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17.1.2005 | Von:
Dirk van Laak

Deutschland in Afrika. Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

Imperialistischer Denkstil

Wie ist dieser Widerspruch zwischen der geringen Bedeutung der deutschen Kolonien und der heftigen Empörung über ihren Verlust zu erklären? Verständlich wird die Emphase, mit der die Kolonialrevisionisten nach 1918 auf Kolonien als Siedlungs- und Lebensräume, als Rohstoff- und Absatzmärkte pochten, nur vor dem Hintergrund einer Weltsicht, die eine ganze Epoche des europäischen Kolonialismus zwischen dem ausgehenden 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts prägte. In Europa und Amerika ging man im Zeitalter des Imperialismus von der unbedingten Notwendigkeit einer weltweiten Erschließung von Raum und Ressourcen aus. Die dynamische Entwicklung der Industrialisierung und Urbanisierung, vor allem die rasante Entwicklung von Verkehrs- und Kommunikationseinrichtungen, schoss über die nationalen Grenzen hinaus und ließ eine aktive Raumordnung angeraten sein. Dabei bildete sich ein nationaler Leistungswettbewerb sowie eine weltweite Rivalität um Ressourcen heraus, die für ein stetiges Wachstum der "jungen" und "kräftigen" Nationen notwendig schienen. Der modernen Technik und der Medizin kamen dabei zentrale Funktionen zu, denn sie bestätigten dem Augenschein nach die Überlegenheit der "entwickelten" Völker und Nationen. Die Europäer verstanden es als ihre Mission, die "Segnungen der Technik", die sie zu Hause als so umwälzend erlebten, in die Welt zu tragen. Der wissenschaftlich-technische "Fortschritt" wurde zu einer Erfolgsideologie, die durch fortgesetzte Triumphe - etwa den Bau des Suezkanals, die Vollendung der transkontinentalen Eisenbahnlinien in den USA oder die Verlegung der Unterseekabel - immer wieder bestätigt wurde.

"Die Weltmachtpolitik ist eng gebunden an die Beherrschung der weltwirtschaftlichen Hochstraßen. (...) Eisenbahn und Telegraf, Dampfschiff und Kabel sind die Werkzeuge, durch die der moderne 'homo sapiens' sich alle Teile der Erde erschlossen und unterworfen hat - sie sind zugleich hervorragende Werkzeuge politischer Macht und die besten Waffen eines neuzeitlichen Staates im Kampfe um die Teilung der Welt."[3] Zur "Torschlusspanik" um die letzten unerschlossenen Räume, um Einflussgebiete, Märkte und Absatzgebiete gesellte sich die Bevölkerungsfrage: Unter den Vorzeichen einer weltweiten Konkurrenz machte es sehr wohl einen Unterschied, wem die Auswanderung letztlich zugute kam, die sich in Deutschland schubweise vollzog. Es schien angeraten, den deutschen Emigranten Alternativen zu bieten, damit sie sich nicht als "Völkerdünger" in die Welt zerstreuten. Vielmehr sollten sie nach Möglichkeit ein "Deutschland in Übersee" gründen oder wenigsten als "Brückenköpfe" des deutschen Einflusses wirken.

Eng verknüpft mit der Gründung eines Nationalstaats erschien es vielen Deutschen schon 1848 selbstverständlich, dass sich aus einem geeinten Reich gleichsam naturwüchsig so etwas wie deutsche "Weltpolitik" entwickeln werde. Zahlreiche "Lehnstuhl-Eroberer" glaubten schon lange vor der aktiven deutschen Kolonialpolitik aus der Beobachterposition heraus, die besseren Kolonisatoren zu sein.[4] Die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzende, rund dreißigjährige Realgeschichte des deutschen Kolonialismus besaß eine längere Vorgeschichte, in der bereits mit Siedlungs- und Erschließungskolonien experimentiert sowie ein ganzes Tableau kolonialer Erwartungen formuliert wurde. Die verschiedenen Kolonisationsvereine in Nord-, Mittel- und Südamerika scheiterten jedoch. Besonders nach 1871 wiesen Reisende die Regierung des Deutschen Reiches immer wieder auf Gebiete hin, die sich angeblich zu einem "deutschen Indien" eigneten.[5] Afrika als letzter "unerschlossener" Kontinent schien vergleichsweise billig und risikoarm erobert und friedlich aufgeteilt werden zu können. Bismarck, bis dahin den Kolonien gegenüber zögerlich, versuchte auf der von November 1884 bis Februar 1885 tagenden Kongo-Konferenz in Berlin die Rechtstitel zu klären, mit denen bislang scheinbar "herrenloses" Land okkupiert worden war. Denn eine "Balgerei um Afrika", von der die "Times" im selben Jahr schrieb, hätte schädlich auf die europäische Gleichgewichtspolitik rückwirken können.

