Goldstaub

7.6.2019 | Von:
Michael Seemann

Eine beunruhigende Frage an den digitalen Kapitalismus - Essay

Eigentum

Eine ebenso schlichte wie elegante Kapitalismusdefinition, die sich sowohl von der marxistischen als auch von der neoklassischen Definition absetzt, ohne mit ihnen inkompatibel zu werden, stammt von den Wirtschaftswissenschaftlern Gunnar Heinsohn und Otto Steiger.[13] Sie definieren den Kapitalismus als Eigentumsordnung, also eine Gesellschaft, die durch das Konzept Eigentum strukturiert ist. Das hört sich zunächst banal, offensichtlich und wenig ertragreich an, wird aber spannend, wenn man sich die Implikationen des Begriffes "Eigentum" genauer anschaut.

Während Marx die Ursituation des Kapitalismus in der Produktion verortet und die Neoklassiker dafür den Markttausch heranziehen, sehen Heinsohn und Steiger sie in der Unterscheidung von "Besitz" und "Eigentum". Diese Unterscheidung ist selbst keine ökonomische, sondern vor allem eine rechtliche. "Besitz" ist dabei alles, worüber ich direkte Verfügungsgewalt ausübe. Darin unterscheidet es sich vom Eigentum: Eigentum ist ein Rechtstitel, es ist abstrakte Behauptung. Das heißt, ich kann Gegenstände, die mein Eigentum sind, in den Besitz anderer Menschen geben, ohne dass es aufhört, mein Eigentum zu sein. Allerdings funktioniert das nur dann, wenn eine externe Macht dafür sorgt, dass der Rechtstitel auch durchgesetzt, mir der Gegenstand im Zweifelsfall wieder ausgehändigt wird. Für Eigentum braucht es also einen Staat mit Gewaltmonopol.

Wenn wir uns mit dieser Definition wieder dem Digitalen zuwenden, kommt einem rasch die Online-Musiktauschbörse Napster in den Sinn. 1999 gestartet, machte der Dienst alle Musikdateien auf dem eigenen Computer für alle anderen Napster-User zugänglich. Das Programm hatte eine Suchmaske, mit der man nach jedem beliebigen Song suchen konnte und die daraufhin eine Liste mit Usern anzeigte, die ihn besaßen und teilten. Ein Klick, und der Download startete. Für Musiksammler war es das reinste Eldorado. Für die Musikindustrie war dieses Eldorado jedoch ein major spill-over, der totale Kontrollverlust, und das plötzliche Ende ihres Geschäftsmodells. Mit der Kapitalismusdefinition von Heinsohn/Steiger könnte man sagen, dass die Musikindustrie aus der Eigentumsordnung in eine Download-Besitzordnung zurückfiel. Zwar hat die Musikindustrie (und andere Rechteverwerter) viel für Urheberrechtsverschärfungen lobbyiert, aber trotz allem konnte sie die Peer-to-peer-Tauschbörsen nicht loswerden.

Hier nun das Spannende: Dass die Musikindustrie heute wieder ein Geschäftsmodell hat, liegt nicht an einer staatlich garantierten Eigentumsordnung, sondern weil eine ganz eigene, neue Ordnung im Internet entstand: die Ordnung der Plattformen. Als Apple 2002 auf die Musikverlage zukam und ihnen iTunes, die unternehmenseigene digitale Verkaufsplattform für Musik zeigte, stand die Musikindustrie gerade mit dem Rücken zur Wand. Auch die großen Labels hatten es nicht geschafft, den Tauschbörsen ein populäres legales Online-Angebot entgegenzustellen. Apple-Chef Steve Jobs konnte den Verlagen die Bedingungen letztlich jedoch diktieren,[14] weil sein Unternehmen etwas hatte, was sie nicht hatten: Ich nenne es "marktfähige Verfügungsgewalt". Das heißt, Apple war nicht nur in der Lage, Musik kommerziell und legal anzubieten, sondern auch, sie durch die technische Infrastruktur von iTunes vorzuenthalten, ohne dass es einer weiteren Durchsetzungsgewalt (den Staat) bedurfte. Dem Beispiel Apples folgten bald viele weitere Unternehmen, die heute die "Plattform-Ökonomie" ausmachen. Ihre Plattformen sind in erster Linie Kontroll-Infrastrukturen zur künstlichen Verknappung potenziell unbegrenzter Güter.

