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12.4.2005 | Von:
Wolfgang Engler

Der Herbst der guten Arbeit und der Osten Deutschlands - Essay

Die Hartz-Gesetze in Deutschland kombinieren eine soziale Mindestsicherung auf unterem Niveau mit einem System der Zwangsbewirtschaftung der Arbeit. Die soziale Not wird weniger überwunden als vielmehr verallgmeinert; Arbeitslosigkeit ungewollt reproduziert.

Einleitung

Auch in wirtschaftlich fortgeschrittenen Gesellschaften bilden Menschen ohne Arbeit seit Jahrzehnten einen eigenen sozialen Stand, aus dem Einzelne nur um den Preis auszutreten scheinen, dass andere in ihn eintreten. Die statistische Größe dieser sozialstrukturellen Gruppe variiert von Zeit zu Zeit und von Land zu Land, was zu allerlei Ausflüchten Anlass gibt. Noch immer verschließt sich der Alltagsverstand, verschließt sich insbesondere die herrschende ökonomische Lehre dem zwingenden Zusammenhang von Produktivitätsfortschritt und freigesetzter Arbeit. Die versammelte Gelehrsamkeit eines Landes mit hoher, sich als Arbeitslosigkeit äußernder Freisetzungsrate preist Regierten wie Regierenden Verhältnisse aus solchen Staaten an, die sich der Lösung dieses Notstands rühmen. Im Einzelnen ist dabei viel zu lernen. Aber man täusche sich nicht: Der genannte Zusammenhang besteht, auch dann, wenn er verschleiert, versteckt, verschoben wird.[1]

In Deutschland wird die Krise des Erwerbssystems seit vielen Jahren verschleiert - trotz des an sich schon beunruhigenden Ausmaßes allein der offiziell eingeräumten Beschäftigungsmisere: Die Verschleierung erfolgt etwa auf dem Wege der Herabsetzung der Kriterien der staatlich anerkannten Arbeitslosigkeit; der Verabschiedung älterer Erwerbspersonen in den Ruhestand; von Beschäftigungstherapien, die weit öfter in die verhasste Untätigkeit zurück-, als aus dieser herausführen; der resignierten Abkehr vom Arbeitsmarkt bei gleichzeitigem Eintauchen in die Sphäre familiärer oder partnerschaftlicher Abhängigkeiten; des Hinausschiebens des kritischen Moments des Eintritts in den Arbeitsmarkt, durch Studieren ohne Ziel und Leidenschaft, getrieben einzig von der vagen Hoffnung auf den Tauschwert gehobener Bildungspatente.

Die bezeichnenderweise unter dem Namen eines Wirtschaftsmanagers, des Personalchefs der Volkswagen AG Peter Hartz, firmierenden Arbeitsmarktreformen tragen das Versprechen in sich, all diese Misstände zu beseitigen, auch wenn von der Halbierung des Arbeitslosenkontingents niemand mehr ernstlich spricht. Mittels durchgreifender Effektivierung der Arbeitsvermittlung im technisch-organisatorischen Sinn - durch Fördern und Fordern der als arbeitsfähig erkannten Arbeitslosen - soll jeder und jedem die Möglichkeit (zurück)gegeben werden, ihr Leben auf Erwerbsarbeit zu gründen.


Fußnoten

1.
Die hier skizzierten Gedanken sind in einem neuen Buch des Verfassers ausführlicher entwickelt. Unter dem Titel "Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft" ist es soeben im Aufbau-Verlag erschienen.