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5.2.2005 | Von:
Wilfried Röhrich

Der Islam in der Weltpolitik

Der Al-Qaida-Terrorismus

Der Terminus "Al-Qaida" zählt zu den Begriffen, die in den internationalen Schlagzeilen überbeansprucht und ideologisch missbraucht werden. Seine reale Bedeutung lässt sich am besten erkennen, wenn man zum Teil exemplarisch dem Wandel vom zentralisierten zum dezentralisierten Terrorismus der Terror-Basis (= Al-Qaida) nachgeht: War Al-Qaida bei den jahrelang vorbereiteten Anschlägen vom 11. September 2001 noch eine planmäßig geleitete Organisation, so begann sie sich nach dem Krieg in Afghanistan und der Zerstörung ihrer dortigen Trainingslager aufzuspalten und zu regionalisieren. Aus der von Osama bin Laden gelenkten Kern-Al-Qaida bildeten sich lokale Gruppen in über sechzig Ländern heraus. Ihnen gemeinsam sind die Djihad-Ideologie und die Märtyrer-Waffe des Selbstmordattentats. Diese getrennt agierenden Gruppen zielen darauf ab, Terrorakte von weltweiter Breitenwirkung zu verüben - gemeinsam mit den örtlichen Terroristen oder auch unabhängig von ihnen. Aus Al-Qaida erwuchs der Al-Qaidaismus.

Ein Land, in dem Al-Qaida unabhängig von weiteren Terrorgruppen agiert, ist der Irak. Der Krieg im Zweistromland, den die Bush-Administration ohne völkerrechtliches Mandat und ohne wahren Grund führte, und die "Nachkriegszeit" forcierten den Al-Qaidaismus. Mit ihrem Sieg über Saddam Hussein zerstörten die Vereinigten Staaten das neben Syrien einzige laizistische Regime im islamischen Nahen Osten, das mit eiserner Hand die religiösen Kollektive zusammenhielt. Sie öffneten damit die Büchse der Pandora und setzten den Sunna-Schia-Konflikt frei. So traten alsbald sunnitische und schiitische Terroristen auf den Plan, die noch immer im Irak dominieren. Die Terrorfronten und die Konflikte zwischen dem schiitischen Wahlblock und den sunnitischen Nationalisten weiteten sich aus. Die Gewalt im Wahlkampf und der von Osama bin Laden geforderte Wahlboykott markieren die tief greifende Problematik, die von Präsident Bush verheißene irakische Demokratie zu erlangen.

Die heftigsten Terroranschläge gehen im Irak von Extremistengruppen aus, die von dem jordanischen Terroristen Abu Mussab al-Sarqawi geführt werden. Der "Emir von Al-Qaida im Zweistromland" (Bin Laden) verkörpert jenen Terroristen, der unabhängig von den örtlichen Kampfgruppen seine Schreckenstaten ausführt. Für ihn bedeutet der Djihad eine absolute Notwendigkeit, die Blut fordert. Die von Sarqawi betriebenen Terrorakte und Hinrichtungen ausländischer Geiseln sind für ihn durch das islamische Recht der Scharia gerechtfertigt. Darüber hinaus hat Sarqawi Großanschläge in westlichen Staaten angekündigt.

Im Unterschied zum Terrorismus im Irak bestehen in den russischen Kaukasusrepubliken gemeinsame Aktionen zwischen Al-Qaida und den örtlichen Freiheitskämpfern und Terroristen. Dort wurde die Al-Qaida-Ideologie nicht erst durch das Geiseldrama von Beslan sichtbar - dem schlimmsten Terrorakt seit dem 11. September 2001. Bereits im Juni 1995 machte dort der Rebellenführer Schamil Bassajew von sich reden, der sich schon früh in afghanischen Al-Qaida-Trainingslagern ausbilden ließ. Damals stürmte er mit mehreren Kämpfern das Krankenhaus im südrussischen Budjonnowsk und nahm 1500 Menschen als Geiseln. Zudem sind die russischen Kaukasusrepubliken durch eine Al-Qaidaisierung gekennzeichnet: Die Rebellen- und Terrorgruppen zwischen Dagestan und Nordossetien werden von Kämpfern aus verschiedenen islamischen Staaten und von Al-Qaida-Terroristen unterstützt. Außerdem erhalten sie Gelder von saudischen Wahhabiten.

Der Blick auf den Irak und die russischen Kaukasusrepubliken hat deutlich werden lassen, dass die Al-Qaida-Gruppen teils unabhängig von den örtlichen Terroristen, teils aber auch gemeinsam mit ihnen agieren. Beide Varianten zählen zu jenem lockeren Verbund von Terrorgruppen, der auf die alte Al-Qaida zurückgeht, wie sie in Afghanistan bestand. An die Stelle dieser Organisation sind inzwischen Bewegungen und eine ihnen eigene Ideologie getreten. Diese zielt auf den Djihad als Weltprojekt der Islamisierung und vereint die Terrorgruppen mit ihren verschiedenen Autonomiegraden. Einige dieser Gruppen orientieren sich an Vorgaben der Al-Qaida-Führung, andere lassen sich nur von ihrer Vision anregen. Ihre gemeinsame Strategie des Djihadismus richtet sich in den hier betrachteten Problemregionen gegen die Präsenz der amerikanischen Truppen im Nahen Osten und der russischen Soldaten im Nordkaukasus.

Der Antiterrorkampf gegen Al-Qaida erweist sich als ein Problem, das durch den dezentralisierten Terrorismus komplizierter, aber nicht unlösbar geworden ist. Durch dieweltweit agierenden Terrorgruppen wird zwar jede Gegenstrategie erheblich erschwert. Das Ziel jedoch, Al-Qaida zu schwächen und zu zerschlagen, muss beharrlich verfolgt werden. Die Stärke von Al-Qaida zeigt sich in der Omnipräsenz der lokalen Gruppen. Wird eine von ihnen enttarnt, dann ist das für den Terror-Verbund von geringer Bedeutung. Denn Osama bin Laden hat eine terroristische Hydra geschaffen, der stets neue Terror-Köpfe nachwachsen. Kurz, die Bedrohung ist durch die zahlreichen lokalen Terrorgruppen heute weiter verbreitet als zur Zeit der Kern-Al-Qaida. Deshalb muss der Antiterrorkampf in vielen Weltregionen geführt werden. Es geht nicht mehr nur um New York, Washington, Madrid und Beslan, sondern um all die Orte, an denen lokale Terrorgruppen agieren.