sozialismus personifizieren sollten. Zum wirkmächtigen Kanon der Gründungsnarrationen zählten vor allem die Helden des antifaschistischen Widerstandskampfes, die wie Märtyrer verehrt wurden und deren Aura den neuen Staat und die Partei heiligte; dazu zählte der im Konzentrationslager Buchenwald ermordete frühere Parteichef der KPD Ernst "Teddy" Thälmann. In den fünfziger Jahren kamen Helden des Aufbaus wie der Bergmann und Bestarbeiter Adolf Hennecke und Sportlerhelden wie der Radfahrer Gustav Adolf "Täve" Schur hinzu.[19]

Auch die politischen Eliten der DDR mussten bestrebt sein, zu integrieren. "Einheit" wurde zum Leit-Propagem. Die politische Interpretation von "Einheit" definierte unmissverständlich die Machtverhältnisse in der DDR: Die "Einheit der Arbeiterklasse" wurde als Garant der neuen politischen Macht und des Weges in eine neue Gesellschaft verstanden und stellte einen unabdingbaren Glaubenssatz dar. Die soziale Interpretation definierte die gesellschaftlichen Verhältnisse: Der Händedruck war nicht nur Symbol für die "Einheit der Arbeiterklasse" in der SED, sondern auch für die "Einheit der Klassen" in der DDR. Die deutschlandpolitische Interpretation definierte das Verhältnis zur Bundesrepublik: In den vierziger und fünfziger Jahren symbolisierte der Händedruck wie selbstverständlich die "Einheit Deutschlands". "Die Einheit der beiden deutschen Staaten" blieb offizielle Politik der DDR bis in die sechziger Jahre hinein. Walter Ulbricht preschte immer wieder mit Plänen zu einer Konföderation der beiden deutschen Staaten vor. Die außenpolitische Interpretation definierte die Vormacht des sozialistischen Lagers: "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!" Die Freundschaft zur Sowjetunion galt als Grund-Gesetz. Die Einheit des sozialistischen Weltsystems war hierarchisch gegliedert. Die sowjetischen Brüder hatten als diejenigen zu gelten, die in der politischen und persönlichen, in der gesellschaftlichen und der wissenschaftlichen Entwicklung weiter vorangeschritten waren.[20]

Integration durch Abgrenzung: Die Feinde dieses konsequent "antifaschistischen" Kurses und des Strebens nach "Einheit" wurden von der Propaganda in Westdeutschland, West-Berlin und Washington geortet. Dort saßen die wahren Schuldigen des Nationalsozialismus, die "Nazigeneräle", die "Militaristen", die sich mit den "Kapitalisten" zusammengetan hatten, um die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung mit ihren üblen Machenschaften zu unterminieren.[21]

Zwar gab es eine Omnipräsenz legitimierender "antifaschistischer" Geschichtsbilder in der DDR,[22] doch wurden diese stets von Zukunftsbildern dominiert. Das Neue am "neuen Deutschland" enthielt eine große zeitpropagandistische Verheißung: "Wir sind auf dem sicheren Weg in die Zukunft des Sozialismus und des Kommunismus."[23] Auch die DDR-Hymne verdichtete die parteiamtliche Meistererzählung: "Und der Zukunft zugewandt." Bereits kurz nach dem Krieg hatte der SED-Vorsitzende und spätere Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, erklärt: "Das ist der Beginn einer neuen Zeit. Wir haben das Fundament gelegt. Es ist der unerschütterliche Fels, auf dem das deutsche Volk eine glückliche Zukunft erbauen wird."[24] Diese Sentenz greift Strukturelemente eines ganz anderen Gründungsaktes auf; sie lehnt sich an das Wort Jesu Christi an, mit welchem er nach gängiger Exegese die Kirche einsetzte:[25] "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen." (Matthäus 16, 18)

Besonders in den Anfangsjahren wurde der neue Staat gern als neugeborenes Kind imaginiert: "Die Geburt eines neuen Deutschland" lautete der programmatische Titel einer frühen Geschichte der DDR.[26] Dieser Staat, so die über 40 Jahre kaum variierte Aussage dieses Geburtsmythos, wurde einem Kinde gleich rein und unschuldig "geboren": Im Osten Deutschlands entstand demzufolge 1949 der erste deutsche "Friedensstaat", errichtet auf einer moralischen Tabula rasa. Die DDR ist der legitime von zwei Brüdern, die Bundesrepublik wird ausdrücklich als "illegitim" bezeichnet. Das neugeborene Kind konnte fürsich beanspruchen, ohne jede Schuld zusein: unschuldig am Krieg, am "Faschismus" und später auch am Stalinismus. Die bei den Agitatoren beliebte Geburtsmetapher vermochte jedwede Verantwortung für die Teilungsgeschichte zu tilgen. Dieser Gründungsmythos erzählte nicht nur die Anfänge der DDR als "menschliche" Geburt, sondern versuchte, zumindest während der fünfziger Jahre die kommende deutsche Wiedervereinigung folgerichtig als "Wiedergeburt" zu insinuieren.


Fußnoten

18.
Vgl. dazu u.a. Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR, Frankfurt/M. 1992; Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit, Berlin 1995; Annette Leo/Peter Reif-Spirek (Hrsg.), Helden, Täter und Verräter. Studien zum DDR-Antifaschismus, Berlin 1999; Raina Zimmering, Mythen in der Politik der DDR, Opladen 2000, S. 37 - 168.
19.
Zur Kulturgeschichte der sozialistischen Helden siehe Silke Satjukow/Rainer Gries (Hrsg.), Sozialistische Helden, Berlin 2002. Vgl. dazu auch dies., Von Menschen und Übermenschen. Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden", in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 52 (2002) 17, S. 39 - 46.
20.
Vgl. hierzu das von Silke Satjukow bearbeitete und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beheimatete DFG-Projekt "Sowjetische Streitkräfte und DDR-Bevölkerung. Eine Beziehungsgeschichte".
21.
Vgl. Silke Satjukow/Rainer Gries (Hrsg.), Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus, Leipzig 2004.
22.
Vgl. dazu u.a. Martin Sabrow (Hrsg.), Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997.
23.
Zur Geschichte der propagandistischen Zukunftshorizonte in der DDR siehe Monika Gibas/Rainer Gries/Barbara Jakoby/Doris Müller (Hrsg.), Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999.
24.
Der Beginn einer neuen Zeit, in: Einheit, 1 (1946) 1, S. 1.
25.
Vgl. Karl Siegbert Rehberg, Zur Konstruktion kollektiver "Lebensläufe". Eigengeschichte als institutioneller Mechanismus, in: Gert Melville/ders. (Hrsg.), Gründungsmythen - Genealogien - Memorialzeichen, Köln-Weimar-Wien 2004, S. 3 - 18, hier S. 7.
26.
Stefan Doernberg, Die Geburt eines neuen Deutschland. 1945 - 1949, Berlin (Ost) 1959.