APUZ Dossier Bild

5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Intransigenz und Moderne

Hier aber liegt ein Paradox der päpstlichen Intransigenz: Die römisch-zentralistische Gegenrevolution des innerkirchlichen Regiments war nicht nur eine autoritäre Kompensation für den Machtverlust der alten Kirche im neuen Europa der Nationalstaaten, sondern zugleich die einzige Chance, eine nationale Zersplitterung der Una Sancta in Nationalkirchen zu vermeiden. Erst nachdem der Bestand der Institution Weltkirche mit allen Mitteln verteidigt worden war, entstanden im Rahmen der sich multiplizierenden konstitutionellen Nationalstaaten auch moderne Formen eines politischen Katholizismus: charakteristischerweise eher aus der katholischen Sozialbewegung als aus "liberalen" Flügeln des Katholizismus, und wider zahlreiche "römische" Hindernisse.

Im Kontext der entstehenden Weltgesellschaft war der römische Hyperzentralismus der "ultramontanen" Fronde somit die falsche, anachronistische Form der Wahrnehmung eines echten Problems: Wie lässt sich eine (zunächst anti- und dann) transnationale politische Identität der Kirche als Trägerin eines universalistischen Heilsauftrags gegenüber der Gravitationskraft der nationalen Interessen, Identitäten, Parteien bewahren? Der Heilige Stuhl musste am Ende auch die politische Funktionalisierung des Katholizismus durch Charles Maurras' Action Française zurückweisen - im gleichfalls anachronistischen, aber auf paradoxe Weise aktuellen Rückgriff auf die Formel vom "Primat der geistlichen Gewalt" gegenüber jeder nationalen Machtpolitik.

Dass sich Papst Benedikt XV. (1914 - 1922) nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs weigerte, in diesem Konflikt "die alte Antinomie zwischen lutherischem Deutschland und dem lateinischen Katholizismus" wieder zu erkennen machte den Katholizismus freilich noch nicht zur "einzigen Internationale, die hält" (Maurras). Benedikt XV. wurde stattdessen zum isoliertesten Papst des XX. Jahrhunderts - nicht zuletzt isoliert gegenüber der Mehrheit der Gläubigen und des Klerus Krieg führender katholischer Nationen Europas. Nach dem Krieg forderte er in seiner Enzyklika Pacem Dei munus pulcherrimum (1920) die Siegermächte zu einem Versöhnungsfrieden auf, der nicht bereits die Keime neuen, alten Hasses in sich tragen dürfe. Auch an der Völkerbundidee zeigte er ein vorsichtiges Interesse.

Erst nach einem weiteren Weltkrieg wurde mit dem von Papst Johannes XXIII. (1958 - 1963) einberufenen II. Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) eine kritische, aber "interne" Aneignung bestimmter Freiheits- und Rationalitätsdimensionen der Moderne möglich. Jetzt forderte die katholische Kirche die ethische Selbstbegrenzung bestimmter moderner Freiheiten, statt diese en bloc abzulehnen. Einen Kernpunkt der konzeptionellen Öffnung ("aggiornamento") des II. Vaticanum zur modernen Freiheit konstituierte die lange umstrittene Erklärung Dignitatis humanae, die in den konziliaren Kommissionen und Beratungen gegen den zum Teil heftigen Widerstand der Kurie, nicht zuletzt des Heiligen Offiziums unter Kardinal Ottaviani, durchgesetzt werden musste.

Noch heute ist für Johannes Paul II. die Religionsfreiheit das erste der Menschenrechte. Bis zu Pius XII. war die Verteidigung der "libertas ecclesiae", der in sich monokratisch strukturierten Kirche, zentrales Realitätsprinzip aller Päpste gewesen. Mit dem II. Vaticanum - insbesondere mit dem Pontifikat Johannes Pauls II. - wird diese Verteidigung funktional für die "libertas personae", die ihren theologischen Grund in der Gotteskindschaft findet.

Erst nach den II. Vatikanischen Konzil - seit Pauls VI. Besuch bei der UNO-Vollversammlung (1965) - nimmt der Heilige Stuhl mit einem ständigen Vertreter an der Arbeit der Vereinten Nationen teil. Und lange nachdem der Vatikan als nur mehr symbolisch souveräner Staat jeden eigenen machtpolitischen Anspruch aufgegeben hat, kann dann der Papst der Weltkirche auch die positiven Seiten nationaler Identität und Unabhängigkeit theologisch würdigen. Diese theologische Begründung der (relativen) "Rechte der Nationen" formuliert am Ende des 20. Jahrhunderts der katholische Universalist Karol Wojtyla, der zugleich polnischer Patriot ist, in seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung (1995). Und im Januar 1998, in seiner Rede vor kubanischen Intellektuellen an der Universität Havanna, kommt Johannes Paul II. am Beispiel des Priesters und Gründungsvaters der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung Felix Varela noch einmal auf das Verhältnis von nationaler Unabhängigkeit, der christlich geprägten "Seele" eines Volkes (hier der kubanischen Nation) und der universalen Identität der Kirche zurück.