Doch die marktfähige Verfügungsgewalt der Plattformen ist schon lange nicht mehr auf tatsächliche Rechtstitel beschränkt. Facebook hat keinerlei Eigentumsrechte an unseren persönlichen Daten, und dennoch basiert sein Geschäftsmodell auf der Ausübung einer marktfähigen Verfügungsgewalt über sie. Die Plattformen setzen bereits eine Form der Kontrolle durch, die die Eigentumsordnung gar nicht braucht, sondern diese lediglich stellenweise abbildet. Das aber bedeutet nichts Geringeres, als dass im Digitalen das Rechtskonzept des Eigentums zumindest infrage steht.

Wachstum

Ein Kriterium kommt bei Kapitalismusdefinitionen sowohl aus der marxistischen als auch aus der neoklassischen Schule immer wieder auf, und das ist das Wachstum. Welche Rolle spielt dieses Kriterium in der digitalen Ökonomie?

Der Ökonom Robert J. Gordon argumentiert in seinem Werk "The Rise and Fall of American Growth",[15] dass heutiges Wirtschaftswachstum trotz aller Zukunftsversprechungen durch die Digitalisierung nicht mehr von tatsächlicher Innovation getrieben sei. Er untermauert diesen Befund anhand der sogenannten Totalen Faktorproduktivität (TFP) – einer volkswirtschaftlichen Kennzahl, die die Faktoren Kapital und Arbeit aus dem Wirtschaftswachstum herausrechnet und somit den Anteil der Wertschöpfung angibt, der nicht durch diese Faktoren erklärbar ist. Gordon sieht in der TFP einen messbaren Effekt von Innovation im Wachstum. Da die TFP in den USA zwischen 1930 und 1970 stetig weit über einem Prozent war, davor und danach aber wesentlich darunter, schließt Gordon daraus, dass die Digitalisierung kaum zu Innovation geführt habe. Er greift damit eine Beobachtung auf, die der Ökonom Robert Solow bereits 1987 formulierte: "You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics."[16]

Ich möchte dieser These widersprechen: Meiner Ansicht nach sind die digitalen Innovationen genauso real wie frühere technische Innovationen, sie sind jedoch mit herkömmlichen Maßstäben kaum zu messen. Sowohl das Bruttoinlandsprodukt als auch alle davon abgeleiteten Werte wie Wachstum, Produktivität oder eben die TFP basieren auf der Erhebung davon, wie viel Geld in unterschiedlichen Branchen umgesetzt wird, was heißt: alles, was keine Transaktion verursacht, fließt nicht in die Rechnung ein. Nun gibt es aber viele Gründe, warum sich gerade digitale Innovation oft transaktionsneutral oder gar transaktionsmindernd in den Zahlen niederschlägt:

Erstens wird durch das Internet die Markttransparenz erhöht. Unsere Konsumentscheidungen sind heute viel fundierter als vor dem Internet, was aber auch bedeutet, dass wir weniger Fehlinvestitionen tätigen (und somit weniger Transaktionen). Zweitens hat der erwähnte Spill-over-Effekt dazu geführt, dass wir heute ein weitaus größeres kulturelles Angebot zur Verfügung haben, ohne wesentlich mehr Geld dafür ausgeben zu müssen. Dafür müssen wir Filme nicht illegal streamen, aber allein, dass wir es könnten, zwingt die Anbieter dazu, attraktive legale Bezahlangebote zu schaffen. Auch dies verursacht ein Minus in der Wachstumsbilanz. Drittens darf man nicht vergessen, auf wie viel kostenloses Wissen wir heute Zugriff haben. Die Wikipedia ist – bis auf ein paar wenige Spendenzahlungen – komplett kostenlos. Netto geht sie allerdings mit einem satten Minus in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein, wenn man die vielen Verluste der Lexikonverlage gegenrechnet. Obwohl es vielfach versucht wurde, gibt keine sinnvolle Art, den Wert der Wikipedia zu messen.[17] Einen ähnlichen Effekt haben wir durch die Verwendung von Open Source Software in der Wirtschaft.

Insgesamt werden alle möglichen Prozesse innerhalb der Wirtschaft durch Technologie immer effizienter. Der Einzug von künstlicher Intelligenz und Big Data wird immer wieder mit erheblichen Einsparungen beworben. Einsparungen sind aber nicht getätigte Transaktionen. Es sind Verschlankungen der Bilanz, denen zumindest nicht zwingend eine zusätzliche Investition gegenübersteht. Digitale Innovation spart also mehr Transaktionen ein, als sie zusätzlich schafft. Doch warum gibt es dann überhaupt noch wirtschaftliches Wachstum? Meine These dazu: Ähnlich wie 2007 befinden wir uns in einer Blase, dieses Mal aber mit immateriellen Werten. Ich glaube, Immaterialgüter sind massiv überbewertet – und zwar allein deshalb, weil sie künstlich am spill-over gehindert werden, der im Digitalen eigentlich der "Naturzustand" jeder Information ist. Plattformkontrolle, drakonische Urheberrechtsgesetzgebung und -durchsetzung haben zu einer künstlichen Verknappung von Ideen, Gedanken und kreativen Leistungen geführt, die auf der einen Seite unser aller Leben verarmt, um es uns auf der anderen wieder teuer verkaufen zu können.

