APUZ Dossier Bild
Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Pfeil rechts

Die historische Erinnerung in Polen

26.1.2005

Das polnisch-jüdische Verhältnis



Die historischen Beziehungen zwischen Polen und Juden reichen bis ins Mittelalter zurück, als sich viele in anderen Staaten Europas verfolgte Juden in Polen niederließen. Hier ist nicht der Platz, um auf die komplexe Frage eines spezifisch polnischen Antisemitismus einzugehen. Antisemitische Stimmungen, die manchmal in Ausschreitungen gipfelten, waren Teil der Wirklichkeit der 2. Polnischen Republik und der Volksrepublik Polen. Personen, die diese Haltungen geteilt haben, übernahmen nach 1945 sehr schnell die Parolen von der Herrschaft der "Judeo-Kommunisten" (Zydokomuna). Die Gründe dafür wurden in der verhältnismäßig großen Repräsentanz von Personen jüdischer Abstammung im Parteiapparat und im Sicherheitsdienst im ersten Nachkriegsjahrzehnt gesucht.

Viele Juden schauen auf Polen vor allem als das Land des Holocausts. Die Polen empörten sich über Vorwürfe, Hilfe für die Juden während des Krieges sei ausgeblieben. Wenn in den Medien vom Schicksal der polnischen Bürger jüdischer Abstammung während des Krieges die Rede ist, wird betont, dass Helfern der Tod drohte. Trotzdem sind von den Bäumen, die im Gedenkpark von Yad Vashem bei Jerusalem die "Gerechten der Völker" symbolisieren, die meisten Polen gewidmet. Doch ein großer Teil der Bevölkerung sieht Auschwitz hauptsächlich als Konzentrationslager für Polen; man weiß zwar, dass während des Krieges bis zu sechs Millionen polnischer Bürger ums Leben gekommen sind, das bedeutet jedoch nicht, dass bekannt ist, dass davon mindestens die Hälfte Juden waren.

Dass sich Polen auf Beispiele der Hilfe für die Juden berufen, kann gleichzeitig als Beruhigung für das schlechte Gewissen gedeutet werden, vor allem angesichts der hitzigen Debatten über die Ermordung von Juden in der Kleinstadt Jedwabne durch ihre polnischen Nachbarn im Juni 1941. Sie wurde durch das Buch "Nachbarn" des polnischen Historikers Jan Tomasz Gross angestoßen.[15] Ohne zu übertreiben kann gesagt werden, dass wohl in fast jedem polnischen Haushalt über Jedwabne diskutiert wurde. Das traditionelle Bild Polens als Opfer der Geschichte und der Nachbarn schien zu wanken. Man wies zwar auf die Rolle der deutschen Militäreinheit sowie auf die Zusammenarbeit von einigen Jedwabner Juden mit dem sowjetischen Sicherheitsdienst hin, doch die Jedwabne-Frage verursachte bei vielen Polen echten Schmerz. Sie konnten nicht glauben, dass diese Tragödie von ihren Landsleuten zu verantworten war.

