APUZ Dossier Bild
1|2|3|4|5 Auf einer Seite lesen

5.2.2005 | Von:
Wilfried Röhrich

Der Islam in der Weltpolitik

Die Weltreligionen haben eine Macht erlangt, die an die Geschichte der Kreuzzüge und der islamischen Djihad-Kriege erinnert. Dies zeigt sich an der Politisierung der jeweiligen Religion, besonders in Form des religiös fanatisierten Terrorismus.

Einleitung

Die Weltreligionen haben eine Macht erlangt, die an die Geschichte der Kreuzzüge und der islamischen Djihad-Kriege erinnert. Dies zeigt sich vor allem, wenn man die Politisierung der jeweiligen Religion und damit den religiösen Fundamentalismus gebührend beachtet. Ob es sich um die Religionen der historischen Gottesoffenbarung oder um die Religionen des immerwährenden Weltgesetzes handelt: Die Macht, die von denReligionen ausgeht, schlägt sich in den Glaubenskonflikten der Weltpolitik nieder. Das gilt für das Judentum, das Christentum und denIslam sowie für den Hinduismus, den Buddhismus und den Konfuzianismus, dessen religiöse Morallehre im Fernen Osten eine wesentliche Triebkraft ist.

Die Macht der Religionen zeigt sich besonders in der Form jenes religiös fanatisierten Terrorismus, der in der islamistischen Herausforderung der westlichen Zivilisation durch die Anschläge in New York und Washington am 11. September 2001 zum Tragen kam und der sich seitdem in immer dichterer Folge vergegenwärtigt. Bedeutsam war und ist hierbei der Islam als politische Ideologie, wenngleich der islamische Fundamentalismus, der Islamismus, religiös begründet ist. Islamisten wollen die Welt entwestlichen und als globale Herrschaft des Islam neu ordnen. Dem Islamismus liegt eine Politisierung des Islam zu Grunde, und der islamistische Terrorismus zielt auf einen Djihad-Krieg gegen die westliche Welt.

Die problemreichen Schlagworte vom Kreuzzug und vom Djihad in seiner historisch-kriegerischen Bedeutung haben eine Revitalisierung erfahren: zunächst bei den Terroranschlägen, die Osama bin Laden als Djihad-Krieg gegen den Westen bezeichnete, sodann durch Präsident George W. Bush, den bekennenden "wiedergeborenen Christen", der zu einem Kreuzzug gegen den Terrorismus aufrief, und schließlich seit dem Irak-Krieg, seitdem muslimische Stimmen laut werden, die einen kriegerischen Djihad gegen die Vereinigten Staaten fordern.

Die beiden größten Religionen - der Islam und das Christentum: hier das amerikanische Christentum - haben in ihren Ländern tiefe Wurzeln geschlagen. Daraus erklärt sich ihre Macht, die bis zum Fundamentalismus und zum islamistischen Terrorismus reicht. Grundlegend ist die Praxis der beiden Religionen: dort die islamischen Stätten des Gebets und der Lehre, die Moscheen, von deren Minaretten der Muezzin fünfmal täglich zum Gebet ruft; hier die Vereinigten Staaten, die ein ausgeprägt christliches Land sind: Über ein Drittel aller Bürger lässt sich als streng gläubig einordnen. Der Kirchgang an jedem Sonntag ist obligatorisch. Die Kabinettssitzungen im Weißen Haus beginnen stets mit einer kurzen Andacht. Und auf jedem Dollarschein steht zu lesen: "In God We Trust."

Das Verständnis der Macht der Religionen erweist sich als ein recht schwieriges Unterfangen, das auf dem Betrachter und dem Betrachtungsgegenstand beruht.[1] So sind das Judentum und - bedingt - der Islam durch ihre relative Nähe zum Christentum hinlänglich zu erfassen, während sich aus westlicher Sicht der Hinduismus, der Buddhismus und der Konfuzianismus nur schwer begreifen lassen. Die von der westlichen Tradition verschiedenen Denk- und Wertesysteme erschweren das Verständnis der östlichen Glaubensvorstellungen. Darüber hinaus ist dem Hinduismus, dem Buddhismus und dem Konfuzianismus, aber auch dem Judentum und besonders dem Islam das christliche Bewusstsein fremd, das die Neuzeit prägte: jene europäische Epoche um etwa 1500, die durch die Renaissance, den Humanismus und letztendlich durch die Reformation gekennzeichnet ist. In der Neuzeit entstand eine dreifache Bestimmung des Individuums: die Autonomie des Einzelnen, die technisch-industrielle Weltorientierung (der ästhetische Subjektivismus) und das private Aneignen (der possessive Individualismus).[2] Diese explosive Verbindung von teils widersprüchlichen Zielsetzungen hat die moderne Welt gestaltet.

