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10.5.2019 | Von:
Daniel Hornuff

Lebensschutzdebatte im Zeitalter der Digitalisierung. Über Schwangerschaft als Gestaltungsprojekt

"Treffe Dein Baby vor der Geburt." Die Aussicht klingt verlockend: Warum sich mit den wenigen kassenärztlich genehmigten Terminen zum pränataldiagnostischen Screening begnügen? Warum nicht öfter, gerne wöchentlich, idealerweise zu jeder Tages- und Nachtzeit und damit je nach Lust und Laune einfach mal nachsehen, ob (noch) "alles in Ordnung" ist? Schließlich gilt eine Schwangerschaft in der westlichen Moderne als etwas, das allenfalls noch rund zwei Mal im Leben eines Menschen vorkommt und entsprechend als biografisch attraktive Ausnahme – als singuläre Sensation – wahrgenommen wird.

Mit dem "Baby Scan" soll dieser vorgebliche Traum werdender Eltern Wirklichkeit werden. Neben dem Scanner in Form eines kleinen länglichen Geräts werden einzig die dazugehörige App plus stabile WLAN-Verbindung benötigt. "Der Baby-Scanner ermöglicht es Schwangeren, zum Vergnügen Ultraschallaufnahmen von ihrem Baby im entspanntem Ambiente ihrer eigenen Wohnung zu machen und so die Entwicklung des Babys in ihrem Bauch zu verfolgen. Die aufgenommenen Bilder können in der Baby-Scan-App gespeichert sowie mit Freunden und Familie geteilt werden", verspricht der Anbieter.[1]

Damit vollendet dieses Produkt, was sich in den zurückliegenden Jahrzehnten immer stärker herauskristallisiert hat: dass die Sichtbarmachung des Ungeborenen zu den am stärksten nachgefragten medialen Praktiken unserer Kultur gehört. Bilder vom Ungeborenen gelten vor allem in westlichen Gesellschaften als ebenso suggestiv-wirkungsvolle wie überzeugend-dokumentierende visuelle Artefakte. Wer eine bildliche Darstellung vom Ungeborenen betrachtet, meint den ersten greifbaren Nachweis eines kommenden Menschen zu erblicken. Folglich scheinen derartige Bilder – jene "virtuellen Schwangerschaften"[2] – das ultimative Zukunftsversprechen abzugeben: Als sei auf ihnen zu sehen, was bald schon sein werde.

In diesem Beitrag beschäftige ich mich mit dem öffentlichen Design der Schwangerschaft. Folglich wird hier keine "Abtreibungsdebatte" geführt, sondern es werden jene ästhetischen und medialen Praktiken untersucht, die dazu beitragen, dass das Ungeborene mit einem spezifischen Image ausgestattet wird. Als These arbeite ich heraus, dass Digitalisierung in Form der Sozialen Netzwerk- und Kommunikationskultur erheblichen Einfluss auf die Frage ausübt, wie Ungeborene subjektiviert werden und die Schwangerschaft insgesamt semantisiert wird. Abschließend benenne ich schlaglichtartig Leerstellen der aktuellen Debatten um das Recht auf Abtreibung – um dazu beizutragen, dass die (politische) Diskussion um den Lebensschutz die Bedingungen der heutigen Zeit angemessen berücksichtigt.

Technologiekritische Einwände

In ihrem grundlegenden Werk "Der Frauenleib als öffentlicher Ort" setzt sich die Körper- und Wahrnehmungshistorikerin Barbara Duden mit der Frage nach der "Preisgabe des Intimen" auseinander. [3] Im Zentrum steht das Ungeborene als mediales Faszinosum. Dieses wird als ein vor allem visuell entäußertes und damit optisch erfassbares Gegenüber untersucht. Insbesondere in Kampagnen der Lebensschutzbewegung reüssiere das Ungeborene als Werbe- und Indoktrinationsobjekt. "Schamlos" werde es öffentlich "der Schaulust aufgezwungen", mit der Folge, dass die "Wirkweise dieser anatomischen Weltausstellung" kaum zu unterschätzen sei: "Unter dem Bombardement mit Föten", konstatiert Duden, "gibt es immer mehr Schwangere, die sich fragen, wie sie in ihrem Erleben dem Schatten dieser biologischen Abstraktion entgehen können."[4]

Eine dieser gesellschaftlichen Konsequenzen, der man sich nach Dudens Einschätzung nur schwer entziehen könne, bestehe in der Etablierung der "Scheinwirklichkeit ‚Leben‘": Was als körperliches, quasi-menschliches "Würmchen mit dem großen Kopf" in Erscheinung trete, werde als "wissenschaftlich hergestellte Tatsache" ins Bewusstsein gehoben. Erst dadurch erlange es "staatlichen Schutz". Dieses so geschaffene Rechtssubjekt befördere wiederum eine allgemeine "Zustimmung zum verwaltenden Zugriff auf die Frau".[5] Sie erscheine als ihrem eigenen Ungeborenen untergeordnet, richte sich doch der wesentliche Fokus in der Phase der Schwangerschaft weniger auf die Sorgen, Empfindungen und Erlebnisse der Frau als auf die – gesunde – Entwicklung dessen, was sich in ihr vollziehe.

