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Egalitär und emanzipativ: Leitlinien der Bildungsreform


15.3.2005
Es werden Vorschläge zu einer Bildungsreform vorgetragen, die sich durch das Festhalten an einem emanzipativen Bildungsanspruch und durch die konsequente Orientierung an einer Reduzierung von Bildungsbenachteiligung auszeichnen.

Einleitung



Der vorliegende Beitrag ist ein Plädoyer für eine Bildungsreform. Mit jedem Reformversuch - gerade mit einem, der die Grundfesten einer rund hundert Jahre währenden deutschen Bildungsverfassung in Zweifel zieht - sind politische Grundsatzentscheidungen verbunden.

Im Folgenden soll daher zu Beginn die grundsätzliche Frage gestellt werden, welche gesellschaftliche Funktion Bildung heute tatsächlich einnimmt und welche Aufgabe sie zukünftig haben sollte. Dabei zeigt sich, dass offenbar mehr auf dem Spiel steht als die Änderung der Rahmenbedingungen schulischen Lernens. Das Bildungssystem war und ist der Garant für die Aufrechterhaltung einer innergesellschaftlichen Machtasymmetrie. Unsere eigene normative Vorgabe, die Egalisierung individueller Bildungschancen sowie die bessere Ausschöpfung emanzipativer Potenziale durch Bildung, stellt zu der Reproduktion von Machtasymmetrien einen Gegenpol dar.

Ein emanzipatives Bildungsideal und Chancengleichheit im Bildungswesen dürfen nicht als bloße Zugaben einer demokratisch verfassten Gesellschaft verstanden werden. Sie bilden, ganz im Gegenteil, deren unbedingte Voraussetzung. Ob Bildung erfolgreich ist, wird heute nahezu ausschließlich anhand ökonomischer Erfolgskriterien gemessen.

Diese Einengung des Bildungsbegriffs ist keinesfalls darauf beschränkt, dass wirtschaftliche Verwertungsinteressen in den Vordergrund rücken. [1] Mit dem Prozess der Ökonomisierung von Bildung eng verbunden, gewinnen seit über zwei Jahrzehnten Phänomene gesellschaftlicher Ungleichverteilung erneut die Oberhand.

Dem Bildungserwerb kommt somit nicht nur eine technische Funktion zu (im Sinne individueller Qualifizierung), er erfüllt auch eine Ungleichheit generierende Funktion: Bildungsinstitutionen regeln die Reproduktion der Strukturen sozialer Ungleichheit, der Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft; sie übernehmen die zentrale Funktion einer Chancenverteilungsstelle.[2]


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Fußnoten

1.
Aus Platzgründen kann diesbezüglich hier nur ein thematischer Verweis angeboten werden. Dieser beinhaltet primär die Bedeutung politischer Regulierungsformen für eine Verschiebung zum Primat der Ökonomie (hierzu gehört GATS), die Funktion der privaten Stiftungen und Lobbyisten sowie schließlich terminologische Neuprägungen wie der Begriff "Bildungsmarkt", der heute durchaus eine Wegweiserfunktion erfüllt. Vgl. hierzu besonders die Bedeutung der Bertelsmann-Stiftung und von Arbeitgeberorganisationen wie dem BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie), die eigenständig operativ, aber auch eingebunden in öffentliche Entscheidungsgremien Lobbyarbeit für Privatisierung und Ökonomisierung im Bildungswesen betreiben. Vgl. Carsten Keller/Oliver Schöller, Autoritäre Bildung. Bildungsreform im Zeichen von Standortwettbewerb und neuen Eliten, in: Uwe H. Bittlingmayer u.a. (Hrsg.), Theorie als Kampf. Zur politischen Soziologie Pierre Bourdieus, Opladen 2002, S. 381 - 414.
2.
Vgl. Andreas Klocke, Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Generationenfolge, in: Peter A. Berger/Michael Vester (Hrsg.), Alte Ungleichheiten - Neue Spaltungen, Opladen 1998, S. 211 - 229.