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5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Außenpolitik und Binnenwirkung

Einmal Papst geworden (1978), zögerte Karol Wojtyla nicht, seine Rolle, Macht und Talente einzusetzen, um das vielleicht wichtigste Versprechen des II. Vatikanischen Konzils einzulösen: die Präsenz der Kirche in der Welt, überall dort, wo es um die Verteidigung der Menschenrechte und um religiöse, zivile und politische Freiheit geht. Er nahm "die Kompetenz der Kompetenz" (Karl Rahner) seines Amtes in Anspruch - der Papst selbst und keine andere Instanz beurteilt Grenzen und Reichweite seiner Autorität.

Am Ende des Zweiten Jahrtausends hat der Bischof von Rom einen entscheidenden Anteil am Ende des Staatsatheismus der sowjetischen Ära gehabt. An die Stabilität der europäischen Nachkriegsordnung hatte der Krakauer Erzbischof - ganz im Gegensatz zu sozialdemokratischen Entspannungspolitikern oder gar protestantischen Weltkirchenräten - niemals geglaubt. Wojtyla wusste aus eigener pastoraler Erfahrung, dass der Kommunismus innerlich am Ende war. Als Papst hat Wojtyla darum die freie Gewerkschaft und polnische Nationalbewegung Solidarnosc moralisch gestärkt und zugleich die Politik des "runden Tisches" von Regime, Kirche und Opposition gefördert.

Auch bei Johannes Pauls II. Besuch in Kuba (1998) verband sich eine präzis kalkulierte charismatische Offensive als Haupt der universalen Kirche mit einer hart und professionell geführten Verhandlung der vatikanischen Diplomatie um universalistische Standards religiöser, ziviler und politischer Freiheiten. Die päpstliche "Außenpolitik" hat also genau jene Prinzipien verfolgt, welche das II. Vatikanische Konzil erstmalig als oberste verbindliche Richtschnur der Weltkirche (an)erkannt hatte.

Doch wäre es verfehlt, die "Generallinie" der römisch-katholischen Kirche auf die Haltung ihres jeweiligen Oberhaupts zu reduzieren. Denn die seit dem I. Vaticanum ungeklärten Widersprüche der Kirchenverfassung - das Verhältnis von Bischofskollegium und päpstlichem Primat, von Kurie und Kardinalskollegium, von universaler und Ortskirche - wurden erst mit dem II. Vaticanum in Angriff genommen, aber eben auch auf diesem Konzil nicht gelöst. Weder erhielt die nach anderthalb Jahrhunderten absoluter Papstmonarchie wieder oder neu bekräftigte "Kollegialität" der Bischöfe und Orts- und Teilkirchen verlässliche Instanzen der Koordination und Entscheidungsfindung im Regiment der Weltkirche, noch gelang es, den impliziten Dualismus von Kurie und Papst an der Spitze der Kirche wirklich aufzulösen.

Nach dem II. Vaticanum gab es außerdem kein einheitliches ekklesiologisches Selbstverständnis der Kirche mehr, welches von allen theologischen und kulturellen "Fraktionen" innerhalb und außerhalb der Kurie, von Kardinals- und Bischofskollegium hätte geteilt werden können. Stattdessen finden wir von Anfang an kontrastierende "Verfassungsdeutungen" des entscheidenden Konzilsdokuments Lumen gentium; und in den nunmehr 25 Jahren des Pontifikats von Karol Wojtyla haben sich diese entgegensetzten Sensibilitäten verfestigt: zu häufig geradezu verfeindeten internationalen Lagern und Seilschaften.