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Bundesdeutsche Souveränität und die Rückgabe der diplomatischen Akten


22.4.2005
Die schrittweise Rückführung der bei Kriegsende durch die Alliierten beschlagnahmten Akten zeigt: Souveränität kann auch durch die Rückgabe diplomatischer Akten erreicht werden.

Einleitung



Der Weg der jungen Bundesrepublik zur weitgehenden staatlichen Souveränität im Mai 1955 wird in der Regel in politikgeschichtlichen Schritten bemessen. Die Aufmerksamkeit gilt dabei Konrad Adenauers großen Verhandlungen mit den Alliierten Hohen Kommissaren, bei denen er den schrittweisen Abbau alliierter Kontrollen und die institutionellen und vertraglichen Einbindungen der Bundesrepublik in das westliche Staatensystem erzielte. Adenauer verhandelte die "harte" Souveränität, nämlich die "volle Macht eines souveränen Staates über [seine] inneren und äußeren Angelegenheiten", wie es im Deutschlandvertrag hieß. Nach den Jahren der Besetzung wollte er für die junge Republik so bald wie möglich Gleichberechtigung und Sicherheit im westlichen Bündnis und den Ausbau und die Konsolidierung ihres völkerrechtlichen Status erreichen.

m Windschatten der großen Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und den Westalliierten, und mit diesen eng verzahnt, verliefen aber noch andere Gespräche, die in den Augen der Zeitgenossen für die Souveränität des Staates nicht weniger relevant waren. Die Rückgabeverhandlungen um beschlagnahmte deutsche Akten sind dafür ein Beispiel. Die Bundesregierung forderte von den Westalliierten die Rückkehr von Akten und Archivgut, das beim militärischen Vormarsch beschlagnahmt worden war. Die Geschichte der Aktenrückgabe ist ein bisher vernachlässigtes Kapitel der politischen Emanzipation der Bundesrepublik. Die Verhandlungen waren neben der Wiedereröffnung von Konsulaten, der neuerlichen Aufnahme von Außenhandelsbeziehungen oder der Regelung von Auslandsschulden nicht einfach ein weiteres Sachgebiet der jungen bundesdeutschen Außenpolitik. Vielmehr wurde die Forderung nach Rückkehr der Akten auf der symbolischen Ebene schnell zu einem Versuch, verlorene Souveränität zurückzugewinnen.

Die vorrückenden Armeen der Alliierten hatten bei Kriegsende hunderte von Tonnen an Schriftgut aus den Registraturen und Archiven von Reichsministerien, militärischen Stellen, der NSDAP, der ihr angeschlossenen Parteiorganisationen, Forschungsinstituten und der deutschen Industrie beschlagnahmt. Besonders die amerikanischen und britischen Truppen hatten sich monatelang minutiös auf die Beschlagnahmungen vorbereitet. Ihre Planungsstäbe dirigierten spezielle Einheiten, so genannte Target-Forces, und versuchten die Schritte der Deutschen nachzuvollziehen, die auf die Bombardierungen der Städte mit der Auslagerung ganzer Dienststellen und Archive an weniger exponierte Orte reagierten. Im Zuge des Vormarsches füllten sich die Aktensammelstellen der Alliierten, die Document Centers, mit deutschen Akten. Mancher Fang war eine besondere Trophäe, beispielsweise die Erbeutung der Mitgliederkartei der NSDAP in einer Papiermühle bei München durch amerikanische Einheiten. Auch die Beschlagnahmung des Archivs des Auswärtigen Amtes im Harz im April 1945 galt als Triumph, schon allein, weil Briten und Amerikaner den Fund vor den Sowjets eine Zeit lang geheimhalten konnten.

