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Der Islam in der Weltpolitik


5.2.2005
Die Weltreligionen haben eine Macht erlangt, die an die Geschichte der Kreuzzüge und der islamischen Djihad-Kriege erinnert. Dies zeigt sich an der Politisierung der jeweiligen Religion, besonders in Form des religiös fanatisierten Terrorismus.

Einleitung



Die Weltreligionen haben eine Macht erlangt, die an die Geschichte der Kreuzzüge und der islamischen Djihad-Kriege erinnert. Dies zeigt sich vor allem, wenn man die Politisierung der jeweiligen Religion und damit den religiösen Fundamentalismus gebührend beachtet. Ob es sich um die Religionen der historischen Gottesoffenbarung oder um die Religionen des immerwährenden Weltgesetzes handelt: Die Macht, die von denReligionen ausgeht, schlägt sich in den Glaubenskonflikten der Weltpolitik nieder. Das gilt für das Judentum, das Christentum und denIslam sowie für den Hinduismus, den Buddhismus und den Konfuzianismus, dessen religiöse Morallehre im Fernen Osten eine wesentliche Triebkraft ist.

Die Macht der Religionen zeigt sich besonders in der Form jenes religiös fanatisierten Terrorismus, der in der islamistischen Herausforderung der westlichen Zivilisation durch die Anschläge in New York und Washington am 11. September 2001 zum Tragen kam und der sich seitdem in immer dichterer Folge vergegenwärtigt. Bedeutsam war und ist hierbei der Islam als politische Ideologie, wenngleich der islamische Fundamentalismus, der Islamismus, religiös begründet ist. Islamisten wollen die Welt entwestlichen und als globale Herrschaft des Islam neu ordnen. Dem Islamismus liegt eine Politisierung des Islam zu Grunde, und der islamistische Terrorismus zielt auf einen Djihad-Krieg gegen die westliche Welt.

Die problemreichen Schlagworte vom Kreuzzug und vom Djihad in seiner historisch-kriegerischen Bedeutung haben eine Revitalisierung erfahren: zunächst bei den Terroranschlägen, die Osama bin Laden als Djihad-Krieg gegen den Westen bezeichnete, sodann durch Präsident George W. Bush, den bekennenden "wiedergeborenen Christen", der zu einem Kreuzzug gegen den Terrorismus aufrief, und schließlich seit dem Irak-Krieg, seitdem muslimische Stimmen laut werden, die einen kriegerischen Djihad gegen die Vereinigten Staaten fordern.

Die beiden größten Religionen - der Islam und das Christentum: hier das amerikanische Christentum - haben in ihren Ländern tiefe Wurzeln geschlagen. Daraus erklärt sich ihre Macht, die bis zum Fundamentalismus und zum islamistischen Terrorismus reicht. Grundlegend ist die Praxis der beiden Religionen: dort die islamischen Stätten des Gebets und der Lehre, die Moscheen, von deren Minaretten der Muezzin fünfmal täglich zum Gebet ruft; hier die Vereinigten Staaten, die ein ausgeprägt christliches Land sind: Über ein Drittel aller Bürger lässt sich als streng gläubig einordnen. Der Kirchgang an jedem Sonntag ist obligatorisch. Die Kabinettssitzungen im Weißen Haus beginnen stets mit einer kurzen Andacht. Und auf jedem Dollarschein steht zu lesen: "In God We Trust."

Das Verständnis der Macht der Religionen erweist sich als ein recht schwieriges Unterfangen, das auf dem Betrachter und dem Betrachtungsgegenstand beruht.[1] So sind das Judentum und - bedingt - der Islam durch ihre relative Nähe zum Christentum hinlänglich zu erfassen, während sich aus westlicher Sicht der Hinduismus, der Buddhismus und der Konfuzianismus nur schwer begreifen lassen. Die von der westlichen Tradition verschiedenen Denk- und Wertesysteme erschweren das Verständnis der östlichen Glaubensvorstellungen. Darüber hinaus ist dem Hinduismus, dem Buddhismus und dem Konfuzianismus, aber auch dem Judentum und besonders dem Islam das christliche Bewusstsein fremd, das die Neuzeit prägte: jene europäische Epoche um etwa 1500, die durch die Renaissance, den Humanismus und letztendlich durch die Reformation gekennzeichnet ist. In der Neuzeit entstand eine dreifache Bestimmung des Individuums: die Autonomie des Einzelnen, die technisch-industrielle Weltorientierung (der ästhetische Subjektivismus) und das private Aneignen (der possessive Individualismus).[2] Diese explosive Verbindung von teils widersprüchlichen Zielsetzungen hat die moderne Welt gestaltet.

Im Gegensatz zum christlichen Bewusstsein und zum Wertepluralismus der westlichen Kultur kommt dem Individuum im islamischen Selbstverständnis nur eine geringe Bedeutung zu. Im Islam versteht sich vielmehr die Umma, die islamische Gemeinschaft, als Nukleus der vereinten Muslime. Auch ist der Islam nicht wie das Christentum ein kirchliches, sondern ein organisches Religionssystem, das alle Lebensbereiche umfasst und hierfür das islamische Recht der Scharia bereithält. Die Scharia bildet für die große Mehrheit der islamischen Fundamentalisten die Grundlage der politischen Systeme in der islamischen Welt.



Fußnoten

1.
Vgl. Wilfried Röhrich, Die Macht der Religionen. Glaubenskonflikte in der Weltpolitik, München 2004, S. 13 - 16.
2.
Vgl. ders., Herrschaft und Emanzipation. Prolegomena einer kritischen Politikwissenschaft, Berlin 2001, S. 33ff.