Es ist bezeichnend, dass die historischen Ereignisse einem Teil der Historiker schon seit vielen Jahren bekannt waren. Nach 1989 wurden auch das Pogrom in Kielce 1946 und die von den polnischen Kommunisten verursachte antisemitische Kampagne 1968 ausführlich analysiert. Über Jedwabne wurde in der Öffentlichkeit jedoch geschwiegen. Erst nachdem "Gazeta Wyborcza" und "Rzeczpospolita" beschlossen hatten, dass man in dieser Angelegenheit nicht mehr länger warten sollte, setzte die Diskussion ein.[16] Gross' Thesen wurden breit diskutiert.[17] Die unterschiedlichen Positionen referiere ich nach Andrzej Paczkowski.[18] Die erste Haltung ist die Zustimmung zu den Thesen Gross'. Ihre Vertreter, hauptsächlich Journalisten, stützen alle Feststellungen des Autors. Eine Verifizierung von Details, eine Einordnung der Ereignisse in den historischen Kontext halten sie für überflüssig, da dies angesichts der moralischen Dimension des Verbrechens keine Bedeutung habe. Die Regierung solle individuelle wie nationale Reue äußern und die Ermordeten mit einem Denkmal ehren, dessen Inschrift die ganze Wahrheit enthalten solle.[19] Dagegen ist die "defensiv-offene" Position für den Großteil der polnischen Historiker charakteristisch. Der moralische Widerhall ist für diese Personen offensichtlich, sie rütteln auch nicht an der polnischen Schuld. Allerdings sind sie der Meinung, dass es erforderlich ist, sämtliche Umstände des Verbrechens zu erforschen und die Zahl der Ermordeten exakt festzustellen. Für das Verständnis der Gründe für die Tragödie sei der Kontext unabdingbar: der Antisemitismus der Vorkriegszeit, der Verlauf der sowjetischen Okkupation, der demoralisierende Einfluss des Krieges. Die "defensiv-geschlossene" Position vertritt folgende Thesen: Polen könne man ausschließlich Beihilfe vorwerfen, den Deutschen dagegen die "Tatlenkung"; die Morde hätten Personen "auf der schiefen Bahn", vom Rande der Gesellschaft, begangen, die man nicht als stellvertretend für die Gesellschaft von Jedwabne betrachten könne. Obwohl die Akzentverschiebung vom Verbrechen auf seine Motive deutlich erkennbar ist, ist zu betonen, dass auch diese Gruppe die polnische Schuld nicht leugnet. Sie hält eine Reuebekundung im Namen der Nation jedoch für überflüssig, es genüge, die Täter des Mordes zu verurteilen. Auf diese Weise würden die Mörder von der polnischen Nation getrennt, aus der kollektiven würde individuelle Schuld. Der letzte Typ von Einstellungen ist charakteristisch für die extreme Rechte: Den Fall Jedwabne sehen sie im Kontext einer "antipolnischen Verschwörung", deren Absicht es ist, Polen zu Entschädigungszahlungen zu zwingen. Sie weisen die polnische Schuld zurück oder sehen in ihr die Rache für die Kollaboration der Juden mit der UdSSR. Auch der konservativste Teil der linken Wähler, die ihre Anhänglichkeit an das Erbe der Volksrepublik und ihrer Geschichtsinterpretation immer wieder bekundet haben, sieht die Dinge ähnlich. Die Kommunisten hatten große Verdienste bei der Verfestigung des Bildes von einer Nation der Helden. Forschungen über die Kollaboration während des Krieges wurden unterdrückt. Aleksander Kwasniewski äußerte während der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Pogroms sein Bedauern und bat um Entschuldigung. Dafür wurde er von den Rechten scharf angegriffen.


Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

15.
Jan Tomasz Gross, Ssiedzi. Historia zaglady malego miasteczka (Jedwabne. Die Geschichte der Vernichtung eines kleinen Städtchens), Sejny 2000.
16.
Vgl. Ruth Henning (Hrsg.), Die "Jedwabne-Debatte" in polnischen Zeitungen und Zeitschriften, in: Transodra, Dezember 2001; Edmund Dmitrow/Pawel Machcewicz/Tomasz Szarota, Der Beginn der Vernichtung. Zum Mord an den Juden in Jedwabne und Umgebung im Sommer 1941. Neue Forschungsergebnisse polnischer Historiker, Osnabrück 2004; Beate Kosmala, Polen - Juden - Deutsche. Die Debatte um Jedwabne, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Wann ziehen wir endlich den Schlussstrich? Von der Notwendigkeit öffentlicher Erinnerung in Deutschland, Polen und Tschechien, Berlin 2004, S. 113 - 134.
17.
Vgl. www.pogranicze.sejny.pl/jedwabne.
18.
Andrzej Paczkowski, Debata wokó? "Sasiadów": próba wstepnej typologii (Die Debatte um die "Nachbarn": Versuch einer einführenden Typologie), in: Rzeczpospolita vom 24.3. 2001.
19.
Die Kommunisten hatten in Jedwabne einen Obelisk errichtet, in dessen Inschrift die NS-Deutschen der Ermordung von 1 600 Juden beschuldigt wurden.