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5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Nach dem Golfkrieg: Entspannung im Westen?

Nach Ansicht des ehemaligen amerikanischen Außenministers Colin Powell "denkt und handelt der Heilige Stuhl ebenso wie die Vereinigten Staaten auf globaler Ebene, und das ermöglicht uns eine außergewöhnliche Partnerschaft". Schließlich verfolgten beide Seiten dieselben Ziele: "die Verbreitung der Freiheit, der Gerechtigkeit, der religiösen und ethnischen Toleranz und der sozialen wie wirtschaftlichen Entwicklung". Im Geiste dieser geteilten Werte "werden wir auch in Zukunft unsere besondere globale 'partnership' zum Wohle der Menschenwürde ausbauen". Dieser Text aus der ersten Aprilwoche 2004 stammt aus Powells Stellungnahme zum zwanzigsten Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen "God's Own Country" und dem Vatikanstaat.

Erst 1984, also unter dem polnischen Antikommunisten Papst Johannes Paul II., kam es zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikan und den USA, welche dereinst aus radikal antipapistischem Geiste entstanden waren. Aus dem Geist der calvinistischen Pilgerväter wider das Alte Europa, aus der Revolte von Baptisten, Dissenters und aller radikalen Sekten der europäischen Reformation folgten später in der Neuen Welt diverse methodistische und evangelikale Erweckungsbewegungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verurteilte der Heilige Stuhl modernistische Theologien noch offiziell als "Amerikanismus".

Erst seit Dignitatis Humanae, der vom amerikanischen Konzilstheologen John Courtney Murray inspirierten und 1964 auf dem II. Vatikanischen Konzil auch vom damaligen Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla energisch unterstützten Erklärung über die Religionsfreiheit, kann man zwischen Rom und Washington tatsächlich vom gemeinsamen Verständnis religiöser Toleranz sprechen. Doch hätte Colin Powell noch im Jahr 2003 wohl kaum von "globaler Partnerschaft" mit dem Vatikan gesprochen. 2003 war eines der krisenhaftesten Jahre der Beziehung zwischen Washington und dem Heiligen Stuhl. Jim Nicholson, der Ex-Wahlkampfmanager des jüngeren Bush und nun sein Vatikan-Botschafter, warb in Rom vergeblich um Verständnis für die neue amerikanische Sicherheitsdoktrin des "preemptive strike". Er ließ eigens Michael Novak, den "theokonservativen" Vordenker des American Enterprise Institute, aus Washington einfliegen, konnte aber Kurienbeamte und Kardinäle nicht von der ethischen Berechtigung des amerikanisch-britischen Angriffs auf den Irak überzeugen.

Wenn es eine globale Stimme gegen Amerikas letzten Golfkrieg gab, dann war dies 2003 - wie schon 1991 - das Wort des Heiligen Vaters: "Der Krieg ist eine Niederlage der Menschheit!" Zwar lehnten die Spitzen der katholischen Hierarchie keinesfalls jede kriegerische Antwort auf den neuen islamistischen Terrorismus ab. Der Einsatz in Afghanistan wurde auch im Vatikan mehr oder minder offiziös als westliche Selbstverteidigung nach "9/11" verstanden. Doch Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano und sein damaliger "Außenminister", der französische Diplomat Jean-Louis Tauran, glaubten nicht an eine unmittelbare Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen. Ein amerikanisch-britischer Angriff auf Bagdad könne daher nur katastrophale Ergebnisse zeitigen.

Diese fürchtete Rom erstens für die Zukunft des christlich-muslimischen Dialogs. Vermutlich liegt diese Frage dem Papst persönlich sogar noch mehr am Herzen als manchen Mitarbeitern der Kurie. Seine prophetischen Anklagen wider den westlichen Krieg und die "Zivilisation des Todes" fielen ja auch deshalb so vehement aus, weil der Heilige Vater sehr genau um die Propagandalüge vom "jüdisch-christlichen Kreuzzug des Westens" weiß, welche die Ideologen von Al-Quaida oder anderen salafistisch-dschihadistischen Extremisten per Video oder Kassetten, auf islamistischen Internetsites oder TV-Kanälen in alle Welt verbreiten. Und hier hat der Papst sein "Kriegsziel" erreicht: Gewiss konnte er den Krieg nicht verhindern; aber seine weltweit vernommene und eben auch in muslimischen Medien präsente Stimme verhinderte, dass die westliche Militärpräsenz im Irak als imaginärer Religionskrieg zwischen christlichen Kreuzrittern und den Nachfolgern Saladins erschien. Zum "Dar-al-harb", zum Hause des Krieges, ist "der Westen" nur für islamistische Strömungen geworden, für die arabischen Massen (noch) nicht.

