Der „Schwarze Montag“ in Polen am 3. Oktober 2016. Tausende polnische Frauen treten in den Streik, um gegen eine weitere Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsstrafrechts zu protestieren.

10.5.2019 | Von:
Katja Krolzik-Matthei

Abtreibungen in der Debatte in Deutschland und Europa

Konflikte um Abtreibung sind keine deutsche Eigentümlichkeit und schon gar nicht eine der Moderne. Vielmehr ist der Konflikt in dieser universalen wie menschheitsgeschichtlichen Praxis angelegt.[1] Im Wesentlichen treffen zwei Positionen aufeinander:[2] Die eine stellt den Embryo beziehungsweise den Fötus, die andere die schwangere Person in den Mittelpunkt. Diejenige Position, die den Embryo/Fötus ins Zentrum ihrer Betrachtung und Argumentation stellt, ist in der Regel gegen Abtreibung, fordert strenge Restriktionen bis hin zum vollständigen Verbot. Vertreter_innen dieser Position finden sich eher im konservativen oder rechten politischen Lager und sind häufig religiös (christlich)[3] geprägt. Vertreter_innen der Position, die die schwangere Person in den Mittelpunkt rückt, sprechen sich in der Regel für ein Recht auf Abtreibung aus und finden sich eher im liberalen und linken politischen Lager und sind häufig feministisch motiviert.[4]

Seit 1996 hat sich in der Debatte in Deutschland noch eine weitere Gruppe herausgebildet: Vertreter_innen jener Position, die den vielfach beschworenen "mühsam errungenen Kompromiss" um die Ausgestaltung der §§218ff. Strafgesetzbuch (StGB) nicht erneut infrage stellen woll(t)en, unabhängig davon, ob dieser Kompromiss ihre ehemals (oder auch immer noch) vertretenen politischen Positionen widerspiegelt oder nicht. Der Kompromiss und der damit zumindest weitgehend erreichte Rechtsfrieden führten in Deutschland tatsächlich dazu, dass nach jahrelangen erbitterten Auseinandersetzungen um die Maximalforderungen eine relative Ruhe einkehrte.[5] Mit dieser ist es vorbei.

Weltweit, auch innerhalb Europas und sogar der EU, geben Staaten sehr unterschiedliche Antworten auf die bestehenden Konfliktlinien. Dies reicht von einem völligen Verbot (etwa in Nicaragua) bis zur außerstrafrechtlichen Regelung (etwa in Kanada). Viele europäische Länder haben ähnlich wie Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Voraussetzungen legalisiert beziehungsweise straffrei gestellt, andere mit starken Restriktionen belegt.[6] Kein Staat innerhalb Europas hat bisher Abtreibung vollständig entkriminalisiert.

In diesem Beitrag wird zunächst die Begriffswahl geklärt, anschließend folgt ein Überblick über die Häufigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen und über Einstellungen zu Abtreibung in der Bevölkerung in Deutschland und Europa. Im Fokus stehen die Debatten in Deutschland, ein Blick wird auf die europäischen Beispiele Polen und Irland geworfen.

Unterschiedliche Begriffe – unterschiedliche Haltungen

Das durch äußere Einwirkung herbeigeführte vorzeitige Beenden einer Schwangerschaft kann in der deutschen Sprache mit verschiedenen Begriffen bezeichnet werden. Medizinisch werden beispielsweise die Begriffe "Abruptio" oder "Interruptio" verwendet. Der Begriff "induzierter Abort" gehört ebenfalls in den Bereich der medizinischen Fachsprache. Umgangssprachlich ebenso wie innerhalb politischer Debatten über diesen Vorgang werden vor allem die Begriffe "Schwangerschaftsabbruch" und "Abtreibung" verwendet. In der DDR kursierte noch eine weitere Bezeichnung im Diskurs. Dort wurde von einer "Schwangerschaftsunterbrechung" gesprochen.[7]

Der Begriff "Schwangerschaftsabbruch" taucht erstmalig Ende der 1960er Jahre[8] auf und scheint politischer Rhetorik geschuldet zu sein. "Abtreibung", in der jüngeren deutschen Geschichte und der Gegenwart eher als politischer Kampfbegriff wahrgenommen, war über Jahrhunderte der gängige Begriff für den Vorgang des willentlichen Abbruchs einer (ungewollten) Schwangerschaft. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff "Abtreibung" nicht mehr in seiner eigentlichen Neutralität, sondern tendenziös verwendet. So wurde beispielsweise sowohl in Gesetzestexten als auch in Zeitungsartikeln in der DDR unterschieden zwischen der legitimen "Unterbrechung" einer Schwangerschaft und einer illegalen "Abtreibung", die von "Kurpfuschern" vorgenommen wurde. Die westdeutsche Frauenbewegung beharrte darauf, den Begriff affirmativ zu verwenden und von Abtreibung zu sprechen und zu schreiben, wenn es um den Abbruch einer Schwangerschaft ging, und etablierte Abtreibung geradezu als feministischen Kampfbegriff. Gegenwärtig hat der Begriff dadurch eine widersprüchliche Konnotation: Einerseits wird er in konservativen bis hin zu fundamental-religiösen Zusammenhängen eindeutig ablehnend und auch abwertend gebraucht ("Abtreibung ist Mord"). Andererseits spielte und spielt er wieder eine wichtige Rolle in emanzipatorisch-feministischen Zusammenhängen ("Abtreibung ist ein Menschenrecht"). In anderen Sprachen, wie im Englischen, Französischen oder Spanischen, scheint es diese begriffliche Unterscheidung entlang der weltanschaulichen Position und auch die Unterscheidung zwischen politischem/öffentlichem Sprechen und Umgangssprache nicht zu geben. Abortion, avortement oder aborto werden sowohl in politischen Kämpfen als auch in der Fachliteratur benutzt. Im Folgenden werden die Begriffe "Schwangerschaftsabbruch" und "Abtreibung" synonym verwendet.

Fußnoten

1.
Vgl. Luc Boltanksi, Soziologie der Abtreibung. Zur Lage des fötalen Lebens, Frankfurt/M. 2007, S. 38–46.
2.
Vgl. Jürgen Gerhards/Friedhelm Neidhardt/Dieter Rucht, Zwischen Palaver und Diskurs. Strukturen öffentlicher Meinungsbildung am Beispiel der deutschen Diskussion zur Abtreibung, Opladen 1998.
3.
Für Einblicke beispielsweise in jüdische und muslimische Perspektiven vgl. Nationaler Ethikrat, Der Umgang mit vorgeburtlichem Leben in anderen Kulturen, Tagungsdokumentation, Berlin 2003.
4.
Eine chronologische Zusammenfassung um den Kampf von Frauen für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung findet sich bei Katja Krolzik-Matthei, §218. Feministische Perspektiven auf die Abtreibungsdebatte in Deutschland, Münster 2015.
5.
Vgl. Ulrike Busch, Vom individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Abtreibung, in: dies./Daphne Hahn (Hrsg.), Abtreibung. Diskurse und Tendenzen, Bielefeld 2014, S. 13–40. Siehe dazu auch den Beitrag von Dirk von Behren in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Siehe etwa Zwischen legal und verboten: Abtreibungen in Europa, 3.6.2016, http://www.bpb.de/228817«.
7.
Vgl. Kirsten Thietz (Hrsg.), Ende der Selbstverständlichkeit? Die Abschaffung des §218 in der DDR. Dokumente, Berlin 1992.
8.
"Schwangerschaftsabbruch", in: DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, http://www.dwds.de/wb/Schwangerschaftsabbruch«.
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Autor: Katja Krolzik-Matthei für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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