Im Gegensatz zum christlichen Bewusstsein und zum Wertepluralismus der westlichen Kultur kommt dem Individuum im islamischen Selbstverständnis nur eine geringe Bedeutung zu. Im Islam versteht sich vielmehr die Umma, die islamische Gemeinschaft, als Nukleus der vereinten Muslime. Auch ist der Islam nicht wie das Christentum ein kirchliches, sondern ein organisches Religionssystem, das alle Lebensbereiche umfasst und hierfür das islamische Recht der Scharia bereithält. Die Scharia bildet für die große Mehrheit der islamischen Fundamentalisten die Grundlage der politischen Systeme in der islamischen Welt.

Der 11. September 2001

Die Terroranschläge auf das World Trade Center mitten in Manhattan und auf das Pentagon in Washington haben eine Weltöffentlichkeit erschreckt, die sich noch immer weigerte, den islamischen Fundamentalismus im globalen Machtgefüge der politisierten Religionen angemessen zu verstehen. In den Vereinigten Staaten lösten die islamistischen Terroranschläge mit ihrer hohen Symbolkraft einen tiefen Schock aus, der sich kaum in Worte fassen lässt. Die Illusion von Sicherheit, in der sich die Amerikaner wähnten, gilt nicht mehr. Das World Trade Center in Trümmern, Teile des Pentagons in Flammen, das Weiße Haus evakuiert, die Flughäfen geschlossen: Die Szenerie übertraf selbst die Fiktion der ins Meer stürzenden Freiheitsstatue in Roland Emmerichs Film "Independence Day".

Sicherlich, die Vereinigten Staaten bildeten schon lange das Ziel islamistischen Terrors.[3] Doch noch nie wurden sie so zentral getroffen wie an jenem 11. September. Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, Entführungen, selbst der Autobombenanschlag von 1993 auf das World Trade Center: Dies war ein Terror, der die Vereinigten Staaten traf, den sie aber rasch überwanden. Dieses Mal zeigte sich die Verwundbarkeit der Supermacht durch einen geballten Angriff, der einem Krieg gleichkam, den die Vereinigten Staaten auf ihrem Boden nie hatten erleben müssen, obwohl sie sich bei ihrem hartnäckigen Unterfangen, ihre demokratischen Normen und organisatorischen Prinzipien auf globalem Terrain zu implantieren, nicht wenige Feinde in der Welt gemacht haben.

In einem Land, das zu den religiösesten und kirchgangsfreudigsten Nationen der Welt zählt, hatte man sich nach dem 11. September 2001 um Präsident Bush geschart. Für ihn war schon immer das Kriterium des Politischen primär ein religiöses Kriterium: die Unterscheidung von Gut und Böse, die das politische Freund-Feind-Denken verstärkt. So musste dem Präsidenten zufolge ein Krieg zur Verteidigung Amerikas - der "chosen nation" im göttlichen Heilsplan - gegen das schlechthin Böse im islamistischen Terrorismus geführt werden, der antireligiös, weil Menschen verachtend sei: "Wir werden einen Kreuzzug führen, um die Welt von den Übeltaten zu befreien", so George W. Bush, dem Osama bin Laden die Worte Sayyid Qutbs, eines der geistigen Väter des islamischen Fundamentalismus, entgegenhielt: "Dieser Krieg ist im wesentlichen ein Religionskrieg, also einer zwischen dem Glauben und dem internationalen Unglauben."[4]

Die Interpretation des Djihad-Krieges als "Religionskrieg" gegen den internationalen Unglauben lässt sich aufgreifen, um den religiös fanatisierten Terrorismus und den Islamismus zu veranschaulichen. Dabei ist zu beachten, dass der Islamismus mehrere Ausprägungen kennt und dass diese Islamismen unterschiedlichste Formen annehmen. Es gibt Islamisten in Gestalt von Pragmatikern wie einst Erbakan in der Türkei oder in Gestalt der "Rechtsgelehrten" im Iran. Es gibt aber auch Islamisten, denen es um die eindeutige Herrschaft der Scharia geht, und solche, die den Kampf gegen den Westen zu führen bereit sind. Deshalb müssen die Unterschiede zwischen den Islamisten und den extremistischen Terroristen mit islamischem Hintergrund genau beachtet werden. Denn in seiner verblendeten Form mündet der Islamismus in den Terrorismus.[5] Und dies geschieht immer dann, wenn seine Anhänger glauben, die Errichtung oder die Verteidigung der "göttlichen Ordnung" erfordere einen internen Umbruch oder einen externen Djihad-Krieg, in dem die Ungläubigen und die Feinde des Islam zu bekämpfen seien. Der 11. September 2001 zeugt von dieser verblendeten Gestalt des Islamismus.

