Goldstaub

7.6.2019 | Von:
Michael Seemann

Eine beunruhigende Frage an den digitalen Kapitalismus - Essay

Arbeit

Ein wesentlicher Bestandteil jeglicher Kapitalismusdefinition ist die Funktion von Arbeit beziehungsweise die Gegenüberstellung von Arbeit und Kapital als Teile des Produktionsvorgangs. Der marxschen These nach ist menschliche Arbeit, genauer: gesellschaftlich notwendige Arbeit, dasjenige, was überhaupt den Wert einer Ware innerhalb der Ökonomie erschafft. Da der Arbeiter aber nicht in der vollen Höhe seiner Wertschöpfung entlohnt wird, sondern nur in etwa in der Höhe, die notwendig ist, um seine Arbeitskraft wiederherzustellen (Reproduktion), streicht der Kapitalist diese Differenz (Mehrwert) als Profit ein.

Schauen wir auf den Einsatz von Arbeit und erzieltem Wert in der Digitalwirtschaft, und hier auf das besonders eindrückliche Beispiel der amerikanischen Videothekskette Blockbuster im Vergleich zum Videostreamingdienst Netflix: Netflix machte 2018 mit 5400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 15,7 Milliarden US-Dollar Umsatz, während der mittlerweile pleite gegangene Videoverleih in seinem letzten Jahr (2010) mit 25000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nur 3,24 Milliarden US-Dollar umsetzte. Das bedeutet, dass Blockbuster mit fünfmal so viel Personal gerade mal ein Fünftel des Umsatzes von Netflix erwirtschaftete, obwohl beide in einem ähnlichen Business sind.[4] Die Digitalwirtschaft scheint pro Mitarbeiter viel mehr Wertschöpfung zu produzieren als die alte, analoge Wirtschaft.

Gemessen wird dieser Zusammenhang in der Wirtschaftswissenschaft als Arbeitsproduktivität, und wenn wir uns die Zahlen für die Gesamtwirtschaft (zum Beispiel für die G20-Staaten) anschauen, sehen wir in der Tat ein enormes Wachstum der Arbeitsproduktivität, aber nur ein geringes Wachstum der Löhne. Dass diese Differenz bei den Kapitalisten landet, ist also folgerichtig und bereits von dem Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty beschrieben, der zeigte, wie sich das Wachstum der Anlagevermögen entsprechend von dem Wachstum der Löhne entkoppelt hat.[5] Unter den arbeitsproduktivsten Firmen der Welt finden wir viele IT-Konzerne. Apple erwirtschaftet fast zwei Millionen US-Dollar Umsatz pro Mitarbeiter. Auch Facebook und Google verdienen auf Platz zwei und drei weit mehr als eine Millionen Dollar pro Mitarbeiter.[6] Aber alle diese Firmen sind nicht dafür bekannt, dass sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlecht bezahlen – im Gegenteil. In Bezug auf Marktpreise verdienen vor allem die Entwicklerinnen und IT-Spezialisten Löhne weit über dem Durchschnitt. Aber gemessen am erzielten Umsatz verdienen sie nur "Peanuts", und aus einer marxschen Ausbeutungslogik heraus betrachtet, zählen sie zu den vielleicht am stärksten ausgebeuteten Menschen der Welt, da der extrahierte Mehrwert so enorm ist.

Wie der gefühlte gesellschaftliche Mehrwert mit dem ökonomischen Mehrwert zusammenhängt, ist allerdings nur schwierig bis unmöglich zu messen. Vor allem, da die Art der Wertschöpfung heute ganz und gar anders vonstattengeht, als Marx es damals beobachtete. In dem Buch "Das Kapital sind wir" hat der Publizist Timo Daum nicht nur eine interessante Beschreibung der digitalen Ökonomie abgeliefert, sondern eine eigene These zur Wertschöpfung im Digitalen aufgestellt.[7] Diese geschehe nicht bei der Produktion von Waren, sondern in Form von Innovation. Und wir alle arbeiteten daran mit: Denn wir werden jederzeit vermessen, während wir die digitalen Tools verwenden. Die gesammelten Daten werden dann für die Entwicklung neuer Innovation und Verbesserung der Produkte genutzt. Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff schlägt in eine ähnliche Kerbe, allerdings klingt bei ihr die Wertschöpfung wesentlich perfider. Auch bei ihr steht die Überwachung der Nutzerinnen und Nutzer im Mittelpunkt, doch statt um Innovation geht es bei ihr um Manipulation, durch die die großen Internetunternehmen Wert schöpften (behavioral surplus).[8] Der Digital-Economy-Lecturer Nick Srnicek hingegen beschreibt Daten als eine Art Rohstoff, der erst durch die Verarbeitung wirklich an Wert gewinne. Hier seien es die Programmierer der Auswertungsalgorithmen und vor allem Data Scientists, deren Arbeit den Wert schöpfe.[9] Der Journalist Paul Mason kam in seinem Buch "PostCapitalism" sogar zu dem Schluss, dass sich die kapitalistischen Ökonomien nicht werden halten können, wenn Information statt Arbeit zum zentralen Bestandteil der Wertschöpfung werde.[10]

Auf die Frage nach der Rolle der Arbeit im Digitalen bleiben wir also mit vielen unterschiedlichen, einander widersprechenden Theorien und Beobachtungen zurück. Einigkeit scheint allein darüber zu bestehen, dass Arbeit im klassischen Sinn zumindest nicht mehr der wesentliche Ort der Wertschöpfung ist.