Duden argumentiert aus einer feministischen Position, deren Argumente in einer technologiekritischen Perspektive entwickelt werden. Die mediale Durchleuchtung des Frauenkörpers – insbesondere die Sichtbarmachung des Ungeborenen – wird demzufolge als umfassend entfremdender An- und Eingriff gewertet, der dazu führe, dass das authentische Selbsterleben von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt mit der Erweiterung diagnostischer Instrumentarien verloren gehe. Folglich implementiere der medizinische Apparat mit der ausgreifenden Autorität eines vermeintlichen Mehrwissens ein System "öffentliche[r] Überwachung".[6] "Natur", so schließt Duden, "ist (…) das technisch vermittelte Konstrukt, das [die Frau] sich selbst zuschreibt" – und weiter: "Ein Fötus ‚organisiert‘ sich im mütterlichen Feld. Er ist primär weder Eizelle noch Zygote, weder Embryo noch Kind, sondern ein kybernetischer Zustand". In "diesem zur Wüste gewordenen Inneren der Frau" sei letztlich "jede Sinnlichkeit ausgelöscht".[7]

Duden lancierte ihre Thesen zu Beginn der 1990er Jahre und damit zu einer Zeit, in der Ultraschallverfahren erstmals derart verfeinert wurden, dass auch Laien in den sonografischen Aufnahmen vorgeburtlicher Frühstadien zumindest ungefähre körperliche Konturen entdecken konnten. Zwar gab es bekanntlich weit früher – etwa Mitte der 1960er Jahre durch den Fotografen Lennart Nilsson – zahlreiche Versuche, dem Ungeborenen als körperlich-wesenhafter Sensation auf die Schliche zu kommen, um ihm ein vermeintlich angemessenes, weil massenmedial verbreitbares Bild zu verleihen.

Doch erst später wurde das Screening in der diagnostischen Praxis nicht länger allein der Deutungskraft medizinischer Autoritäten unterstellt; nach und nach resultierte aus ihm eine Art visuelles Allgemeingut: Die Bildchen – jene ästhetischen Mitbringsel von der ärztlichen Reise in den eigenen Uterus – wurden ab den 1990er Jahren zunehmend mit Familie und Freunden geteilt, sie fanden Eingang in Fotoalben und Portemonnaies und nisteten sich damit regelrecht in der Alltagskultur ein.

Dies bedeutete, dass das Ungeborene in Form eines scheinbaren Porträts bereits vor seiner Geburt in das Bildgedächtnis aufgenommen und somit als vollgültiges Mitglied in der Gemeinschaft der Geborenen – und deren Porträts – aufgefasst wurde. Manche sprachen denn auch von "Fetal Galaxies",[8] die mit der weiteren Entwicklung optischer Kontrollgeräte erschlossen und als vorgebliche Bilddokumente in den massenmedialen wie privaten Umlauf gebracht wurden – und damit im Grunde immer weiter popularisierten, was Nilsson mit seinem "Kosmos-Fötus"[9] bereits bildästhetisch gesetzt hatte.

Fußnoten

1.
http://www.baby-scan.com/Home/FrequentlyAskedQuestions«. Siehe auch https://twitter.com/baby_scan_«.
2.
Barbara Orland, Virtuelle Schwangerschaften. Eine Mediengeschichte aktueller Formate pränataler Bildgebung, in: Zeitenblicke 3/2008, http://www.zeitenblicke.de/2008/3/orland«.
3.
Barbara Duden, Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Mißbrauch des Begriffs Leben, München 1994, S. 67.
4.
Ebd.
5.
Ebd., S. 66.
6.
Ebd., S. 121.
7.
Ebd., S. 141.
8.
Meredith W. Michaels, Fetal Galaxies: Some Questions About What We See, in: dies./Lynn M. Morgan (Hrsg.), Fetal Subjects, Feminist Positions, Philadelphia 1999, S. 113–132.
9.
Verena Krieger, Der Kosmos-Fötus. Neue Schwangerschaftsästhetik und die Elimination der Frau, in: Feministische Studien 2/1995, S. 8–24. Krieger setzt sich kritisch mit der populärkulturellen Sichtbarmachung des Ungeborenen auseinander und arbeitet das damit einhergehende wahrnehmungstheoretische Paradoxon heraus: "Ein Fötus tritt (…) ans Licht der Welt. Denn die Welt hat ein Licht auf ihn geworfen, noch bevor er als Mensch zur ebensolchen kommen wird", in: ebd., S. 8.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Daniel Hornuff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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