Die von den Islamisten verkündete Islamische Ordnung, die Nizam Islami, beinhaltet wie die von Bush senior geforderte New World Order ein auf der Macht politisierter Religionen gründendes Konfliktpotential. Die Pax Islamica zielt ebenso wie die Pax Americana nicht auf eine - begrifflich vorgetäuschte - Friedensordnung, sondern auf den jeweiligen Machtanspruch. Dementsprechend hat die Bush-Administration, befangen in ihrem christlichen Fundamentalismus, die Pax Americana relativ weit ausgedehnt - unter der Parole, es bestehe für die Nation eine gottgewollte Missionsaufgabe. So enden denn auch die Antworten auf Fragen, die sich nach den Terroranschlägen in New York und Washington stellen, im Antiamerikanismus. Und der wird zudem dann verständlich, wenn man auf die amerikanische Transplantation dreier normativer Prinzipien auf die nominellen islamischen Nationalstaaten blickt: den Kapitalismus und den freien Markt, die Menschenrechte und die liberale Demokratie. Die problematische Realität besteht darin, dass diese Prinzipien mit den autochthonen Werten der islamischen Welt kollidieren.

Vom Kalifat zum Nationalstaat - und zurück?

Die Islamisten und die islamistischen Terroristen eint ein Schlagwort. Sie fordern die Wiedererrichtung des Kalifats - einer politischen Ordnung, die der Islam als eine historische Staatsform kennt. Dieses Zurück zur Geschichte, vor allem zur großen Zeit der ersten Kalifen und der frühen muslimischen Gemeinschaft, der Umma, ist alles andere als eine Flucht. Vielmehr zielt die islamistische Vision auf eine politische Aufrüstung: intern gegen die westlich orientierten Nationalstaaten und extern gegen das "ungerechte Machtverhältnis" zwischen der islamischen und der westlichen Welt.

Die ein Kalifat anstrebenden Islamisten sehen im Ur-Islam die Leitbilder für alle Zeiten gesetzt. Für sie sind die Ereignisse in Mekka und Medina während der kurzen Ära der prophetischen Führung keine unwiederholbaren Vorbilder, sondern ein politisches Programm für die Gegenwart. Damals wurde die Gemeinde von Medina zur Keimzelle des islamischen Staates, in dem Religion und Politik eine Einheit bildeten. Durch Mohammeds Kriege wurde der Kampf mit dem Schwert in den Islam einbezogen.[6] Bereits im Jahre 630 n.Chr. erstreckte sich die islamische Ordnung über den größten Teil der Arabischen Halbinsel. Zwei Jahre darauf, nach dem Tod des Propheten, Staatsmannes und Feldherrn, wurde das Kalifat zur Ordnungsvorstellung des Islam.

Da Mohammed keinen Nachfolger bestimmt hatte, einigte man sich darauf, das Kalifat als ein Amt zu schaffen, dessen gewählter Inhaber das Erbe des Propheten verwalten sollte. In der Periode der ersten vier rechtgeleiteten Kalifen, die mit dem Propheten verwandt waren, erfuhr das Kalifat eine streng religiöse Deutung: Die Autorität des Kalifen gründete auf der uneingeschränkten Souveränität Gottes. Der Kalif war nicht nur Leiter der Umma, sondern auch Stellvertreter des Propheten. In dessen Namen kam es zu einer weit ausgreifenden Expansion. Der Djihad-Krieg diente dem islamischen Welteroberungsprojekt, das zweifellos die heutigen Islamisten und islamistischen Terroristen in ihrem irrealen Anspruch auf universale Herrschaft nachhaltig inspiriert.

Übersehen wird dagegen, dass bereits die Periode der ersten vier Kalifen - das idealisierte Modell islamistischer Staatsvision - nicht nur zahlreiche innere Konflikte aufwies, sondern auch allmählich von einem Kalifat geprägt wurde, dem primär die Funktion zukam, die Existenz der Umma zu wahren. Die Organisation der durch Expansion geschaffenen Großreiche, die ursprünglich der Leitung der Prophetengefährten anvertraut war, ging sukzessive auf unterschiedlich legitimierte Führungsgruppen über. In den Omaiyaden-Dynastien wurde die militärische Funktion für die Leitung der Umma immer wichtiger. Während der Abbasiden-Herrschaft schwächte sich die Macht der zentral regierenden Kalifen erheblich ab - de facto herrschten lokale Dynastien. Zudem waren fest umrissene Institutionen entstanden, die entgegen der ursprünglichen Einheit die Sphären von Politik und Religion trennten: den Herrschaftsapparat vom Bereich der Rechtsgelehrten.

