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5.2.2005 | Von:
Wilfried Röhrich

Der Islam in der Weltpolitik

Die Re-Politisierung des Islam im Iran

Die Re-Politisierung des Islam, die sich vor einem Vierteljahrhundert im Iran vollzog, hat die Weltöffentlichkeit erstmals konkret mit dem Islamismus konfrontiert. Damals, mit der Khomeini-Revolution vom Februar 1979, erfolgte nicht nur der für den Westen unerwartete revolutionäre Umbruch. Auch in der iranischen Geschichte ist die schiitische Konfession in ein Stadium eingetreten, in dem unter der Leitung des schiitischen Klerus eine religiös-legitimierte Herrschaft entstand.[12] Denn während der Abwesenheit des "entrückten" zwölften Imam, der den Safawiden zufolge seit dem 9. Jahrhundert in "Verborgenheit" lebt, war im Grunde jede Herrschaft - auch die der Geistlichkeit - illegitim. Erst Ayatollah Ruhollah Khomeini vertrat in diesem Kontext seine eigene Doktrin der Herrschaft der Rechtsgelehrten.

Bedeutsam für die Khomeini-Revolution war nicht zuletzt die Tatsache, dass die schiitischen Kleriker ökonomisch stark genug waren, um Khomeinis Rückkehr in den Iran und zuvor seine vielfältigen Aktivitäten in Frankreich zu finanzieren. Die schiitische Geistlichkeit hatte ein Bündnis mit den Basaris, den Handelsleuten, gebildet. Dieses Bündnis, das in statu nascendi von einer breiten Massenbasis getragen wurde, führte zur Revolution und damit zum Ende der Pahlewi-Monarchie. So wurde in kurzer Zeit ein autokratisches System gestürzt, das wie kein anderes in der Nahost-Region vom Westen unterstützt wurde und in amerikanische Interessenpolitik eingebunden war. Dass dies gelang, lässt sich darauf zurückführen, dass die Schah-Herrschaft eine nur modernisierte Variante in der Geschichte der orientalischen Despotie verkörperte - ohne jegliche islamische Legitimierung. Die Revolution konnte gelingen, da sie auf autochthone Werte zurückgriff.

In dem von Ayatollah Khomeini bestimmten Jahrzehnt wurden wesentliche Grundlagen gelegt, die noch das heutige iranische Regime prägen. Dessen Kerngehalt ist die Doktrin der Wilayat-i faqih, der Herrschaft des Rechtsgelehrten, wie sie in der Verfassung vom 15. November 1979 betont wird.[13] Diese Verfassung, die ein Gemisch aus Glaubensbekenntnis, Parteiprogramm und Grundgesetz darstellt, spiegelt - auch in ihrer zweiten Fassung - das schiitische Staats- und Herrschaftsverständnis in khomeinistischer Ausprägung wider: In der Islamischen Republik Iran stünden während der Abwesenheit des "entrückten" zwölften Imam der Führungsauftrag, das Imamat, und die Führungsbefugnis der islamischen Gemeinschaft dem befähigtsten Rechtsgelehrten zu. Nach dieser revisionistischen Interpretation der schiitischen Lehre war der Faqih der oberste Richter und Bewahrer aller Staatsorgane, unter dessen direktem Einfluss sämtliche "legislativen, richterlichen und erzieherischen Institutionen" standen. Insgesamt zielte die Islamische Republik Khomeinis darauf ab, eine islamische Ordnung zu errichten, wie sie von 656 bis 661 unter dem vierten rechtgeleiteten Kalifen Ali, dem ersten schiitischen Imam Ali, bestand, aus dessen Anhängern die Schiiten hervorgehen. Die Verfassung benennt den Islam zwölfer-schiitischer Ausprägung als die offizielle Religion des Iran. Sie unterstreicht die dominierende Rolle der Geistlichkeit und sieht im islamischen Recht der Scharia die Grundlage des Rechtswesens.

Die iranische Theokratie verfolgte und verfolgt eine recht aggressive Außenpolitik vor allem gegen den Protagonisten der Verwestlichung und die Ursache des Identitätsverlustes der Muslime: gegen die Vereinigten Staaten. Darüber hinaus richtet sie sich gegen Israel als Manifestation westlicher Dominanz in der islamischen Welt. In der Khomeini-Ära verbreitete sich der Slogan: "Der Weg nach Jerusalem geht über Kerbela" - über den im Irak gelegenen Begräbnisort des Prophetenenkels Hussein, des dritten Imam. "Kerbela" stand für die Befreiung der Muslime von ihren inneren Feinden, den Abtrünnigen wie Saddam Hussein, den die Reagan-Administration im iranisch-irakischen Krieg unterstützte. Und der "Weg nach Jerusalem" kennzeichnete die Befreiung der islamischen Welt von ihren äußeren Feinden.[14] In der nachkhomeinistischen Ära erklärte Ayatollah Ali Khamenei immer wieder, die Regierung der Vereinigten Staaten sei der Erzfeind des Iran. Man betrachte sie als "großen Satan".

Im Gegenzug entdeckte George W. Bush eine "Achse des Bösen", die der Iran, Nordkorea und der inzwischen zerstörte Irak bildeten. Diese "Schurkenstaaten" rückten ins Zentrum jener manichäischen Betrachtungsweise, mit der die Bush-Administration unübersichtliche Probleme auf übersichtliche Gut-Böse-Konfrontationen reduziert. Die Unterstützung islamistischer Terroristen, eine massive Raketenrüstung sowie das Streben nach Atom-, B- und C-Waffen kennzeichnen nach Präsident Bush die drei Staaten.

Mit Blick auf den Iran hat sich inzwischen manches von dem bestätigt, was die Bush-Administration vermutete. Die iranische Theokratie unterstützt seit geraumer Zeit die libanesische Hizbollah im Kampf gegen Israel. Und ungeachtet internationaler Warnungen hat der Iran mit einem Atomprogramm begonnen, das Israel und die Vereinigten Staaten bereits an Militärschläge gegen Teheran denken ließ. Erst nach langen Dialogen kam es zu einer Iran-Resolution der Internationalen Atomenergiebehörde. Diese von Deutschland, Frankreich und Großbritannien entworfene Resolution bescheinigt dem Iran, dass er sein Programm zur Urananreicherung ausgesetzt hat. Die drei Staaten der Europäischen Union haben als Gegenleistung Teheran ihre Hilfe beim Ausbau ziviler Atomkraft zugesagt. Ob damit das iranische Atomproblem gelöst ist, bleibt allerdings fraglich.


Fußnoten

12.
Vgl. Bassam Tibi, Der Islam und das Problem der kulturellen Bewältigung sozialen Wandels, Frankfurt/M. 1985, S. 187 - 190.
13.
Vgl. Wilfried Röhrich, Die politischen Systeme der Welt, München 2003, S. 95 - 100.
14.
Vgl. Udo Steinbach, Der Islam im "Thermidor". Zur Lage des Islam im Nahen Osten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40 (1990) 22, S. 11ff.