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5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Charisma und Macht

Auch die von Paul VI. mit Zögern begonnene (aber wie so vieles von ihm nicht beendete) Kurienreform hat Johannes Paul II., der sich nicht in den Mühlen der Bürokratie verlieren wollte, nicht fortgesetzt. Das Gros der kurialen Abteilungen überließ er ihrer Routine; auf die wichtigen Posten platzierte er Leute seines Vertrauens; bei langwierigen und akuten Konflikten setzte er Kommissare mit Sondervollmachten ein. Lehramt, Außenpolitik, Seelsorge und Personalpolitik wurden in wenigen Händen konzentriert; der Generalstab wurde deutlich internationalisiert - der italienische Einfluss in der Kurie zurückgedrängt.

So wurden unter Johannes Paul II. die für die lehramtliche Identität, für die (kirchen- und außen-)politischen Initiativen und für die Personalpolitik verantwortlichen "Ressortchefs" auf wenige "Superministerien" verteilt: allen voran die Kardinäle Joseph Ratzinger (Glaubenskongregation), Angelo Sodano (Staatssekretariat), der (wechselnde) Ressortleiter für Bischofsernennungen und wenige weitere ausgewählte Schlüsselfiguren, insgesamt ein kleiner, international zusammengesetzter, doch überschaubarer Kreis. Der Vorteil einer solchen informellen Entscheidungselite liegt auf der Hand: Es gibt nur geringe Reibungsverluste im Team - doch es gibt auch nur beschränkte interne Korrekturmöglichkeiten. Schließlich fehlt der päpstlichen "Regierung", worauf zuletzt mit Recht Hans Maier hingewiesen hat: eine kollegiale, alle "Minister" bindende Kabinettsdisziplin zur kollektiven Beschlusslage und Verantwortung. Somit arbeiten die Ressortchefs weitgehend unabhängig voneinander - teilweise wohl auch gegeneinander. Zusammen hält sie nur das Vertrauen des Papstes.

Für Kampagnen einer ecclesia militans, für die Reise- und Evangelisierungsoffensiven des Papstes, auch für das komplexe Ausbalancieren von (zwischenstaatlicher) Diplomatie und (pastoraler) Offensive, welches die politische Initiative des Vatikans in zahlreichen weltpolitischen Krisenherden der letzten beiden Jahrzehnte auszeichnete, ist eine solche personell reduzierte Leitung weitaus geeigneter als jedes proportional oder repräsentativ zusammengesetzte Führungsorgan. Bei der Kombination von Offensive und Diplomatie kommt schließlich alles darauf an, dass die eine Hand weiß, was die andere tut. Nicht geeignet ist ein solcher Führungsstil allerdings für das pastorale Innenleben der Kirche - und zwar weder im traditionellen Sinne der hierarchischen societas perfecta, mit präziser Rang- und Rollenzuweisung und verlässlicher, aber umständlicher Bürokratie, noch als kollegial strukturierte communio: als Gemeinschaft der bischöflich geleiteten Ortskirchen.

Dass jede Bewegung eine straffe Führung braucht, dies hatte der Politiker Wojtyla nicht erst in Rom lernen müssen. Seine "operative" Ekklesiologie ist denn auch weder durch römische Konzilsdebatten noch durch die Reformtheologen aus Deutschland, Frankreich und den USA geprägt, sondern durch die Erfahrung der polnischen Kirche: Eine im Glauben fest geschlossene Kirche hatte unter seinem starken charismatischen Impuls als antitotalitäre katholische Volksbewegung und Hüterin des nationalen Gewissens die Gesellschaft von der Übermacht des kommunistischen Staates befreien geholfen. In seiner wohl wichtigsten Enzyklika Centesimus annus (1991) deutet Papst Johannes Paul II. diese dem antitotalitären Widerstand durchaus angemessene Kommunikationsform der charismatischen Kampagnenkirche und ihr im Medium symbolischer Kommunikation akkumuliertes moralisches Kapital auch heilsgeschichtlich: als Richtungsanzeige für die Art und Weise, wie die "Großbewegung" Kirche als Verkünderin des Reiches Gottes, "das in der Welt gegenwärtig ist, ohne von der Welt zu sein", sich auch in Zukunft, nicht allein in Polen, sondern auch im Westen, verhalten und bewegen solle.