Das Kalifat entwickelte sich - wie das hier ausgeblendete schiitische Imamat - zu einem Kontrastbild zur heutigen islamistischen Ideologie, die im Kalifen noch immer den Stellvertreter des Propheten sieht. Im Osmanischen Reich schließlich, einem auf den Krieg gegen die Ungläubigen zielenden Militärstaat, war der Titel des Kalifen weitgehend eine Ehrenbezeichnung. Unter der Führung des Sultans wurde der Kalif nur noch nominell anerkannt. Zwar ist das Osmanische Reich 1517 in ein Kalifat umgestaltet worden, als der letzte Abbasiden-Kalif seinen Titel auf den damaligen Sultan übertrug. Damit endete jedoch das Kalifat in seiner arabischen Ausprägung. Schließlich löste sich die Umma nach der von Kemal Atatürk und der türkischen Nationalversammlung 1924 verfügten Abschaffung des Kalifats in zahlreiche islamische Nationalstaaten auf. Es vollzog sich ideologisch und politisch der Wandel vom Kalifat zum Nationalstaat.

Der arabische Nahe Osten übernahm damals jene Institution des Nationalstaates, die im Kolonisationsprozess auf die islamische Zivilisation übertragen wurde. Damit entstand ein "Transplantat ohne Wurzeln"[7], ein für den Islam künstliches Gebilde, da dem islamischen - nominellen - Nationalstaat die Substanz fehlt, die die demokratische und zivilgesellschaftlich ausgerichtete Einheit auszeichnet. Der säkulare, auf interner und externer Souveränität gründende Nationalstaat ist von seinem Ursprung her eine europäische Institution, heute aber zugleich die einzige weltweit gültige Staatsform im System internationaler Beziehungen.

Der Nationalstaat, der auf dem Prinzip der Volkssouveränität basiert, ist von diesem Grundsatz her mit dem Islam nicht vereinbar. Nach islamischem Glauben kommt weder dem einzelnen Menschen noch einer politischen Gruppe Souveränität zu. Der einzige Souverän ist Gott. Das von den Islamisten erneut angestrebte Kalifat leitete sich hiervon ab. Wenn dennoch der nominelle Nationalstaat zur islamischen Realität zählt, so lässt sich dies auf jene Führungsgruppen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückbeziehen, die die europäische Kolonialherrschaft bekämpften, aber den Widerspruch übersahen, der in der simultanen Übernahme des Nationalstaatsmodells lag. Damit entstand eine politisch-gesellschaftliche Rahmenorientierung. Innerhalb derer empfingen die islamischen Länder konstitutionelle Prinzipien wie die gesetzgebende Gewalt der Parlamente, die sie jedoch nach islamischen Grundsätzen, analog dem Prinzip der Schura, der Konsultation, umgestalteten: In den konstitutionellen Monarchien wie Jordanien und vor allem Marokko besteht zwar ein beratendes Repräsentantenhaus, oberster Gesetzgeber ist jedoch der König. In den nichtmonarchischen Staaten wie Ägypten, Syrien und Tunesien existieren ebenfalls legislativ begrenzte Parlamente, teils ergänzt durch beratende Organe, wie sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten konstitutionell verankert sind. Aber auch hier bestimmt der jeweilige Präsident relativ autonom die substantiellen Richtlinien der Politik. Nicht von ungefähr: Die Machtfülle der Herrschenden ist ein Relikt der frühen islamischen Vergangenheit.

Manche Verfassungen der islamischen Staaten erklären den Islam zur Staatsreligion und das islamische Recht der Scharia zur Grundlage der Gesetzgebung.[8] Allerdings wird deren Geltungsbereich vielfach auf das Familien- und Erbrecht und auf ein begrenztes Strafrecht eingeschränkt. Die wohl bekannteste Ausnahme - neben dem schiitischen Iran mit seiner islamistischen Ideologie - bildet Saudi-Arabien, dessen "Grundgesetz für das Regieren" den Koran, die Sunna und die Scharia als Grundlagen der wahhabitischen Monarchie herausstellt. Saudi-Arabien kommt damit von seiner Ideologie her dem Idealtyp einer strengen islamischen Ordnung nahe: Gott als Stifter der Normen und Werte menschlicher Existenz verfügt über die Souveränität im islamischen Staat. In Ausübung dieser Souveränität legt er die normativen Grundlagen und damit das Recht der Scharia für die islamische Ordnung fest.[9] Die Scharia bedarf der Staatsgewalt. Denn nur unter dem Schutz der Herrschenden lässt sich das islamische Recht durchsetzen.

