Goldstaub

7.6.2019 | Von:
Michael Seemann

Eine beunruhigende Frage an den digitalen Kapitalismus - Essay

Ein Gespenst geht um (nicht nur) in Europa, es ist das Gespenst des digitalen Kapitalismus. Und wie es sich heutzutage ziemt, kommt er in vielen Formen und Farben: als Informationskapitalismus, Datenkapitalismus, Plattformkapitalismus, Überwachungskapitalismus oder kognitiver Kapitalismus. Der digitalen Kapitalismen gibt es mittlerweile viele, doch zeigen sie alle etwas Ähnliches an: Wir sind Zeuginnen und Zeugen grundlegender Veränderungen. Genau dies führt mich zu einer beunruhigenden Frage: Handelt es sich überhaupt noch um Kapitalismus?

Mit "beunruhigend" meine ich nicht dieselbe Unruhe, in die sich die Autorinnen und Autoren der unterschiedlichen Digitalkapitalismusbeschreibungen hineinsteigern. Es geht mir nicht darum, zu zeigen, dass die neue, digitale Spielart des Kapitalismus schlimmer ist als alle vorhergehenden. Meine Beunruhigung gilt vielmehr dem Kapitalismus selbst. Ich lege ihm gewissermaßen meine Hand auf die Schulter und frage leise: "Alles in Ordnung mit Dir, Kapitalismus?" Denn während viele Autorinnen und Autoren in der Digitalversion des Kapitalismus eine weitere Radikalisierung desselben ausmachen, habe ich eher das gegenteilige Gefühl. Ich glaube, dem Kapitalismus geht es nicht gut im Digitalen. Ich will deswegen grundsätzlicher fragen, ob der Kapitalismus in seiner digitalen Spielweise noch die Kriterien erfüllt, mit denen wir dieses System des Wirtschaftens und der Organisation der Gesellschaft beschreiben.

Es gibt verschiedene Kapitalismusdefinitionen, doch alle haben einen mehr oder weniger übereinstimmenden Kern. Demnach erfüllt Kapitalismus die folgenden fünf Kriterien: Er ist geprägt vom Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit (zumindest bei Marx), von der Steuerung der Wirtschaft durch den Markt (neoklassische Definition), von Privateigentum an den Produktionsmitteln, dem Vorherrschen einer Eigentumsordnung sowie dem Prinzip der Akkumulation (oder auch: von Wachstum). Im Folgenden werde ich prüfen, wie es sich im Digitalen mit diesen Kriterien verhält.

Kapital

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, dem "Kapital". Gerade hier hat sich durch die Digitalisierung viel getan. Zu Marx' Zeiten waren die Produktionsmittel in erster Linie Land, Gebäude, Maschinen und vielleicht noch Fahrzeuge. Um zu veranschaulichen, wie stark sich die Essenz des Kapitals durch die Digitalisierung geändert hat, braucht man sich nur Folgendes vor Augen zu führen: Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler der Welt, hat kein eigenes Inventar. Airbnb, der weltweit größte Übernachtungsdienstleister, besitzt keine Immobilien.

Systematischer haben diesen Zusammenhang die Ökonomen Jonathan Haskel und Stian Westlake in ihrem Buch "Capitalism Without Capital" untersucht. Der Untertitel – "The Rise of the Intangible Economy" – zeigt auch schon an, dass das Kapital nicht wirklich verschwunden ist.[1] Es hat sich nur dematerialisiert. Zu den materiellen Investitionsgütern, die bereits Marx kannte, traten irgendwann Software, Datenbanken, Design, Marken, Fortbildungen und sonstige nicht anfassbare, immaterielle Werte hinzu. Und sie kamen nicht nur hinzu. In den USA, Großbritannien und Schweden hat der Anteil der Investitionen in immaterielle Werte die Investitionen in materielle Werte längst überflügelt. Die Werte der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen sind bereits zu 84 Prozent immateriell.[2] Die Digitalbranche ist hier Vorreiter und Treiber der Entwicklung.

"Materiell, immateriell, was macht das für einen Unterschied?", kann man jetzt fragen. Es sind vier systemische Unterschiede, die Haskel und Westlake herausarbeiten: Immaterielle Güter sind erstens "versunkene Kosten" (sunk cost), das heißt, in immaterielle Werte investiertes Kapital lässt sich schlecht weiterveräußern. Zweitens gibt es häufig Übertragungseffekte, immaterielle Werte "schwappen über" (spill-over). Das heißt, man kann Informationen – und das sind immaterielle Güter immer – nur schwer für sich allein behalten. Drittens lassen sich immaterielle Güter skalieren (scalable): Einmal hergestellt, kann ein immaterielles Gut unbegrenzt und ohne Zusatzkosten überall eingesetzt werden. Viertens sind immaterielle Güter synergetisch (synergy): Sie ergeben oft erst in der Kombination mit anderen immateriellen Gütern neue Produkte beziehungsweise führen immer wieder zu neuen Anwendungsfällen.

Am spannendsten ist der Spill-over-Effekt. Wir kennen ihn überall dort, wo urheberrechtlich geschützte Werke in Internet getauscht werden. Für industrielle Produzenten kann es aber auch einfach heißen, dass sich die Konkurrenz die Herstellung von einem Produkt abschaut oder eine Software nachbaut. Einige – aber lange nicht alle – immaterielle Investitionen kann man rechtlich schützen lassen. Und hier kommen wir überhaupt erst wieder ins Fahrwasser unseres Kapitalismuskriteriums. Nur immaterielle Investitionen, die man über Urheberrechte, Patente oder Markeneintragung schützen kann, können überhaupt als Privateigentum gelten und tauchen als assets in den Bilanzen auf. Aber selbst diese Formen von Privateigentum, also geistigem Eigentum, sind in ihrer Eigentumsstruktur höchst fragwürdig, die Bemessung ihres Wertes ist an der Grenze zur Beliebigkeit. Im Grunde handelt es sich um reine Monopolverwertungsrechte,[3] oder, überspitzt ausgedrückt, um Eigentumsbehauptungen.

Fußnoten

1.
Vgl. Jonathan Haskel/Stian Westlake, Capitalism Without Capital. The Rise of the Intangible Economy, Oxfordshire 2017.
2.
Vgl. The Value of Intangible Assets, 10.4.2019, http://www.saltaresolutions.com/2018/10/17/the-value-of-intangible-assets«.
3.
Vgl. Marcel Weiß, Kann es ein Eigentum an Geistigem geben? Nein., 23.2.2012, https://neunetz.com/2012/02/23/kann-es-ein-eigentum-an-geistigem-geben-nein«.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Michael Seemann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.