Zudem musste der Vatikan befürchten, Saddams Sturz könnte eine Verfolgung der seit über vier Jahrhunderten mit Rom unierten chaldäischen Christen des Irak nach sich ziehen. Die einige Hunderttausende umfassende chaldäische Minderheit war ja vom Baath-Regime im Vergleich zur schiitischen Bevölkerungsmehrheit bevorzugt behandelt worden; ihr verstorbener Bagdader Patriarch Raphael Bidawid hatte sich auch für viele Christen allzu servil Saddam Hussein angepasst. Nun ist zwar die Religionsfreiheit unter der amerikanisch dominierten Übergangsverwaltung des Irak gesetzlich garantiert, chaldäische Christen wie der Bischof von Kirkuk Louis Sako arbeiteten sogar im Nationalrat mit, um darauf zu achten, dass der islamische Charakter der künftigen Verfassung die Freiheit aller anderen Bekenntnisse nicht gefährdet. Aber die soziale Ächtung und persönliche Gefährdung der irakischen Christen - insbesondere angesichts der katastrophalen Sicherheitslage im Irak - drängen Tausende von ihnen ins Exil.

Darum konnte man unter den zahlreichen europäischen Stimmen, die etwa nach dem Madrider Terroranschlag vom 11. März 2004 erneut den "Abzug aller Besatzertruppen" aus dem Irak forderten, vergeblich nach maßgeblichen katholischen Würdenträgern suchen. "Gewiss, wir waren gegen diesen Krieg", schrieb etwa Pater Cervellera vom päpstlichen Missionsinstitut zum Jahrestag des Golfkriegs, "aber wir müssen zugeben, dass die Anwesenheit der Koalition dem Lande guttut." Darum wäre es ein "gewaltiger politischer und moralischer Fehler", angesichts der neuen terroristischen Angriffe die westlichen Truppen aus dem Irak zurückzuziehen, befand die von römischen Jesuiten redigierte und für die vatikanische Außenpolitik offiziöse Civiltà Cattolia, welche die präzisesten Kritiken am vermeintlich "gerechten Krieg" der Allianz im Golf publiziert hatte. Nein, gerade jetzt komme es darauf an, die irakische Übergangsverwaltung zu stärken und den Prozess der Demokratisierung des Irak durch eine stärkere Einbeziehung der UNO zu qualifizieren: mit dem Ziel, letztendlich alle Besatzungstruppen einem UN-Kommando zu unterstellen. Dies sei - und das weiß man auch im Vatikan - eine extrem schwierige Lösung, doch langfristig die einzig mögliche.

Die neue, konziliantere Tonlage zwischen Rom und Washington mag auch damit zusammenhängen, dass im Vatikan die Minister ausgetauscht wurden. "Außenminister" Jean-Louis Tauran wurde "wegbefördert" zum Kardinal und vatikanischen Bibliothekar; sein Nachfolger, der ehemalige Nuntius in Deutschland Giovanni Lajolo, pflegt einen anderen Ton. Im Vatikan geht es auch gar nicht darum, unbedingt "Recht zu behalten", sondern darum, weiteren Krieg und Terror zu verhindern: Saddam ist entmachtet, doch eine Stabilisierung der Lage im Irak ist ohne substantielle Beteiligung Europas unwahrscheinlich. Das aber ist auch im Blick auf die blutigen Konflikte im Heiligen Land von Bedeutung. Ohne verbindliche amerikanisch-europäische Kooperation in der Region könnte auch in Israel die Versuchung zum militärischen "Unilateralismus" noch unwiderstehlicher werden.