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5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Die Ostkirchen und Rom

Nach 1989 hatte Johannes Paul II. die Hoffnung ausgesprochen, die östliche und die westliche Christenheit, endlich nicht mehr durch einen eisernen Vorhang getrennt, könnten nunmehr "mit beiden Lungenflügeln" atmen. Doch selten waren die offiziellen Beziehungen des Vatikans zur Kirche des (nach seinem Selbstverständnis) "Dritten Rom" Moskau schwieriger als heute: 2002 sagte der Moskauer Patriarch Alekseij II. einseitig das geplante Treffen mit dem Präsidenten des Rats für die Einheit der Christen, dem neuen "ökumenischen Außenminister" Kardinal Walter Kasper, ab. Das Moskauer Patriarchat will keine Errichtung katholischer Bistümer auf russischem Boden dulden, obwohl es bis nach Sibirien oder Kasachstan katholische Minderheiten gibt - nicht zuletzt als Ergebnis der Stalin'schen Deportationen in den dreißiger und vierziger Jahren.

Nicht einmal die "Kazanskaja"-Ikone, die Kopie eines Gnadenbildes aus Kazan, die im 12. Jahrhundert während der Tatareninvasion verschwunden ging, um 1579 wundersam und unversehrt wieder aufzutauchen, durfte Johannes Paul II. als ökumenisches Geschenk selbst überbringen: Geraubt in den Wirren der bolschewistischen Revolution, verschwunden im Dickicht der Schwarzmärkte, hatte sie eine amerikanische Organisation von Fatimapilgern erworben und 1993 die tatarische Madonna dem Papst geschenkt. Zur Übergabe durch Kardinal Kasper in der Moskauer Marienkathedrale an den russischen Patriarchen waren Ende August 2004 keine Moskauer Katholiken geladen - und AlekseijII. bekräftigte erneut das Moskauer "Njet!" zum offenen Dialog: Katholiken wie Protestanten müssten erst vom "Proselytismus" Abstand nehmen. Hinter jeder selbstbewussten Verkündigung der christlichen Botschaft wittert das orthodoxe Patriarchat schließlich den "Diebstahl in unseren Herden".

Kardinal Kasper, der ökumenische Außenminister des Papstes, ist ein geübter Diplomat. Aber in der Sache - einer Religionsfreiheit, die nicht vom Veto orthodoxer Kirchenfürsten abhängen darf - kann er nicht nachgeben. Das macht die vatikanische Ökumene gegenüber dem Osten so schwierig, erst recht in der aktuellen "Zeit der Wirren" in der russischen Christenheit. Seit einigen Jahren nämlich verstärken sich nationalistische Töne in der russisch-orthodoxen Kirche. Häufig gehen sie keinesfalls von der Hierarchie aus. An der Basis macht ein verarmter, ungeschulter, verunsicherter niederer Klerus gemeinsame Sache mit chauvinistischen Strömungen. Wem in der politischen Landschaft die plebiszitäre Autokratie Präsident Putins als Ordnungsgarantie erscheint, der mag auch die Festungsmentalität des Moskauer Patriarchats unter Alekseij II. als kleineres Übel ansehen. Jedenfalls im Vergleich zu den immer offener monarchistischen, rechtsextremen oder gar antisemitischen Stimmen aus der russischen Kirche. Aus deren Sicht haben sich der säkularisierte Westen, die römische Kirche und das "Weltjudentum" gemeinsam verschworen, die heilige russische Erde und Kirche zu vergewaltigen. Wie der islamische Fundamentalismus unter den "arabischen Massen" entsteht auch der orthodox-großrussische Chauvinismus aus kulturellen Identitätsängsten und im Milieu materieller Not.

Die Moskauer Territorialherrschaft über die russischen Seelen ist es denn auch, welche bisher jede ökumenische Verständigung mit Rom blockiert. Wahrhafte christliche Ökumene wäre das genaue Gegenteil einer klerikalen Breschnew-Doktrin, wie sie das Moskauer Patriarchat beansprucht: kanonisches "Hausrecht" für alle ehedem "russischen" Gebiete, Russland, Weißrussland und die Ukraine. Innerhalb dieser so genannten "kanonischen" Territorien will Moskau keine andere öffentliche Religion und Hierarchie dulden. Offene Seelsorge anderer Religionsgemeinschaften sieht Moskau als unlautere "Proselytenmacherei" an, jede Präsenz der römisch-katholischen Kirche gilt als "expansionistische" Aggression. Die russische Orthodoxie kann sich dabei auf ein antipluralistisches Religionsgesetz stützen und bedient die mannigfachen Legitimitäts- und Repräsentationsbedürfnisse russischer Potentaten und Oligarchen. Darum darf Rom heute auch in Moskau nichts anderes fordern als die Freiheit des Christenmenschen.