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29.4.2005 | Von:
Rainer Gries

Mythen des Anfangs

Bundesrepublik Deutschland - "das Wirtschaftswunder"

Die Einwohner der Westzonen konnten sich einen vergleichbaren Grund-Satz nicht auf die Fahnen schreiben. Die "Einheit", die sie in den unmittelbaren Nachkriegsjahren verspürten, war nicht positiv, sondern negativ begründet. Auch in den Westzonen machten die Besatzungsmächte unmissverständlich klar, dass Deutschland besiegt und besetzt sei, nicht aber befreit.

In Österreich (ab 1945) und in der DDR (ab Ende der vierziger Jahre) wurden die "Täter" externalisiert und sogar exterritorialisiert ("Nicht wir, sondern 'die Deutschen'" respektive ",die Spalter und Faschisten in Westdeutschland' sind schuld"). Im selben Atemzug wurde die Bevölkerung exkulpiert - was Räume für Integration und "Einheit" schuf: So gab sich die SED bereits 1946/47 als "großer Freund der kleinen Nazis".[27] Der Opfermythos in Österreich und der Mythos vom anderen, antifaschistischen Deutschland in der DDR schufen probate Schutzdächer, unter denen sich Belastete des nationalsozialistischen Regimes verstecken und - mit Billigung der politischen Eliten - ohne Aufwand integrieren konnten. Die Westdeutschen dagegen zeigten sich nach dem Krieg desorientiert und zutiefst verunsichert. Auf die Vergangenheit konnte man sich nicht beziehen, die Zukunft blieb im Dunkeln, und die Gegenwart zeigte sich unbarmherzig und voller Mühen. Historiker sprachen damals von einer "geschichtslosen Zeit" und der "Sinnlosigkeit deutscher Geschichte".[28]

Ausprägungen eines Selbstverständnisses als "Opfer": Infolge der drückenden Last des Nachkriegsalltags ohne Nahrung und Hausbrand fühlte sich mancher auch in Westdeutschland als "Opfer". Frauen und Kinder schlugen sich mehr schlecht als recht durch, die Männer waren gefallen oder aber in Kriegsgefangenschaft. Man habe genug gesühnt, war die Meinung vieler in den harten Nachkriegswintern. Das Überleben in der Rationen-Gesellschaft stilisierte man zwar zuweilen zur abenteuerlichen Erzählung, aber dieses Selbstverständnis schuf noch keinen Mythos des Anfangs. Unterstützt wurde eine solche sozialpsychische Opferdisposition durch einen Opferdiskurs, der mit dem "Untergang" der 6. Armee in Zusammenhang gebracht wurde. "Stalingrad" stand für den "Opfergang" deutscher Soldaten, für den die nationalsozialistische Führung die Verantwortung zu tragen habe.[29]

Integration durch Abgrenzung: "Schuld" konnten demzufolge nur diejenigen sein, die die kleinen Leute verführt hatten. Im Zuge dieser Argumentation gebar sich auch in Westdeutschland eine Gruppe selbst als "erste Opfer Hitlers": die einstigen, gläubigen NS-Volksgenossen. Sie sahen sich im Nachhinein "auf dämonische Weise verführt, unterjocht und mißbraucht"[30]. Die einfachen Menschen und Soldaten hatten demnach nur ihre Pflicht erfüllt. Und im Übrigen habe man von nichts gewusst.[31] In vielen Bereichen gelangten die alten Eliten wieder in Amt und Würden.

Das stärkste integrierende Propagem war der Antikommunismus. Demnach war der Krieg gerechtfertigt gewesen, um der "asiatischen" Bedrohung durch die Sowjetunion Einhalt zu gebieten. Mit dem Ende des Krieges stand "der Russe" nun in der Mitte Deutschlands: Umso dringender erschien es, dass sich die Bundesrepublik in den seit der Oktoberrevolution von 1917 bestehenden globalen ideologischen Widerstreit zwischen Kapitalismus und Marxismus-Leninismus einfügen konnte. Schon frühzeitig bildete sich im Westen ein polares Selbstverständnis aus, das die Integration in die ideologische Gemeinschaft "des Westens" der Einheit "der Nation" vorzog.[32]

