Goldstaub

7.6.2019 | Von:
Shoshana Zuboff

Surveillance Capitalism – Überwachungskapitalismus - Essay

Ich wende mich hier und heute nicht nur als Denkerin, Wissenschaftlerin und Autorin an Sie, sondern auch als Staatsbürgerin und – nicht zuletzt – auch als Mutter. Über die vergangenen beiden Jahrzehnte habe ich die Entstehung und Ausbreitung einer beispiellosen Mutation des Kapitalismus beobachtet, die ich als "Überwachungskapitalismus" bezeichne. Und ich mache kein Hehl aus meiner Besorgnis hinsichtlich seiner Auswirkungen für unsere Ökonomien, für die Aussichten von Marktdemokratie und Privatsphäre, ja hinsichtlich seiner Bedeutung für die Zukunft des Kapitalismus selbst.

In sieben Jahren eingehender Beschäftigung mit dem Phänomen bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Folgen des Überwachungskapitalismus weit hinausreichen über die traditionellen Domänen des Kapitalismus und seiner Ökonomien. Die tiefere Wahrheit ist, dass er die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf eine ebenso menschen- wie demokratiefeindliche Art und Weise umwälzen wird – und das allein um des finanziellen Gewinns aus der Überwachung willen. So entstehen die größten Gefahren aus den überwachungskapitalistischen Ambitionen denn auch unseren Kindern, die schon jetzt – sozusagen als Vorhut – dieses neue Terrain durchstreifen.

Tobten die Titanenkämpfe des 20. Jahrhunderts zwischen Industriekapital und Arbeiterschaft, steht im 21. Jahrhundert das Überwachungskapital der Gesamtheit unserer Gesellschaft gegenüber, bis hinab zur und zum letzten Einzelnen. Der Wettbewerb um Überwachungserträge zielt auf unsere Körper, unsere Kinder, unsere Zuhause, unsere Städte und fordert so in einer gewaltigen Schlacht um Macht und Profit die menschliche Autonomie und demokratische Souveränität heraus. Wir dürfen uns den Überwachungskapitalismus nicht als etwas "irgendwo da draußen", in den Fabriken und Büros einer vergangenen Ära vorstellen. Vielmehr sind seine Ziele wie seine Auswirkungen hier – seine Ziele wie seine Folgen sind wir.

Die Zukunft, die der Überwachungskapitalismus für uns bereithält, kommt auf leisen Sohlen. Wie die flüsternde Schlange im Garten Eden bedient er sich unseres Sehnens nach Befreiung von Anonymität, Stress, Ungleichheit und institutioneller Gleichgültigkeit. Seine Perspektive ist die der verlockenden ersten Person; in der Sprache von "Selbst-Ermächtigung", "Personalisierung" und "Bequemlichkeit" versichert er uns, Hilfe sei bereits unterwegs. Lassen Sie mich Ihnen jedoch eines sagen, meine Freunde: Hilfe ist mitnichten unterwegs – aber wir. Und zwar unterwegs zu einem umfassenden Verständnis des Überwachungskapitalismus und seiner Gefahren. Ich habe beträchtliche Zeit auf die Benennung des Phänomens verwandt, weil ich weiß, eine solche ist der erste Schritt, diese aus dem Ruder gelaufene Spielart des Kapitalismus an die Kandare zu nehmen, ihr Einhalt zu gebieten, ja sie sogar für rechtswidrig zu erklären zugunsten der Werte und Freiheiten, die es braucht, um die Autonomie des Einzelnen und die demokratische Perspektive für unsere Familien und künftige Generationen zu hegen, zu verteidigen und zu schützen.

Mein neues Buch, "Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus",[1] beschäftigt sich mit drei Themenkreisen: erstens mit den grundlegenden Mechanismen und ökonomischen Imperativen des Überwachungskapitalismus; zweitens mit der beispiellosen, von diesen ökonomischen Imperativen angestoßenen Machtform; und drittens mit den Implikationen beider für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Lassen Sie mich hier mit der Frage beginnen: "Was ist Überwachungskapitalismus?" So kurz ich mich notwendigerweise fassen muss, hoffe ich doch, mit meinen Gedanken einen neuen Diskurs anzustoßen und dass so einige von uns neue Wege zur gemeinsamen Arbeit an einer digitalen Zukunft finden, die wir als Zuhause bezeichnen können.

Was ist Überwachungskapitalismus?

Seit Langem schon sind wir uns einig über die Entwicklungsmechanismen des Kapitalismus – dass er außerhalb der Marktdynamik Existierendes in Beschlag nimmt und in ein Marktgut verwandelt. Der Historiker Karl Polanyi sah 1944 in seiner grandiosen Abhandlung "The Great Transformation" die Ursprünge einer sich selbst regulierenden Marktwirtschaft in drei ebenso erstaunlichen wie kritischen Erfindungen, die er als "Warenfiktionen" bezeichnete. Die erste davon war, dass unser Menschenleben sich der Marktdynamik unterordnen und – als "Arbeit" wiedergeboren – kaufen beziehungsweise verkaufen lässt. Die zweite war, dass Natur sich – als "Land" oder "Grundbesitz" wiedergeboren – auf den Markt "bringen" lässt. Die dritte bestand darin, dass Austausch als "Geld" wiedergeboren werden kann. Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus hat seinen Ursprung in einer gar noch verblüffenderen und kühneren Erfindung: Er erklärt Erfahrungen von Privatmenschen zum kostenlosen Rohstoff für Produktion und Verkauf.