Mehrere islamische Nationalstaaten sehen im erwähnten Prinzip der Schura, der Konsultation, eine islamische Variante der Demokratie. Der Begriff der Schura [10] geht auf zwei Textstellen im Koran zurück: Die erste, zu Mekka offenbarte Sura As-Sura weist in Vers 38 primär auf den von Mohammed geübten Brauch hin, sich mit seinen nächsten Gefolgsleuten zu beraten. Diesem Brauch kamen auch die ersten vier rechtgeleiteten Kalifen nach, ehe er im Laufe der islamischen Geschichte in Vergessenheit geriet. Erst nachdem die Muslime mit der westlichen Demokratie konfrontiert wurden, entdeckten sie erneut das Prinzip der Schura. Sie beriefen sich auf die zweite Textstelle im Koran, auf die Sura Al-Imran (Vers 159), die zu Medina offenbart wurde, wo ein islamischer Staat bestand. Nach neuer Interpretation bildet die gegenseitige Beratung - realiter: beratende Institution - eine Leitidee der Staatsgestaltung.

Es liegt im Ermessen der nominellen Nationalstaaten, im Rahmen des islamischen Rechts die Schura konstitutionell zu verankern. Eine solche Staatsgestaltung kann die Prinzipien der Schura und vor allem der Scharia gegen den Islamismus richten, den viele Nationalstaaten als eine Herausforderung erleben. Denn der islamische Fundamentalismus wendet sich ja nicht nur extern gegen die Welt des Westens. Er richtet sich auch intern gegen die westlich orientierten Führungsschichten. Bereits Sayyid Qutb forderte die wahren Muslime auf, sich von der Gesellschaft der Abtrünnigen zu trennen und eine "Gegengesellschaft" zu errichten.[11] Qutb zufolge besteht ein Kriegszustand zwischen diesen Muslimen und den Ungläubigen, die durch den Djihad, den "Heiligen Krieg", zu bekämpfen seien.

Für die heutigen Islamisten und islamistischen Terroristen ist Sayyid Qutbs "Gegengesellschaft" jenes Kalifat der Periode der rechtgeleiteten Kalifen, in der nicht nur Religion und Politik in vollem Einklang standen. Auch existierte eine starke Solidargemeinschaft - ein Machtfaktor, der zur historischen Verbreitung des Islam beitrug und den die gegenwärtigen Islamisten wieder erreichen wollen. Dass zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen bereits große Reiche entstanden waren, forciert die islamistische Forderung nach dem Kalifat. Vor allem die Al-Qaida-Terroristen verfolgen die Errichtung eines Kalifats in Gestalt eines islamischen Imperiums.

Die Terroristen und Islamisten übersehen in ihrem Fanatismus, dass sich die Welt seit der Herrschaft der Kalifate grundlegend verändert hat. Diejenigen, die die Wiedererrichtung des Kalifats fordern, verkennen zudem, dass diese politische Ordnung vor allem in der Omaiyaden- und Abbasidenzeit weniger aus religiösen als aus funktionalen Gründen beibehalten wurde. Es ging darum, das Überleben der Umma zu sichern. Das Kalifat, das in keiner Sure des Koran genannt wird, galt bereits in der islamischen Vergangenheit nicht als heilsnotwendig. Dass es sich als bestimmende Norm nicht halten konnte und seine Macht immer schwächer wurde, hängt damit zusammen. Das Kalifat bildet eine historisch erprobte, aber nicht für alle Zeiten verbindliche Staatsform. Zur heutigen Weltpolitik steht das Kalifat in einem tief greifenden Antagonismus.

Die Re-Politisierung des Islam im Iran

Die Re-Politisierung des Islam, die sich vor einem Vierteljahrhundert im Iran vollzog, hat die Weltöffentlichkeit erstmals konkret mit dem Islamismus konfrontiert. Damals, mit der Khomeini-Revolution vom Februar 1979, erfolgte nicht nur der für den Westen unerwartete revolutionäre Umbruch. Auch in der iranischen Geschichte ist die schiitische Konfession in ein Stadium eingetreten, in dem unter der Leitung des schiitischen Klerus eine religiös-legitimierte Herrschaft entstand.[12] Denn während der Abwesenheit des "entrückten" zwölften Imam, der den Safawiden zufolge seit dem 9. Jahrhundert in "Verborgenheit" lebt, war im Grunde jede Herrschaft - auch die der Geistlichkeit - illegitim. Erst Ayatollah Ruhollah Khomeini vertrat in diesem Kontext seine eigene Doktrin der Herrschaft der Rechtsgelehrten.