Das 1884 durch die Verleihung von "Schutzbriefen" an Abenteuer suchende Händler wie Adolf Lüderitz oder Conquistadoren wie Carl Peters entstandene deutsche Kolonialreich war in seiner Ausdehnung willkürlich und zufällig. Peters räumte später ein,bei der Auswahl der deutschen Kolonien hätten weder "geographische noch ethnographische, landwirtschaftliche, noch handelspolitische, sprachliche, noch klimatische oder militärische Gesichtspunkte" eine Rolle gespielt.[6] Das war keineswegs ungewöhnlich.Die Gründe, Kolonien zu erwerben, waren nicht nur strategischer, "weltpolitischer" oder wirtschaftlicher Natur. Exotik und Erotik, von Reiseberichten und Abenteuerromanen geschürt, gehörten ebenso zum Kolonialismus wie Fernweh und "Tropenfieber", die eine realistische Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen dem Eigenen und dem "Fremden" trübten.

Nicht zuletzt aus Prestigegründen fiel es vielen Kolonialenthusiasten schwer, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Am lautstärksten agitierte der "Alldeutsche Verband" für territoriale Erweiterungen. Deutsche "Weltpolitiker" verwiesen zudem darauf, dass man zwar eine Fläche von 2 953 000 qkm verwaltete, also fünfmal mehr als das Deutsche Reich. Die Niederländer, Portugiesen, Spanier, Belgier, Franzosen und vor allem Briten jedoch besäßen im Verhältnis zum "Mutterland" noch weitaus größere Kolonialreiche. Doch trotz des imperialistischen Konkurrenzdenkens gab es bis 1914 nur selten die Gefahr militärischer Konflikte. Ein Räderwerk an territorialen und politischen Kompensationsgeschäften nahm dem europäischen Wettlauf um Raum und Ressourcen viel an Zündstoff. Durch ihre fortgesetzten Forderungen und das diplomatische Ungeschick gerade ihres Kaisers Wilhelm II. brachten sich die Deutschen dennoch immer wieder in Bedrängnis. Letztlich überwog aber die Einigkeit der europäischen Kolonisatoren bis zum Ersten Weltkrieg, besonders dann, wenn ihr Anspruch von den Kolonisierten, wie im Falle des chinesischen Boxeraufstandes, einmal kollektiv in Frage gestellt wurde.[7]


Fußnoten

3.
Arthur Dix, Deutschland auf den Hochstraßen des Weltwirtschaftsverkehrs, Jena 1901, S. 4, 7.
4.
Vgl. Susanne Zantop, Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland (1770 - 1870), Berlin 1999.
5.
Vgl. Hans Fenske, Ungeduldige Zuschauer. Die Deutschen und die europäische Expansion 1815 - 1880, in: Wolfgang Reinhard (Hrsg.), Imperialistische Kontinuität und nationale Ungeduld im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1991, S. 87 - 123.
6.
Carl Peters, Ein deutsches Kolonialreich in Afrika, in: Adolf Grabowsky/Paul Leutwein (Hrsg.), Die Zukunft der deutschen Kolonien, Gotha 1918, S. 48.
7.
Vgl. Susanne Kuß/Bernd Martin (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand, München 2002.