Ist menschliche Erfahrung erst einmal für den Markt beansprucht, wird sie zur Berechnung in Verhaltensdaten übertragen und analysiert. Und auch wenn ein Teil dieser Daten der Verbesserung von Produkten oder Dienstleistungen dienen mag, der Rest wird zum proprietären "Verhaltensüberschuss" (behavioral surplus) erklärt. Dieser Überschuss umfasst Daten von erheblichem Vorhersagewert, die weit über alles hinausgehen, was man zur Verbesserung eines Produkts oder einer Dienstleistung braucht. Seien Sie sich darüber im Klaren: Wenn von aus menschlicher Erfahrung extrahiertem Verhaltensüberschuss die Rede ist, bleibt nichts ausgenommen. Ihren Ursprung hatten diese Operationen in dem Verhaltensüberschuss, der aus unserem Online-Verhalten – Browsing, Suche, Social Media – gewonnen wurde, sie erfassen heute jedoch jede Bewegung, jedes Gespräch, jeden Gesichtsausdruck, jeden Laut, jeden Text, jedes Bild, das der ubiquitären, rund um die Uhr arbeitenden Extraktionsarchitektur zugänglich ist oder künftig zugänglich sein wird. Ich habe dieser Architektur den Namen Big Other gegeben.

In dieser digitalen Umklammerung wird jedes "smarte" Gerät, jedes Interface, jeder Touchpoint zum Knotenpunkt eines unermesslichen Nachschubnetzes, das einzig dem Aufspüren, Verfolgen, Herbeiführen und Extrahieren von weiterem Verhaltensüberschuss dient. Triebfeder dieser Jagd ist ein ganz neues, vom Wettbewerb bestimmtes Ringen. In einer Welt allzeit verfügbarer Produkte und Dienstleistungen wenden sich heute Unternehmen dem Verhaltensüberschuss als lang ersehnte Erfolgsroute zu höheren Gewinnen zu. Ergebnis dieser Entwicklung sind ganze Ökosysteme von Verhaltensüberschusslieferanten, da Unternehmen aller Sektoren Mittel und Wege suchen, von dieser universellen Enteignung privater Erfahrung zu profitieren.

In diesen wachsenden Beständen von proprietärem Verhaltensüberschuss finden Sie Ihre Tränen, Ihre zornige Miene, die Geheimnisse, die Ihre Kinder mit ihren Puppen teilen, unsere Frühstücksunterhaltung, unsere Schlafgewohnheiten, den Lärmpegel in unserem Wohnzimmer, die Anordnung der Möbel darin, Ihre zerschlissenen Joggingschuhe, Ihr Zögern beim Anblick eines Pullovers auf einem Ladentisch und die Ausrufezeichen in Facebook-Postings, die man früher einmal völlig arglos und voll Hoffnung in die digitale Entwicklung schrieb. Diese neuen Versorgungsketten sind der Nachschubweg für ein neues "Produktionsmittel", das uns als "Maschinenintelligenz" bekannt ist. Hierbei handelt es sich um New-Age-Fabriken, in denen Verhaltensüberschuss zu etwas verarbeitet wird, was ich als "Vorhersageprodukte" (prediction products) bezeichne: Kalkulationen, die ahnen, was wir jetzt, bald oder irgendwann tun. Diese Vorhersageprodukte werden schließlich in rasantem Tempo vom Marktleben absorbiert und in eigens für Vorhaltensvorhersagen konstituierten Märkten gehandelt, die ich "Verhaltensterminkontraktmärkte" (behavioral futures markets) nenne. Aufgrund der Zahl der Unternehmen, die darauf aus sind, Wetten auf unser künftiges Verhalten abzuschließen, haben Überwachungskapitalisten es mittels dieser Handelsoperationen zu immensem Reichtum gebracht.

Vergessen Sie das Klischee "Wenn es nichts kostet, bist Du das Produkt". Sie sind mitnichten das Produkt, sondern lediglich die kostenlose Quelle für den Rohstoff, der zu marktfähigen Produkten verarbeitet wird. Ich muss dabei an Elefanten denken, die majestätischsten aller Säugetiere: Überwachungskapitalisten sind Wilderer; sie schlagen Profit aus unserem Verhalten und lassen die Bedeutung, die unseren Körpern, unseren Gehirnen, unseren schlagenden Herzen innewohnt, achtlos liegen, was eine gewisse Ähnlichkeit mit dem monströsen Abschlachten von Elefanten um des Elfenbeins willen hat. Nein, Sie sind nicht das Produkt; Sie sind der zurückgelassene Kadaver. Das "Produkt" zieht man aus dem Verhaltensüberschuss, den man Ihrem Leben entreißt.

Fußnoten

1.
Shoshana Zuboff, The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power, New York 2019 (deutsche Ausgabe: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt/M.–New York 2018).
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Autor: Shoshana Zuboff für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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