Bedeutsam für die Khomeini-Revolution war nicht zuletzt die Tatsache, dass die schiitischen Kleriker ökonomisch stark genug waren, um Khomeinis Rückkehr in den Iran und zuvor seine vielfältigen Aktivitäten in Frankreich zu finanzieren. Die schiitische Geistlichkeit hatte ein Bündnis mit den Basaris, den Handelsleuten, gebildet. Dieses Bündnis, das in statu nascendi von einer breiten Massenbasis getragen wurde, führte zur Revolution und damit zum Ende der Pahlewi-Monarchie. So wurde in kurzer Zeit ein autokratisches System gestürzt, das wie kein anderes in der Nahost-Region vom Westen unterstützt wurde und in amerikanische Interessenpolitik eingebunden war. Dass dies gelang, lässt sich darauf zurückführen, dass die Schah-Herrschaft eine nur modernisierte Variante in der Geschichte der orientalischen Despotie verkörperte - ohne jegliche islamische Legitimierung. Die Revolution konnte gelingen, da sie auf autochthone Werte zurückgriff.

In dem von Ayatollah Khomeini bestimmten Jahrzehnt wurden wesentliche Grundlagen gelegt, die noch das heutige iranische Regime prägen. Dessen Kerngehalt ist die Doktrin der Wilayat-i faqih, der Herrschaft des Rechtsgelehrten, wie sie in der Verfassung vom 15. November 1979 betont wird.[13] Diese Verfassung, die ein Gemisch aus Glaubensbekenntnis, Parteiprogramm und Grundgesetz darstellt, spiegelt - auch in ihrer zweiten Fassung - das schiitische Staats- und Herrschaftsverständnis in khomeinistischer Ausprägung wider: In der Islamischen Republik Iran stünden während der Abwesenheit des "entrückten" zwölften Imam der Führungsauftrag, das Imamat, und die Führungsbefugnis der islamischen Gemeinschaft dem befähigtsten Rechtsgelehrten zu. Nach dieser revisionistischen Interpretation der schiitischen Lehre war der Faqih der oberste Richter und Bewahrer aller Staatsorgane, unter dessen direktem Einfluss sämtliche "legislativen, richterlichen und erzieherischen Institutionen" standen. Insgesamt zielte die Islamische Republik Khomeinis darauf ab, eine islamische Ordnung zu errichten, wie sie von 656 bis 661 unter dem vierten rechtgeleiteten Kalifen Ali, dem ersten schiitischen Imam Ali, bestand, aus dessen Anhängern die Schiiten hervorgehen. Die Verfassung benennt den Islam zwölfer-schiitischer Ausprägung als die offizielle Religion des Iran. Sie unterstreicht die dominierende Rolle der Geistlichkeit und sieht im islamischen Recht der Scharia die Grundlage des Rechtswesens.

Die iranische Theokratie verfolgte und verfolgt eine recht aggressive Außenpolitik vor allem gegen den Protagonisten der Verwestlichung und die Ursache des Identitätsverlustes der Muslime: gegen die Vereinigten Staaten. Darüber hinaus richtet sie sich gegen Israel als Manifestation westlicher Dominanz in der islamischen Welt. In der Khomeini-Ära verbreitete sich der Slogan: "Der Weg nach Jerusalem geht über Kerbela" - über den im Irak gelegenen Begräbnisort des Prophetenenkels Hussein, des dritten Imam. "Kerbela" stand für die Befreiung der Muslime von ihren inneren Feinden, den Abtrünnigen wie Saddam Hussein, den die Reagan-Administration im iranisch-irakischen Krieg unterstützte. Und der "Weg nach Jerusalem" kennzeichnete die Befreiung der islamischen Welt von ihren äußeren Feinden.[14] In der nachkhomeinistischen Ära erklärte Ayatollah Ali Khamenei immer wieder, die Regierung der Vereinigten Staaten sei der Erzfeind des Iran. Man betrachte sie als "großen Satan".

Im Gegenzug entdeckte George W. Bush eine "Achse des Bösen", die der Iran, Nordkorea und der inzwischen zerstörte Irak bildeten. Diese "Schurkenstaaten" rückten ins Zentrum jener manichäischen Betrachtungsweise, mit der die Bush-Administration unübersichtliche Probleme auf übersichtliche Gut-Böse-Konfrontationen reduziert. Die Unterstützung islamistischer Terroristen, eine massive Raketenrüstung sowie das Streben nach Atom-, B- und C-Waffen kennzeichnen nach Präsident Bush die drei Staaten.

Mit Blick auf den Iran hat sich inzwischen manches von dem bestätigt, was die Bush-Administration vermutete. Die iranische Theokratie unterstützt seit geraumer Zeit die libanesische Hizbollah im Kampf gegen Israel. Und ungeachtet internationaler Warnungen hat der Iran mit einem Atomprogramm begonnen, das Israel und die Vereinigten Staaten bereits an Militärschläge gegen Teheran denken ließ. Erst nach langen Dialogen kam es zu einer Iran-Resolution der Internationalen Atomenergiebehörde. Diese von Deutschland, Frankreich und Großbritannien entworfene Resolution bescheinigt dem Iran, dass er sein Programm zur Urananreicherung ausgesetzt hat. Die drei Staaten der Europäischen Union haben als Gegenleistung Teheran ihre Hilfe beim Ausbau ziviler Atomkraft zugesagt. Ob damit das iranische Atomproblem gelöst ist, bleibt allerdings fraglich.