Wachstum bedeutete einst, dass mehr Menschen mehr Dinge tun können, dass Produkte billiger wurden, mehr Menschen Zugang zu fließend Wasser, Strom, Konsumartikeln bekamen. In der digitalen Ökonomie bedeutet Wachstum lediglich, dass die Konsumentenrente erfolgreicher abgeschöpft wird, dass also mehr Menschen unnötigerweise mehr bezahlen, als sie unter normalen Marktbedingungen müssten. Wachstum bedeutet, dass immaterielle Güter erfolgreicher verknappt wurden.

Fazit

Alle fünf Kriterien, die ich eingangs identifiziert habe, werden durch die digitale Wirtschaft ad absurdum geführt. Ausführlich lautet die beunruhigende Frage also: Ist ein digitaler Kapitalismus mit nur noch behaupteten Kapital und überflüssiger Arbeit, der nicht mehr durch den Markt gesteuert wird, die Eigentumsordnung hinter sich gelassen hat und dessen kaum noch vorhandenes Wachstum aus der künstlichen Verknappung von Immaterialgütern resultiert, noch Kapitalismus?

Vermutlich nein. Aber was ist er dann? Zunächst stehen wir mit mindestens einem Bein ja noch voll und ganz im guten, alten analogen Kapitalismus. Und was das digitale Bein betrifft: Wir haben Kapitalismus immer nur in Abgrenzung zu Kommunismus oder Sozialismus – bestenfalls noch Anarchismus oder Feudalismus – zu verstehen gelernt. Das, was die Digitalwirtschaft dort tut, ist keines von dem. Wir müssen uns an dieser Stelle der Neuheit der Situation gewahr werden. Dies ist unser aller erste Digitalisierung und somit sollten wir der Möglichkeit Rechnung tragen, dass es sich hier auch um eine komplett neue Form der Ökonomie handelt. Eine, für die wir noch keinen Namen haben und noch gar nicht wissen, wie sie funktioniert. Etwas, das noch im Werden ist. Dieses Etwas ist nicht automatisch besser oder schlechter als der Kapitalismus, nur eben hinreichend anders. "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster", soll der marxistische Philosoph Antonio Gramsci sinngemäß geschrieben haben.[18] Wir haben es hier mit einem Monster zu tun, einem (noch) namenlosen Wesen. Monster sind nicht automatisch böse, aber sie machen uns Angst, weil wir sie nicht verstehen.

Fußnoten

13.
Vgl. Gunnar Heinsohn/Otto Steiger, Eigentum, Zins und Geld. Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft, Marburg 2002.
14.
Vgl. Steve Knopper, iTunes’ 10th Anniversary. How Steve Jobs Turned the Industry Upside Down, 26.4.2013, http://www.rollingstone.com/culture/culture-news/itunes-10th-anniversary-how-steve-jobs-turned-the-industry-upside-down-68985«.
15.
Vgl. Robert J. Gordon, The Rise and Fall of American Growth. The U.S. Standard of Living Since the Civil War, Princeton 2016.
16.
Vgl. Simon Dudley, The Internet Just Isn’t That Big a Deal Yet: A Hard Look at Solow’s Paradox, 12.11.2014, http://www.wired.com/insights/2014/11/solows-paradox«.
17.
Siehe zum Beispiel Leonhard Dobusch, Wert der Wikipedia. Zwischen 3,6 und 80 Milliarden Dollar?, 5.10.2013, https://netzpolitik.org/2013/wert-der-wikipedia-zwischen-36-und-80-milliarden-dollar«.
18.
Zit. nach Slavoj Žižek, A Permanent Economic Emergency, in: New Left Review 64/2010, https://newleftreview.org/issues/II64/articles/slavoj-zizek-a-permanent-economic-emergency«. Das Zitat ist allerdings umstritten, vermutlich hat Žižek folgende Zeilen frei paraphrasiert: "The crisis consists precisely in the fact that the old is dying and the new cannot be born, in this interregnum a great variety of morbid symptoms appear." Antonio Gramsci, "Wave of Materialism" and "Crisis of Authority", The Prison Notebooks, New York 1971 (1949/51), S. 275f.
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