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22.4.2005 | Von:
Astrid M. Eckert

Bundesdeutsche Souveränität und die Rückgabe der diplomatischen Akten

Die Akten des früheren Auswärtigen Amts

Die diplomatischen Akten spielten eine besondere Rolle und legten alle Empfindlichkeiten bloß, die sich an den Aktenverlust knüpften. Wie bei keinem anderen Material machten die Verhandlungen um diese Unterlagen deutlich, dass die Geschichte der Aktenrückgabe zugleich auch eine Auseinandersetzung um die Deutungsmacht über die deutsche Geschichte war. Die neue Verteilung der Quellen, nämlich ihr temporärer Verlust für die (west-)deutsche Geschichtswissenschaft und, umgekehrt, der unvorhergesehene Zuwachs an Quellen für die amerikanischen und britischen Historiker, löste eine Auseinandersetzung um die legitimen Sprecher in der Deutung deutscher Geschichte aus.

Auf deutscher Seite verknüpfte sich diese Frage mit der Debatte um die (Un-)Versehrtheit der Nationalgeschichte und die Einordung des Nationalsozialismus in ihr Kontinuum. Der Kampf um die Akten verband sich in der jungen Bundesrepublik mit einem "sprunghaft wachsenden Bedarf an historischer Selbstvergewisserung"[4], dessen Konsequenz unter anderem die Anfänge institutionalisierter Zeitgeschichtsschreibung waren. Auf der Gegenseite - bei den britischen und amerikanischen Historikern genauso wie bei den politisch Verantwortlichen - war der Blick auf die Geschichte nicht weniger relevant. Dort stand das Bewusstsein, durch den Besitz des Quellenmaterials die zukünftige Meistererzählung deutscher Geschichte und eben auch den Ort des Nationalsozialismus darin entscheidend beeinflussen zu können.

Seit das Archiv des Auswärtigen Amts im April 1945 im Harz aufgespürt worden war, unterstand es der gemeinsamen Verwaltung des britischen Foreign Office und des amerikanischen State Department, deren Experten die Akten erst einmal nachrichtendienstlich auswerteten. Allerdings war schon frühzeitig auch ein starkes historisches Interesse an den Akten aufgekommen. Britische Historiker forderten noch während des Krieges die Veröffentlichung deutscher Akten zum Kriegsbeginn, die historischen Abteilungen der Außenministerien in London und Washington nahmen die Idee auf. Die Deutung der jüngsten Vergangenheit sollte nicht, wie nach dem Ersten Weltkrieg, den Deutschen überlassen bleiben. Damals hatte das Kriegsschuldreferat des Auswärtigen Amts eine Dokumentenedition in Auftrag gegeben, welche die Diskussion um den Beginn des Ersten Weltkriegs erneut in Gang bringen und den Kriegsschuldvorwurf gegen das Deutsche Reich in Frage stellen sollte. Unter dem Titel Die Große Politik der Europäischen Kabinette wirkte sich die Edition während der Zwischenkriegsjahre besonders in den Vereinigten Staaten in diesem Sinne aus.

Um also den Deutschen nach dem neuerlichen Krieg auf keinen Fall die Akten als Material für eine apologetische Geschichtspolitik zu überlassen, kamen State Department und Foreign Office im Juni 1946 überein, die diplomatischen Akten in einer gemeinsamen, wissenschaftlichen Edition selbst zu veröffentlichen. Sie stellten eine Arbeitsgruppe von akademisch ausgewiesenen Historikern aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien zusammen, welche die deutsche Außenpolitik vor den Augen der Weltöffentlichkeit ausbreiten sollten, solange das Interesse an der jüngsten Vergangenheit noch akut war. Die Franzosen wurden im April 1947 eingeladen, an der Edition mitzuarbeiten. Eine sowjetische Mitarbeit hatten Briten und Amerikaner hingegen nie ernsthaft erwogen.

Deutsche Gelehrte an der Edition zu beteiligen stand in der frühen Phase nicht zur Diskussion. Die Historiker arbeiteten in Whaddon Hall, einem Landhaus nahe London, wohin die Akten während der Berliner Luftbrücke 1948 ausgelagert worden waren. Das politische Interesse an der Edition Documents on German Foreign Policy war auf westalliierter Seite stark genug, um sich öffentlich und finanziell in gehörigem Umfang zu engagieren. "Nie zuvor", hieß es im Vorwort des ersten Bandes, "hatten drei siegreiche Mächte sich die Aufgabe gestellt, die Geschichte der Außenpolitik einer besiegten Macht aus solchen Archiven 'auf der Grundlage strengster wissenschaftlicher Objektivität' lückenlos aufzuzeigen." Mit ihrem Vorgehen wiesen die Westalliierten den deutschen diplomatischen Akten eine hohe Symbolkraft zu, welche die Bonner Diplomaten durch die prioritäre Rückgabeforderung eben dieser Akten noch unterstrichen.

Die Documents on German Foreign Policy waren die nach außen sichtbarste Folge der Beschlagnahmung deutscher Akten. Der erste Band "Von Neurath zu Ribbentrop" erschien 1949 auf englisch und ein Jahr später auf deutsch. Die Tatsache, dass die Alliierten diese Akten in einer wissenschaftlichen Edition veröffentlichten, hatte auf die interessierte deutsche Öffentlichkeit eine Schockwirkung und wurde als entmündigende Umerziehungsmaßnahme wahrgenommen. Der Anknüpfungspunkt der Documents an die deutsche Edition Große Politik war für informierte Beobachter zu offensichtlich, um übersehen zu werden. Zeitungskommentatoren zeigten sich alarmiert darüber, dass vergangene deutsche Außenpolitik bis zurück ins Jahr 1867 in "Feindeshand" gefallen war. Denn die beschlagnahmten Dokumente erzählten den "Schicksalsweg des deutschen Volkes" von der Gründung des Norddeutschen Bundes bis zur "nationalen Katastrophe". Ihre Beschlagnahmung bedeute "nationalpolitisch und geisteswissenschaftlich durchaus [dasselbe] wie etwa volkswirtschaftlich die Beschlagnahmung der deutschen Patente". Sogar von einer "zeitweilige[n] Lähmung der Nervenstränge unseres nationalgeschichtlichen Erinnerungsvermögens" war die Rede.[5]


Fußnoten

4.
Ralph Jessen, Zeithistoriker im Konfliktfeld der Vergangenheitspolitik, in: Konrad Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt/M. 2002, S. 153.
5.
Adolf Halfeld, Die Wilhelmstraße, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 15. 7. 1950.