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5.2.2005 | Von:
Otto Kallscheuer

Der Vatikan als Global Player

Das 21. Jahrhundert: Süden und Norden

Das politische 20. Jahrhundert wurde eher von innerweltlichen Ideologien wie Liberalismus, Nationalismus, Sozialismus geprägt als durch religiöse Ideen. Es war das Jahrhundert der Barbarei zweier Weltkriege, auch das Jahrhundert der totalitären "politischen Religionen" (Eric Voegelin) von Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Doch nicht die "Erste Welt", der Westen/Norden, sondern der globale Süden wird im nächsten Jahrhundert zum Schwerpunkt der Christenheit werden - ebenso wie des Islam, der zweiten monotheistischen Weltreligion. Dies gilt insbesondere unter Berücksichtigungen des demographischen Wachstums: In zwei Jahrzehnten werden - nach den Vereinigten Staaten - Brasilien, Mexiko, die Philippinen, Nigeria, der Kongo und Äthiopien die Länder mit der größten Christenbevölkerung sein. Im Norden mag die Kirche der Zukunft in der Tat die Gestalt der "kleinen Herde" (Karl Rahner) in einer pluralistischen Gesellschaft annehmen - doch die Zukunft der Christenheit ist afrikanisch, asiatisch und lateinamerikanisch.

Zwar bleibt die im Westen "erfundene", und erst mit dem II. Vaticanum auch in der katholischen Kirche definitiv angekommene Trennung der religiösen Identität von der jeweiligen politischen Macht eine Voraussetzung für lokale und transnationale Netzwerke religiöser Gemeinschaftsbildung; diese werden gerade in Situationen des Staatsversagens immer wichtiger. Doch ihre Formen sind immer weniger mit denen der westlichen und nördlichen Tradition identisch. Ein radikaler evangelikaler, charismatischer "Sekten"-Protestantismus der Pfingstler und ein theologisch eher orthodoxer, aber sozial engagierter römischer Katholizismus stellen im globalen Süden die beiden Wachstumssektoren dar. Heilung und Heil, soziale Sorge und Seelsorge, synkretistische Traditionen und theologische Orthodoxie verbinden sich in durchaus ungewohnter und ideologisch unbequemer Weise.

Unweigerlich aber trifft die im globalen Süden wachsende Christenheit auf den sich dort ebenfalls aus ähnlichen Gründen vermehrenden Islam. Neuere Analysen vermuten zwar, der Wachstumszyklus des Islamismus als politischer Ideologie und totalitärer Strategie sei vorbei. Doch die Gefahr diffuser Radikalisierung religiös codierter Ressentiments ist in der weltweiten Gemeinschaft der Muslime keineswegs überwunden. Die Alternative zum "clash of civilizations" (Samuel Huntington), zum religiösen Kulturkonflikt liegt für den Vatikan ganz offenkundig in einer Art offensiver religiöser Entspannungspolitik. Diese setzt allerdings nicht auf die Konvergenz aller Religionen, sondern im Gegenteil auf das bewusste Austragen und Aushalten der Differenz.

Dass Johannes Paul II. seit Jahrzehnten eine "Neue Ostpolitik" gegenüber islamischen Ländern und Kulturen verfolgt, wird im Westen häufig übersehen. Im Sportstadion von Casablanca predigte er 1985 vor Zehntausenden von muslimischen Jugendlichen. Die Haltung des Heiligen Stuhls in den jüngsten Konflikten am Golf und auch in der Bosnien-Krise hatte eine Reihe von Berührungspunkten zur islamischen Welt - weit eher als mit der Haltung des U.S.-State-Department.

Ein wichtiges politisches wie religiöses Signal war der Besuch des reformfreudigen iranischen Staatspräsidenten, schiitischen Mullahs und gemäßigt islamistischen Intellektuellen Sejjed Muhammad Chatami im März 1999 beim Papst. Beide, der Papst und Chatami, hofften "auf den Endsieg des Monotheismus, der Ethik und Moral, des Friedens und der Versöhnung".