Die Bundesrepublik Deutschland verstand sich wie die DDR als Kernstaat und überdies als Rechtsnachfolger des "Dritten Reiches".[33] Obschon sich die Gründerväter und -mütter mühten, deutlich zu machen, dass das Grundgesetz ebenfalls ein "anderes Deutschland" modellierte,[34] blieb die Gründungserzählung blass: Der Grundkonsens der Bundesrepublik war unter den Parteien umstritten, ebenso ihre Symbole, Riten und Rituale. Das Provisorium Bundesrepublik prägte zunächst keine differenzierte mythische Erzählung aus.[35]

Die westdeutsche Selbstvergewisserung entfaltete sich erst allmählich und kumulativ zunächst unterhalb der Ebene von "Meistererzählungen" - was keineswegs heißen soll, dass es keine Mythen des Anfangs gab.[36] Auch hier bildeten sich kollektiv geteilte Elemente von Erzählungen aus; aber sie wuchsen langsam und wurden weniger "von oben" dekretiert. Vielfach kommunizierte man sie gar nicht oder nur zum Teil, und erst im Laufe der späten fünfziger Jahre war die westdeutsche Selbstnarration komplett.

Die erste Erfahrung, die zu einem fundamentalen Baustein des westdeutschen Mythos ausgebaut wurde, war die Währungsreform. Unzählige Geschichten beschrieben später die Einführung des neuen Geldes als dramatisches Wendeereignis: Bis zu diesem sagenhaften 20. Juni 1948 wird eine Zeit des Stillstandes, des Darbens und Hungerns, der Waren- und Wertlosigkeit erinnert, dann geschah in den Augen vieler "über Nacht" das Wunder einer überbordenden Warenfülle. Die prall gefüllten Läden wurden zu Vorzeichen des Wirtschaftswunders, das "Kopfgeld" versprach "Wohlstand für alle". Die Wirklichkeit sah anders aus: Ob die neue Währung tatsächlich Zukunft garantieren würde, war imFrühsommer 1948 keineswegs abzusehen.

Das Jahr 1954 lieferte den Anlass, um die Erzählung vom Warenparadies fortzuspinnen und sie zu einer ersten integrierenden Sentenz auszuformulieren.[37] Der Sieg der bundesdeutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz gab der Genese des Mythos einen kräftigen Schub. Das "Wir sind wieder wer" war geboren, wobei die Werte der Fußballer von Bern als gesamtgesellschaftliche Werte kommuniziert wurden. So war es kein Zufall, dass dieser überragende sportliche Erfolg auch politisch und ökonomisch interpretiert wurde. Mit dem Sieg wurde die Erwartung beglaubigt, dass man durch ein gemeinsames Ziel, harte Arbeit und kameradschaftlichen Zusammenhalt zum Erfolg kommen könne. Der Grund-Satz von 1954 hieß: "Wir sind wieder wer, weil wir gemeinsam etwas leisten." Die Fußballhelden von 1954 gaben ideale Identifikationsfiguren eines Mythos ab, für den ein ganzes Volk mit den Händen arbeitete: den tragenden Mythos von der "Sozialen Marktwirtschaft".

Das akute Mythendefizit Westdeutschlands diagnostizierten zu Beginn der fünfziger Jahre auch führende Unternehmer: Seit Ende der vierziger Jahre hatten zahlreiche altbekannte Markenprodukte mit dem Slogan "Wir sind wieder da - in bester Friedensqualität!" auf sich aufmerksam gemacht und die Geburt des Weststaates unterfüttert. Eine gemeinschaftsstiftende Propaganda, welche die wirtschaftlichen Erfolge politisch in Dienst stellte, fehlte jedoch. Daher gründeten potente Wirtschaftler eine politische Public-Relations-Organisation namens "Die Waage. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs" und initiierten Kampagnen für die "Soziale Marktwirtschaft".[38] Der ungebremste wirtschaftliche Aufstieg und die beständige Werbung für eine Gesellschaft ohne Klassenkampf, in der "alle am gleichen Strang ziehen", hatte Ende der fünfziger Jahre zur gültigen Ausformulierung des bundesdeutschen Mythos geführt. Jetzt hieß der Leit-Satz: "Wir sind wieder wer, weil wir gemeinsam etwas leisten und weil wir uns etwas leisten können."

