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5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Diesseits und Jenseits der Nation

Das Problem einer institutionellen Fassung des kirchlichen Universalismus jenseits der politischen Macht stellt sich jedoch erst mit dem Zusammenbrechen der christlichen Reiche im Jahrhundert nach der Französischen Revolution. Vorher war die römische Papstkirche für mehrere Jahrhunderte die vielleicht wichtigste transnationale Institution Europas gewesen. Im 19. Jahrhundert aber wird der Nationalstaat zur neuen, bestimmenden Gestalt politischer Souveränität, und die Weltkirche kann nun nicht mehr nach dem frühneuzeitlichen Modell eines zwischen den katholischen Mächten abgestimmten römischen Überbaus über die episkopalen Netzwerke der christlichen Monarchien funktionieren. Erschien die mittelalterliche Idee einer päpstlichen Universalmonarchie seit dem Konfessionalismus des 17. Jahrhunderts absurd, so lebte dieser Geist nach der amerikanischen und der Französischen Revolution nur noch kurzlebig in den Pamphleten der katholischen Reaktion auf, ehe dann auch die letzten Reste der weltlichen Macht des Papsttums zum Opfer der italienischen Einigung werden.

Den Konstitutionalismus im 19. Jahrhundert erlebt die Papstkirche ausschließlich als Feind. Dies gilt ebenso für das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und liberaler Moderne wie für den Gegensatz zwischen dem kirchlichem Universalauftrag und dem unaufhaltsamen Sieg des Nationalgedankens in Europa. Denn es sind diese beiden, im Übrigen eng verknüpften Gegensätze, die das "lange 19. Jahrhundert" (Eric Hobsbawm) prägen: erstens die Gegnerschaft des historisch in den mittel- und lateineuropäischen Ancien Regimes verwurzelten Katholizismus zu den modernen Großmächten, zum (nach)revolutionären Frankreich, dem preußisch-protestantisch geführten Deutschen Kaiserreich und der englischen Weltmacht, und zweitens die Gegnerschaft der Kirche zu so gut wie allen nationalen, liberalen und demokratischen Emanzipationsbewegungen des alten Kontinents.

Im Gegenzug zur Erosion der politischen Stabilität im Mitteleuropa der "Heiligen Allianz" durch soziale wie nationale Freiheitsbewegungen gelingt es nun dem Papsttum und der ultramontanen Bewegung, die Una sancta als geistliche Universalmonarchie ideologisch zu reorientieren und organisatorisch zu zentralisieren: Auf die liberale Aufklärung antwortet Pius IX. mit dem "Syllabus errorum" (1864), der berüchtigten Liste von 80 "Irrtümern der Zeit" im Anhang seiner Enzyklika "Quanta cura": einer intransigenten Ablehnung jeglichen Kompromisses mit liberalem Staat und aufklärerischer Weltanschauung. Auf das italienische Risorgimento antwortet das Erste Vatikanische Konzil (1869/70), das die geistliche Universalmonarchie des Bischofs von Rom durch einen bis dato unbekannten, rigiden Zentralismus noch übersteigerte und überdies theologisch dogmatisierte.

Intra muros ecclesiae siegt also ein theologisch konservativer römischer Zentralismus über alle Versuchungen eines "liberalen" oder nationalen Katholizismus; aber die Konzilsväter müssen angesichts des ausbrechenden Deutsch-Französischen Krieges überstürzt aus Rom fliehen. Im Zuge der italienischen Einigung verliert das Papsttum seine direkte weltliche Gewalt, den Kirchenstaat - und mit dem Niedergang der katholischen Reiche schwindet auch seine indirekte Machtbasis in Europa.