Der Al-Qaida-Terrorismus

Der Terminus "Al-Qaida" zählt zu den Begriffen, die in den internationalen Schlagzeilen überbeansprucht und ideologisch missbraucht werden. Seine reale Bedeutung lässt sich am besten erkennen, wenn man zum Teil exemplarisch dem Wandel vom zentralisierten zum dezentralisierten Terrorismus der Terror-Basis (= Al-Qaida) nachgeht: War Al-Qaida bei den jahrelang vorbereiteten Anschlägen vom 11. September 2001 noch eine planmäßig geleitete Organisation, so begann sie sich nach dem Krieg in Afghanistan und der Zerstörung ihrer dortigen Trainingslager aufzuspalten und zu regionalisieren. Aus der von Osama bin Laden gelenkten Kern-Al-Qaida bildeten sich lokale Gruppen in über sechzig Ländern heraus. Ihnen gemeinsam sind die Djihad-Ideologie und die Märtyrer-Waffe des Selbstmordattentats. Diese getrennt agierenden Gruppen zielen darauf ab, Terrorakte von weltweiter Breitenwirkung zu verüben - gemeinsam mit den örtlichen Terroristen oder auch unabhängig von ihnen. Aus Al-Qaida erwuchs der Al-Qaidaismus.

Ein Land, in dem Al-Qaida unabhängig von weiteren Terrorgruppen agiert, ist der Irak. Der Krieg im Zweistromland, den die Bush-Administration ohne völkerrechtliches Mandat und ohne wahren Grund führte, und die "Nachkriegszeit" forcierten den Al-Qaidaismus. Mit ihrem Sieg über Saddam Hussein zerstörten die Vereinigten Staaten das neben Syrien einzige laizistische Regime im islamischen Nahen Osten, das mit eiserner Hand die religiösen Kollektive zusammenhielt. Sie öffneten damit die Büchse der Pandora und setzten den Sunna-Schia-Konflikt frei. So traten alsbald sunnitische und schiitische Terroristen auf den Plan, die noch immer im Irak dominieren. Die Terrorfronten und die Konflikte zwischen dem schiitischen Wahlblock und den sunnitischen Nationalisten weiteten sich aus. Die Gewalt im Wahlkampf und der von Osama bin Laden geforderte Wahlboykott markieren die tief greifende Problematik, die von Präsident Bush verheißene irakische Demokratie zu erlangen.

Die heftigsten Terroranschläge gehen im Irak von Extremistengruppen aus, die von dem jordanischen Terroristen Abu Mussab al-Sarqawi geführt werden. Der "Emir von Al-Qaida im Zweistromland" (Bin Laden) verkörpert jenen Terroristen, der unabhängig von den örtlichen Kampfgruppen seine Schreckenstaten ausführt. Für ihn bedeutet der Djihad eine absolute Notwendigkeit, die Blut fordert. Die von Sarqawi betriebenen Terrorakte und Hinrichtungen ausländischer Geiseln sind für ihn durch das islamische Recht der Scharia gerechtfertigt. Darüber hinaus hat Sarqawi Großanschläge in westlichen Staaten angekündigt.

Im Unterschied zum Terrorismus im Irak bestehen in den russischen Kaukasusrepubliken gemeinsame Aktionen zwischen Al-Qaida und den örtlichen Freiheitskämpfern und Terroristen. Dort wurde die Al-Qaida-Ideologie nicht erst durch das Geiseldrama von Beslan sichtbar - dem schlimmsten Terrorakt seit dem 11. September 2001. Bereits im Juni 1995 machte dort der Rebellenführer Schamil Bassajew von sich reden, der sich schon früh in afghanischen Al-Qaida-Trainingslagern ausbilden ließ. Damals stürmte er mit mehreren Kämpfern das Krankenhaus im südrussischen Budjonnowsk und nahm 1500 Menschen als Geiseln. Zudem sind die russischen Kaukasusrepubliken durch eine Al-Qaidaisierung gekennzeichnet: Die Rebellen- und Terrorgruppen zwischen Dagestan und Nordossetien werden von Kämpfern aus verschiedenen islamischen Staaten und von Al-Qaida-Terroristen unterstützt. Außerdem erhalten sie Gelder von saudischen Wahhabiten.