Österreich und die DDR profitierten nach dem Zweiten Weltkrieg propagandistisch von ihrer territorialen Begrenztheit und bedienten sich unter unterschiedlichen ideologischen Prämissen des Kindchenschemas[39]: "Wer neugeboren und klein ist, konnte gar nicht schuldig sein."[40] Die Bundesrepublik gab für die politischen Eliten beider Staaten eine probate Projektionsfläche ab: Dorthin wurden die "Schuldigen" abgeschoben, wodurch das eigene Territorium rein und unschuldig blieb.[41]


Fußnoten

27.
Vgl. Jürgen Danyel, Die SED und die "kleinen PG's". Zur politischen Integration der ehemaligen NSDAP-Mitglieder in der SBZ/DDR, in: A. Leo/ P.Reif-Spirek (Anm. 18), S. 177 - 196.
28.
Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1949 - 1989. Phasen und Kontroversen, in: Petra Bock/ders., Umkämpfte Vergangenheit, Göttingen 1999, S. 55 - 81, hier S. 60.
29.
Vgl. Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005.
30.
Ebd., S. 101.
31.
Vgl. ebd., S. 152f.
32.
Vgl. Rainer Gries/Silke Satjukow, Feindbilder des Sozialismus. Eine theoretische Einführung, in: dies. (Anm. 21), S. 15f.
33.
Vgl. E. Wolfrum (Anm. 2), S. 54f.
34.
Vgl. Otwin Massing, Gründungsmythen und politische Rituale, Baden-Baden 2000, bes.S. 83ff.
35.
E. Wolfrum (Anm. 28, S. 55f.
36.
Vgl. dazu die hexametrische Nachdichtung "Schöpfungsmythos und Goldenes Zeitalter", in: Rainer Gries/Volker Ilgen/E. Wolfrum, Gestylte Geschichte. Vom alltäglichen Umgang mit Geschichtsbildern, Münster 1989, S. 250ff.
37.
Vgl. Alfred G. Frei, Finale Grande. Die Rückkehr der Fußballweltmeister 1954, Berlin 1994; Dirk Schindelbeck, Sieger Marke Deutschland oder: "Wie wir Weltmeister wurden": Heldenstück in drei Akten, in: ders./Andreas Weber, "Elf Freunde müsst ihr sein!" Einwürfe und Anstöße zur deutschen Fußballgeschichte, Freiburg 1995, S. 71 - 88; Alfred G. Frei, Die Imagination des Wirtschaftswunders. Überlegungen zu einer modernen Erzählung über das Finale Grande der Fußballweltmeisterschaft, in: ebd., S. 130 - 137; Peter Kasza, 1954 - Fußball spielt Geschichte, Berlin 2004, S. 117ff.; Dirk Schindelbeck, Mittendrin statt nur dabei? Zur Entwicklungsdynamik von Fußball, Medien und Kommerz, in: APuZ, 54 (2004) 26, S. 16 - 22.
38.
Siehe dazu ausführlich Dirk Schindelbeck/Volker Ilgen, "Haste was, biste was!" Werbung für die Soziale Marktwirtschaft, Darmstadt 1999.
39.
Siehe Rudolf Burger, Die Zeit der Reife. Zum Abschluß der österreichischen Nationsbildung, in: Transit. Europäische Revue, (1995) 10, S. 59ff.
40.
Gerald Stourzh, Vom Reich zur Republik. Studien zum Österreichbewußtsein im 20. Jahrhundert, Wien 1990, S. 49f.
41.
Siehe dazu auch Etienne François, Meistererzählungen und Dammbrüche. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwischen Nationalisierung und Universalisierung, in: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen, Bd. 1, Mainz 2004, S. 13 - 28, S. 17f.