Dokumentenjäger suchten in den Document Centers der Westzonen nach Beweismaterial für die geplanten Kriegsverbrecherprozesse, waren Verbindungen der NSDAP ins Ausland auf der Spur, vollzogen Kapitalflucht und Kunstraub nach, schöpften technisches Know-how der deutschen Industrie ab und versuchten zu erfassen, was im Innern des "Dritten Reiches" vor sich gegangen war. Brisantes Material - militärische, diplomatische und technische Unterlagen - wurde zur weiteren Auswertung aus Deutschland ausgeflogen oder verschifft. Besonders die Viersektorenstadt Berlin erschien den Briten und Amerikanern bald nicht mehr sicher. Die Beuteakten sollten bei einer möglichen Eskalation der dort wachsenden Spannungen nicht den Sowjets in die Hände fallen. Am Ende der Besatzungszeit hatte allein das amerikanische Kriegsministerium etwa 800 Tonnen vor allem militärischer Akten nach Washington verlegt.[1]

Lange ließ sich für die Deutschen kaum auseinander halten, welches Material durch den Bombenkrieg verloren, welches sie selbst bei Kriegsende vernichtet und welches die Kriegsgegner beschlagnahmt und verlagert hatten. Archivare waren die ersten, die sich einen Überblick zu verschaffen suchten. Sie forderten im Mai 1949, die Frage der Aktenrückgabe in einem Friedensvertrag zu regeln. Im September äußerten sich auch die deutschen Historiker. Die Teilnehmer des ersten Nachkriegs-Historikertages in München beklagten den "politisch wie wissenschaftlich gleich bedenkliche[n], auf die Dauer unerträglich[en] Zustand, dass weitaus der größte und wichtigste Teil des Quellenmaterials seit 1919, in einzelnen Beständen sogar seit der Bismarckzeit, sich heute außerhalb Deutschlands befindet und der deutschen Forschung praktisch unzugänglich ist". Im Oktober 1949, in einer seiner ersten Sitzungen, nahm sich der Deutsche Bundestag des Themas an und forderte die Rückgabe der deutschen Akten; zumindest jener in westalliiertem Gewahrsam.[2]

Im Juni 1950 übermittelte Konrad Adenauer die Rückgabeforderung des Bundestages den Hohen Kommissaren. Er stellte sich voll hinter das Anliegen und forderte die Rückkehr aller Akten von "früheren Reichsbehörden sowie der verschiedenen Wehrmachtsstäbe und der obersten Parteistellen". Die "wissenschaftliche Aufklärung des deutschen Volkes über die Vorgänge unter der nationalsozialistischen Herrschaft" sei eine wichtige Aufgabe der Bundesregierung, die Rückgabe der Akten die Voraussetzung für eine "einwandfreie Forschung"[3]. Die Diplomaten im Bundeskanzleramt, die bald darauf in das wiedergegründete Auswärtige Amt einrückten, betrachteten die Frage anfangs lediglich als logistisches Problem. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass sie am Beginn von Jahre währenden, streckenweise zermürbenden Verhandlungen mit den Regierungen der Westalliierten stehen könnten. Tatsächlich begannen Rückgaben in nennenswertem Umfang jedoch erst elf Jahre nach Kriegsende: Die diplomatischen Akten des früheren Auswärtigen Amts trafen zwischen 1956 und 1958 in Bonn ein. Gleichzeitig begann die Rückgabe militärischer Akten aus Washington, die 1968 zu einem vorläufigen Abschluss kam. Bis heute kehren sporadisch deutsche Akten aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten zurück.



Fußnoten

1.
Vgl. Astrid M. Eckert, Kampf um die Akten. Die Westalliierten und die Rückgabe von deutschem Archivgut nach dem Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 2004, S. 22 - 120.
2.
Resolution des Archivtags in Wiesbaden, Mai 1949, in: Der Archivar, 2 (1949) 2, S. 48; Entschließung des deutschen Historikertages, in: Historische Zeitschrift, 169 (1949), S. 669f.; Bundestag, 1. Wahlperiode 1949, Drucksache Nr. 149, 27. 10. 1949.
3.
Adenauer an den Geschäftsführenden Vorsitzenden der AHK, André François-Poncet, 17. 6. 1950, in: Konrad Adenauer, Briefe 1949 - 1951, Nr. 257, bearb. von Hans Peter Mensing. Rhöndorfer Ausgabe, hrsg. von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz, Berlin 1985, S. 232f.