Der Blick auf den Irak und die russischen Kaukasusrepubliken hat deutlich werden lassen, dass die Al-Qaida-Gruppen teils unabhängig von den örtlichen Terroristen, teils aber auch gemeinsam mit ihnen agieren. Beide Varianten zählen zu jenem lockeren Verbund von Terrorgruppen, der auf die alte Al-Qaida zurückgeht, wie sie in Afghanistan bestand. An die Stelle dieser Organisation sind inzwischen Bewegungen und eine ihnen eigene Ideologie getreten. Diese zielt auf den Djihad als Weltprojekt der Islamisierung und vereint die Terrorgruppen mit ihren verschiedenen Autonomiegraden. Einige dieser Gruppen orientieren sich an Vorgaben der Al-Qaida-Führung, andere lassen sich nur von ihrer Vision anregen. Ihre gemeinsame Strategie des Djihadismus richtet sich in den hier betrachteten Problemregionen gegen die Präsenz der amerikanischen Truppen im Nahen Osten und der russischen Soldaten im Nordkaukasus.

Der Antiterrorkampf gegen Al-Qaida erweist sich als ein Problem, das durch den dezentralisierten Terrorismus komplizierter, aber nicht unlösbar geworden ist. Durch dieweltweit agierenden Terrorgruppen wird zwar jede Gegenstrategie erheblich erschwert. Das Ziel jedoch, Al-Qaida zu schwächen und zu zerschlagen, muss beharrlich verfolgt werden. Die Stärke von Al-Qaida zeigt sich in der Omnipräsenz der lokalen Gruppen. Wird eine von ihnen enttarnt, dann ist das für den Terror-Verbund von geringer Bedeutung. Denn Osama bin Laden hat eine terroristische Hydra geschaffen, der stets neue Terror-Köpfe nachwachsen. Kurz, die Bedrohung ist durch die zahlreichen lokalen Terrorgruppen heute weiter verbreitet als zur Zeit der Kern-Al-Qaida. Deshalb muss der Antiterrorkampf in vielen Weltregionen geführt werden. Es geht nicht mehr nur um New York, Washington, Madrid und Beslan, sondern um all die Orte, an denen lokale Terrorgruppen agieren.

1|2|3|4|5 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. Wilfried Röhrich, Die Macht der Religionen. Glaubenskonflikte in der Weltpolitik, München 2004, S. 13 - 16.
2.
Vgl. ders., Herrschaft und Emanzipation. Prolegomena einer kritischen Politikwissenschaft, Berlin 2001, S. 33ff.
3.
Vgl. ders., Die USA und der Rest der Welt. Ein kritischer Essay, Münster 2002, S. 3 - 5.
4.
Vgl. Bassam Tibi, Eine neue Welt(un)ordnung?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 52 (2001) 11 - 12, S. 619ff.
5.
Vgl. Albrecht Metzger, Die vielen Gesichter des Islamismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 52 (2002) 3-4, S.7-15, passim.
6.
Vgl. Heribert Busse, Grundzüge der islamischen Theologie und der Geschichte des islamischen Raumes, in: Werner Ende/Udo Steinbach (Hrsg.), Der Islam in der Gegenwart, München 1996, S. 19 - 53.
7.
Vgl. Bassam Tibi, Transplantat ohne Wurzeln. Die Legitimitätskrise des Nationalstaates in Ländern der islamischen Zivilisation, in: Dieter S. Lutz (Hrsg.), Globalisierung und nationale Souveränität. Festschrift für Wilfried Röhrich, Baden-Baden 2000, S. 319 - 353; ders., Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Islam und panarabischer Nationalismus, Frankfurt/M. 1987, insbes. Kap. II.
8.
Vgl. Udo Steinbach, Die Stellung des Islams und des islamischen Rechts in ausgewählten Staaten, in: W. Ende/U. Steinbach (Anm. 6), S. 213 - 232.
9.
Vgl. Gudrun Krämer, Gottes Staat als Republik. Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie, Baden-Baden 1999, insbes.S. 257 - 275.
10.
Vgl. Nadeem Elyas, Der islamische Staat - Theologische Grundlagen und politische Realität, in: Severin J. Lederhilger (Hrsg.), Gottesstaat oder Staat ohne Gott. Politische Theologie in Judentum, Christentum und Islam, Frankfurt/M. 2002, S. 111 - 120.
11.
Vgl. dazu G. Krämer (Anm. 9), S. 211 - 217.
12.
Vgl. Bassam Tibi, Der Islam und das Problem der kulturellen Bewältigung sozialen Wandels, Frankfurt/M. 1985, S. 187 - 190.
13.
Vgl. Wilfried Röhrich, Die politischen Systeme der Welt, München 2003, S. 95 - 100.
14.
Vgl. Udo Steinbach, Der Islam im "Thermidor". Zur Lage des Islam im Nahen Osten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 40 (1990) 22, S. 11ff.