Markt

Seit Marx "Das Kapital" schrieb, ist auch in den Wirtschaftswissenschaften viel passiert. Für viele Ökonominnen und Ökonomen steht heute nicht mehr der Produktionsprozess im Mittelpunkt des Geschehens, sondern der Markt. Und so findet sich kaum eine zeitgenössische Kapitalismusdefinition, die nicht auch auf den Markt rekurrieren würde. Der Markt sei das wesentliche Steuerungsinstrument des Kapitalismus. Indem der Markt Angebot (Produktion) und Nachfrage (Konsumtion) über das Instrument des Preises im Gleichgewicht halte, sorge er dafür, dass zu jeder Zeit immer ungefähr genauso viel von einer Ware produziert werde, wie gebraucht werde und sich dieses Angebot auch im bezahlbaren Rahmen bewege. So lautet jedenfalls die Theorie, die oft und gerne kritisiert wird, da sie eine ganze Reihe von Annahmen voraussetzt, die in der Realität kaum zu erfüllen sind: völlige Markttransparenz, Menschen als rationale Wirtschaftssubjekte, die Nichtexistenz von Transaktionskosten, die Ausblendung von nicht im Markt abgebildeten Einflüssen und Kosten (Externalitäten) und anderes mehr.

Blendet man diese Ungenauigkeiten gutwillig aus, kann man den Markt auch als "Informationssystem" verstehen,[11] der als Input die Signale von Anbietern und Nachfragern koordiniert. So gesehen, sollte man annehmen, dass der Markt anschlussfähig an die Digitalsphäre sein sollte. Und tatsächlich: Es stellt sich heraus, dass Marktmechanismen sich leicht in Algorithmen nachbauen lassen. Genau das hat zum Beispiel Uber mit seinem "Surge Pricing" gemacht. Je nach Tages- und Nachtzeit sind unterschiedlich viele Uber-Fahrerinnen und -Fahrer unterwegs, und es gibt unterschiedlich hohe Nachfrage nach Fahrten. Entsprechend wird den Kundinnen und Kunden neben dem Standardpreis auch der Surge-Preis angezeigt. Dieser ist im Zweifelsfall höher als der Standardpreis, aber dafür kommt das Auto sofort. Es handelt sich also um eine Art Marktpreis – mit der Besonderheit, dass er von einem Algorithmus berechnet wurde.

Aus den vielen Millionen Kundenentscheidungen für und gegen den Surge-Preis lassen sich auch eine Menge weiterer Erkenntnisse ziehen. Beispielsweise sind Leute mit niedrigem Smartphone-Akkustand in der Regel bereit, einen höheren Preis für eine sofortige Uber-Fahrt zu bezahlen. Auf dieser Grundlage lässt sich dann auch die "Konsumentenrente" berechnen, wie ein Team um den Ökonomen Steven Levitt am Beispiel Uber gezeigt hat.[12] Die Konsumentenrente ist, kurz gesagt, die Preisdifferenz zwischen dem Preis, den ich für ein Produkt tatsächlich zahle, und dem, den ich zu bezahle bereit wäre, wenn der Preis höher wäre. Diese nichtgezahlte Differenz nehme ich als Konsument sozusagen als Bonus mit. Da jeder Konsument eine unterschiedliche Bereitschaft hat, einen höheren Preis zu zahlen, "erhält" jeder Konsument somit auch eine individuelle Konsumentenrente. Die allgemeine Konsumentenrente errechnet sich somit, wenn man all diese individuellen Differenzen zusammenrechnet. Die Untersuchung von Levitt et al. ergab, dass Uber 2015 eine allgemeine Konsumentenrente in Höhe von 2,9 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Das ist kein Geld, das in irgendeiner Statistik auftaucht. Es ist Geld, das nicht ausgegeben wurde, aber möglicherweise ausgegeben worden wäre, wenn jede Kundin und jeder Kunde einen personalisierten Preis angezeigt bekommen hätte. Und wenn man weiß, dass eine Person mehr Geld zu bezahlen bereit wäre, warum ihr dann nicht diesen Preis anzeigen?

Vergegenwärtigen wir uns, was hier passiert: Wenn der Marktpreis ein Informationssystem ist, und Computer, Internet und Shopsysteme ebenfalls Informationssysteme sind, dann wurde das Erstere durch die Letzteren quasi gehackt. Die IT-Systeme der Anbieter sind einfach intelligenter als der Markt.

Fußnoten

4.
Vgl. die Wikipedia-Einträge zu Netflix und Blockbuster LLC (abgerufen am 23.4.2019).
5.
Vgl. Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.
6.
Vgl. Anaele Pelisson/Dave Smith, These Tech Companies Make the Most Revenue per Employee, 6.9.2017, http://www.businessinsider.de/tech-companies-revenue-employee-2017-8«.
7.
Vgl. Timo Daum, Das Kapital sind wir: Zur Kritik der digitalen Ökonomie, Hamburg 2017.
8.
Vgl. Shoshana Zuboff, The Age of Surveillance Capitalism. The Fight for the Future at the New Frontier of Power, New York 2019. Siehe auch den Beitrag von Zuboff in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Nick Srnicek, Platform Capitalism, London 2016.
10.
Vgl. Paul Mason, PostCapitalism. A Guide to Our Future, London 2015.
11.
So zum Beispiel Friedrich August von Hayek, Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, in: ders., Freiburger Studien, Tübingen 1969, S. 249–265, hier S. 249.
12.
Vgl. Peter Cohen et al., Using Big Data to Estimate Consumer Surplus: The Case of Uber, National Bureau of Economic Research, NBER Working Paper 22627/2016, http://www.nber.org/papers/w22627«.
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