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5.2.2005 | Von:
Wilfried Röhrich

Der Islam in der Weltpolitik

Der 11. September 2001

Die Terroranschläge auf das World Trade Center mitten in Manhattan und auf das Pentagon in Washington haben eine Weltöffentlichkeit erschreckt, die sich noch immer weigerte, den islamischen Fundamentalismus im globalen Machtgefüge der politisierten Religionen angemessen zu verstehen. In den Vereinigten Staaten lösten die islamistischen Terroranschläge mit ihrer hohen Symbolkraft einen tiefen Schock aus, der sich kaum in Worte fassen lässt. Die Illusion von Sicherheit, in der sich die Amerikaner wähnten, gilt nicht mehr. Das World Trade Center in Trümmern, Teile des Pentagons in Flammen, das Weiße Haus evakuiert, die Flughäfen geschlossen: Die Szenerie übertraf selbst die Fiktion der ins Meer stürzenden Freiheitsstatue in Roland Emmerichs Film "Independence Day".

Sicherlich, die Vereinigten Staaten bildeten schon lange das Ziel islamistischen Terrors.[3] Doch noch nie wurden sie so zentral getroffen wie an jenem 11. September. Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, Entführungen, selbst der Autobombenanschlag von 1993 auf das World Trade Center: Dies war ein Terror, der die Vereinigten Staaten traf, den sie aber rasch überwanden. Dieses Mal zeigte sich die Verwundbarkeit der Supermacht durch einen geballten Angriff, der einem Krieg gleichkam, den die Vereinigten Staaten auf ihrem Boden nie hatten erleben müssen, obwohl sie sich bei ihrem hartnäckigen Unterfangen, ihre demokratischen Normen und organisatorischen Prinzipien auf globalem Terrain zu implantieren, nicht wenige Feinde in der Welt gemacht haben.

In einem Land, das zu den religiösesten und kirchgangsfreudigsten Nationen der Welt zählt, hatte man sich nach dem 11. September 2001 um Präsident Bush geschart. Für ihn war schon immer das Kriterium des Politischen primär ein religiöses Kriterium: die Unterscheidung von Gut und Böse, die das politische Freund-Feind-Denken verstärkt. So musste dem Präsidenten zufolge ein Krieg zur Verteidigung Amerikas - der "chosen nation" im göttlichen Heilsplan - gegen das schlechthin Böse im islamistischen Terrorismus geführt werden, der antireligiös, weil Menschen verachtend sei: "Wir werden einen Kreuzzug führen, um die Welt von den Übeltaten zu befreien", so George W. Bush, dem Osama bin Laden die Worte Sayyid Qutbs, eines der geistigen Väter des islamischen Fundamentalismus, entgegenhielt: "Dieser Krieg ist im wesentlichen ein Religionskrieg, also einer zwischen dem Glauben und dem internationalen Unglauben."[4]

Die Interpretation des Djihad-Krieges als "Religionskrieg" gegen den internationalen Unglauben lässt sich aufgreifen, um den religiös fanatisierten Terrorismus und den Islamismus zu veranschaulichen. Dabei ist zu beachten, dass der Islamismus mehrere Ausprägungen kennt und dass diese Islamismen unterschiedlichste Formen annehmen. Es gibt Islamisten in Gestalt von Pragmatikern wie einst Erbakan in der Türkei oder in Gestalt der "Rechtsgelehrten" im Iran. Es gibt aber auch Islamisten, denen es um die eindeutige Herrschaft der Scharia geht, und solche, die den Kampf gegen den Westen zu führen bereit sind. Deshalb müssen die Unterschiede zwischen den Islamisten und den extremistischen Terroristen mit islamischem Hintergrund genau beachtet werden. Denn in seiner verblendeten Form mündet der Islamismus in den Terrorismus.[5] Und dies geschieht immer dann, wenn seine Anhänger glauben, die Errichtung oder die Verteidigung der "göttlichen Ordnung" erfordere einen internen Umbruch oder einen externen Djihad-Krieg, in dem die Ungläubigen und die Feinde des Islam zu bekämpfen seien. Der 11. September 2001 zeugt von dieser verblendeten Gestalt des Islamismus.

Die von den Islamisten verkündete Islamische Ordnung, die Nizam Islami, beinhaltet wie die von Bush senior geforderte New World Order ein auf der Macht politisierter Religionen gründendes Konfliktpotential. Die Pax Islamica zielt ebenso wie die Pax Americana nicht auf eine - begrifflich vorgetäuschte - Friedensordnung, sondern auf den jeweiligen Machtanspruch. Dementsprechend hat die Bush-Administration, befangen in ihrem christlichen Fundamentalismus, die Pax Americana relativ weit ausgedehnt - unter der Parole, es bestehe für die Nation eine gottgewollte Missionsaufgabe. So enden denn auch die Antworten auf Fragen, die sich nach den Terroranschlägen in New York und Washington stellen, im Antiamerikanismus. Und der wird zudem dann verständlich, wenn man auf die amerikanische Transplantation dreier normativer Prinzipien auf die nominellen islamischen Nationalstaaten blickt: den Kapitalismus und den freien Markt, die Menschenrechte und die liberale Demokratie. Die problematische Realität besteht darin, dass diese Prinzipien mit den autochthonen Werten der islamischen Welt kollidieren.


Fußnoten

3.
Vgl. ders., Die USA und der Rest der Welt. Ein kritischer Essay, Münster 2002, S. 3 - 5.
4.
Vgl. Bassam Tibi, Eine neue Welt(un)ordnung?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 52 (2001) 11 - 12, S. 619ff.
5.
Vgl. Albrecht Metzger, Die vielen Gesichter des Islamismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 52 (2002) 3-4, S.7-15, passim.