APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 Pfeil rechts

Der Vatikan als Global Player


5.2.2005
Das Zweite Vatikanische Konzil führte zum bewussten Verzicht auf kirchliche Machtansprüche. Das Papstum stieg zum globalen metapolitischen Akteur auf.

Einleitung



Der Historiker Perry Anderson hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Begriff, Identität und Stoßrichtung von "Internationalismus" stets historisch spezifisch seien: Sie wandeln sich mit der dominanten Gestalt des "Nationalismus" in der europäischen und dann in der Weltpolitik. Jeder sinnvolle Begriff von Internationalismus setzt zwei "points of no return" voraus: erstens die Durchsetzung des Nationalstaats als dominante Organisationsform der europäischen Politik und zweitens die so genannte "Globalisierung" des Kapitalismus, die Durchsetzung eines ökonomischen Weltsystems als Kehrseite der Entwicklung und Expansion der europäischen Industrienationen. Beides trifft auch für die internationale Dimension der Weltkirche zu - der christlichen Kirchen im Allgemeinen, und der katholischen, hierarchisch strukturierten "päpstlichen Internationale" im Besonderen. Freilich gilt es hierbei, noch zwei zusätzliche Spannungsmomente der kirchlichen Institution als solcher zu berücksichtigen, die weit älter sind als Nationalstaat und Weltgesellschaft, da sie in der eschatologischen Valenz der christlichen Botschaft selbst angelegt sind: ihr universalistischer Sendungsanspruch und die immer auch anti-politische Dimension der durchaus politischen Institution "katholische Kirche".




Schon die Organisationsform des frühen Christentums zeugte von der bald institutionalisierten Spannung zwischen der vorgegebenen sozialen oder politischen Macht und ihrer eschatologischen Entwertung durch die neue Religion: Die verfolgten christlichen Religionsgemeinschaften begreifen sich zunächst in Analogie und in Antagonismus zur Bürgerversammlung der hellenistischen Polis, also der lokalen politischen Macht, selbst als Bürgerversammlung: als ekklesia. Später organisiert sich diese Gegenmacht als Netzwerk von Gemeinden im Reich, bis dann das Christentum mit der "konstantinischen Wende" sogar an die Stelle des alten Reichs- und Kaiserkults tritt.

Nach dem Zusammenbruch der politisch-militärischen Rahmenstruktur des Imperium Romanum bleiben im Westen die Institutionen der ursprünglich aus "interstitiellen Gemeinschaften und Gemeinden" entstandenen christlichen Bischofskirchen als Netzwerke einer religiös "spezialisierten Ökumene" übrig. Dieses Netzwerk benachbarter "Mikrochristenheiten" bildet das zivilisatorische Rückgrat des frühmittelalterlichen Europa. Zur organisatorischen Vereinigung dieser Kirchenstrukturen und ihrer institutionellen Verselbständigung gegenüber den weltlichen Mächten kommt es erst im folgenden Jahrtausend mit der "päpstlichen Revolution" Papst Gregors VII. (1074 - 1085) und seiner Nachfolger.

Erst im Verlaufe des Konfliktes zwischen Papst und Kaiser, der nur innerhalb der westlichen Christenheit den Charakter eines für gut vier Jahrhunderte unaufhebbaren "Grundwiderspruchs" annahm, entwickelten beide Gewalten eine je eigene institutionelle Legitimität und entfalteten eigene Rationalitätsmuster. Kirchliche Eliten stabilisierten eigene Mitgliedschaftsregeln und Rekrutierungsmodi sowie eine eigene Jurisdiktion, deren Legitimität und geographische Reichweite nicht durch die weltliche Gewalt christlicher Souveräne gebunden ist. Erst durch die Autonomie der geistlichen Instanz und ihrer Selbstgesetzgebung als Kirche wird somit auch die "weltliche" Sphäre freigesetzt.


1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen