APUZ Dossier Bild

22.4.2005 | Von:
Astrid M. Eckert

Bundesdeutsche Souveränität und die Rückgabe der diplomatischen Akten

Das "Intimste einer Nation"

Selbst wenn man die gängige Diktion der fünfziger Jahre in Rechnung stellt, die einem heutigen Leser überspannt erscheinen mag, so überrascht immer noch die Einhelligkeit der Zeitungsartikel zum Thema. Die Beschlagnahmung und Veröffentlichung der deutschen Akten sei eines der "beschämendsten [!] Kapitel des deutschen Volkes. Wenn man einem Volk seine Archive nimmt, macht man es geschichtslos und beraubt es nicht nur seiner Geschichtsquellen, sondern auch der Möglichkeit, seine Geschichte selbst zu schreiben."[6] Die Alliierten hätten "ein Stück deutscher Geschichte erbeutet und weggetragen". Denn die Akten von Außenministerien gehörten allerorten zu den "wichtigsten Geschichtsquellen. Sie werden besser gehütet als andere und nur nach Wartezeiten und unter Berücksichtigung des Staatsinteresses der Forschung zugänglich gemacht. Wer sie erbeutet, kann ins Intimste einer Nation hineinschauen."

Mit jenen Akten geht die Kontrolle über die Geschichtsschreibung in fremde Hände über. Man muß dann aus den Federn der Sieger die eigene Geschichtsdarstellung entgegennehmen (...)."[7] Entsprechend war an anderer Stelle analog zum Abbau der Schwerindustrie von der "Demontage unserer Geschichte" die Rede. Die verschleppten Akten seien "für Staat und Volk dasselbe wie Stammbaumtafeln, Katasterbescheinigungen oder Haushaltsbücher für die Familie. Wenn das Material vernichtet ist, hört die Geschichtlichkeitauf." Neben Kriegsverlusten durch Bombenkrieg und Vertreibung müsse nun alsonoch die "Abrüstung der deutschen Geschichte durch die Siegermächte"[8] ertragen werden.

Die Ablehnung einer aufgezwungenen "Geschichte von außen", die Angst vor "Geschichtsverlust" und verletzter Nationalstolz sind die Motive dieser Äußerungen. Sie bestätigen einmal mehr ein Muster, das auch bei anderen Fällen von Archiv- und Kulturgutraub in der Geschichte zu beobachten ist: Der Archivraub demonstriert die Macht des Räubers und demütigt den Beraubten.[9] Noch Jahrzehnte später und über Generationen hinweg folgen ihm Versuche der Revision - durch Gegenraub, Tausch oder Verhandlungen. Die Zeitungskommentare unterstreichen aber auch, wie zentral ihnen Interpretationen der Vergangenheit dafür waren, die Gegenwart einzuordnen und ein nationales Selbstverständnis zu konstruieren. Die Motive ordnen sich in den von Edgar Wolfrum beschriebenen geschichtspolitischen Diskurs der fünfziger Jahre ein, der unter anderem gekennzeichnet war von geschichtspessimistischen Zeitdiagnosen und wachsenden Verlustängsten. Die Nation drohte durch die politischen Entwicklungen faktisch zu entgleiten, der als Provisorium angelegte neue West-Staat konsolidierte sich und prosperierte zu einem Dauerzustand.[10]

Die jüngste Vergangenheit war für jene, die bereit waren, die beispielsweise in den Nürnberger Prozessen ausgebreiteten Fakten zu rezipieren, desavouiert. In der weiter zurückliegenden Vergangenheit ließen sich hingegen immer noch historische Orte der Nation entdecken, aus denen sich positive Selbstvergewisserung ziehen ließ. Wenn schon die Diskreditierung der jüngsten Vergangenheit akzeptiert werden musste - sei es aus Kalkül, Konzession oder Einsicht -, so galt es, die übrigen Erinnerungsorte vor unwillkommenen Interpretationen zu bewahren. Mit dem Material für die Geschichtsschreibung schien die Geschichtsdeutung selbst verloren zu sein. Der physische Entzug des Papiers und der ausländische Blick in die Akten lösten in der publizistischen Überhöhung gleichsam einen mnemonischen Hirnschlag aus; oder eben, in zeitgenössischer Diktion, eine "Lähmung der Nervenstränge unseres nationalgeschichtlichen Erinnerungsvermögens"[11]. Hier erst drohte die eigentliche Gefahr: Ohne die Orientierung durch das "nationalgeschichtliche Erinnerungsvermögen", so legt diese Lesart nahe, war der Geschichte von außen nichts mehr entgegenzusetzen. Bei solchem Kontrollverlust hätten es die Sieger dann in der Hand, "unser Bild (...) nach ihren Interessen mit dem Vorteil des ersten Eindrucks einzuprägen"[12].

Die Geschichte wurde in dieser Wahrnehmung zum Umerziehungsinstrument der Alliierten und löste die entsprechenden Abwehrreflexe aus. Dass es sich bei der Edition nicht um darstellende und damit interpretierende Geschichtsschreibung handelte, sondern um die Veröffentlichung von Quellen, spielte keine Rolle.[13] Den deutschen Historikern, so meinte ein Kommentator, stehe "das erste Anrecht" auf die Akten zu.[14] Ihr Fehlen bei den Arbeiten an der Dokumenten-Edition war nicht nur eine Stilfrage. Zwar traute sich keine Zeitung, der Edition ihre wissenschaftlichen Meriten abzusprechen; eine gewisse Beißhemmung gegenüber den vormaligen Besatzern blieb bestehen. In bemüht diplomatischen Tönen, aber dennoch deutlich, kommentierte aber die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "So neidlos wir diese wissenschaftlichen Bemühungen begrüßen, weil gewissenhafte Forschung ohne Ansehen der Nationalität des Forschenden Früchte für alle Nationen trägt, so bedauerlich, ja bisweilen bestürzend war es doch, dass die deutsche historische Wissenschaft von dieser Arbeit ausgeschlossen war."[15]


Fußnoten

6.
Die Rückkehr der Akten, in: Rheinzeitung (Koblenz) vom 25. 4. 1956.
7.
"Geschichtsquellen als Kriegsbeute. Die Akten des Auswärtigen Amts kehren zurück." Dieser Artikel findet sich ohne Quellenangabe in den Geschäftsakten des Bundesarchivs mit dem Eingangsstempel 7. 5. 1956. Bundesarchiv Koblenz (BA/K), B198, Bd. 132.
8.
Dr. K., Die Demontage unserer Geschichte. Unersetzliche Archive wurden zerstört, entführt oder dem Osten ausgeliefert, in: Hamburger Freie Presse vom 20. 10. 1950.
9.
Vgl. Alexander Demandt, Vandalismus. Gewalt gegen Kultur, Berlin 1997, S. 43, über Kunstraub.
10.
Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948 - 1990, Darmstadt 1999, S. 222 - 238.
11.
A. Halfeld (Anm. 5).
12.
"Geschichtsquellen als Kriegsbeute" (Anm. 7).
13.
Vgl. Wo bleiben unsere Akten?, in: Rheinzeitung (Koblenz) vom 21. 5. 1953.
14.
Dr. W. W., Verstopfte Quellen, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 6. 5. 1955.
15.
Die Aktenlücke, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. 4. 1956.