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17.1.2005 | Von:
Dirk van Laak

Deutschland in Afrika. Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen

Koloniale Folgen

Als Deutschland im Juli 1911 nach der zweiten Marokko-Krise in Gestalt von Neu-Kamerun ein Kompensationsobjekt von immerhin 280 000 Quadratkilometern hinzugewann, setzte dies Erwartungen an ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialgebiet frei. Die Vorstellung wurde nach 1914 zu einem deutschen Kriegsziel. Doch nach Ausbruch des Krieges drangen Franzosen, Briten und ihre Dominions in die deutschen Kolonien ein und versuchten, durch die Verdrängung eines lästigen Konkurrenten ihre Sicherheitsinteressen zu befriedigen.[27] Togo fiel den "Feindtruppen" nahezu unmittelbar in die Hände, Südwestafrika wurde von der südafrikanischen Armee im Frühjahr 1915 eingenommen, während Kamerun sich in Teilen sogar bis 1916 halten konnte. Geradezu legendär für jede weitere deutsche Bezugnahme auf die afrikanischen Kolonien wurde jedoch die geschickte Guerilla-Taktik Paul von Lettow-Vorbecks in Deutsch-Ostafrika. Mit einer etwa 5 000 Mann starken Schutztruppe vorwiegend schwarzer Askari bewegte er sich jahrelang im Zickzack-Kurs durch Ostafrika. Dabei band er letztlich nicht weniger als 130 000 feindliche Soldaten. Nach 1919 galt die Truppe in Deutschland als "im Felde unbesiegt".

Aus den deutschen Kolonien wurden laut Versailler Vertrag Mandatsgebiete des Völkerbundes. Nicht unbedingt zu ihrem Vorteil, denn der Erste Weltkrieg hatte die finanziellen Spielräume für eine Gestaltung der kolonialen Ökonomie stark eingeschränkt. Während Briten und Franzosen sich nach und nach auf ein investitionsintensives "colonial development" einließen - dadurch aber Befreiungsbewegungen eher beförderten als unterdrückten -, war Deutschland zumindest von diesen Lasten befreit. So konnte Carl von Ossietzky 1928 in der "Weltbühne" schreiben: "Deutschland ist unter allen Ländern des Krieges das einzige, das mit Fug und Recht behaupten kann, der Friedensvertrag habe ihm Nutzen gebracht. Es hat zwar Gebiete verloren, es muß schwere Reparationen leisten, und noch ist ein Stück Rheinufer besetzt. Dafür aber ist es aus der Sphäre des Imperialismus heraus, und es hat kein Deutschland in Übersee zu verteidigen."[28]

Die Spitze dieser Behauptung richtete sich deutlich gegen den Kolonialrevisionismus. Denn nichts traf die Deutschen nach 1919 so empfindlich ins Herz wie die Behauptung der Alliierten, dass sie sich kolonisatorisch als unfähig erwiesen hätten. Die Weimarer Nationalversammlung legte im März 1919 mit 414 gegen sieben Stimmen Protest ein und forderte die "Wiedereinsetzung Deutschlands in seine kolonialen Rechte". Doch weder vier Millionen Unterschriften noch der Verweis auf die "Treue" der ostafrikanischen Askari vermochten den Artikel 119 des Versailler Vertrages zu verhindern, in dem es hieß: "Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche in bezug auf seine überseeischen Besitzungen."

Die deutsche Kolonialzeit endete damit zwar als Realgeschichte, als Phantasie- und Projektionsgeschichte jedoch noch lange nicht. In Gestalt der "Farbigen" unter den belgischen und französischen Besatzungssoldaten im Rheinland schien Afrika ab 1920 sogar bedrohlich nahe zu rücken. Deutsche Nationalisten sahen ihr Land nun selbst zu einer Kolonie herabgewürdigt und werteten die militärische Verwendung farbiger Truppen als eine schwere Gefahr für die ganze "weiße Rasse", die aller kolonialen Erfahrung ins Gesicht schlage.[29] Am heftigsten reagierten die völkischen Rassisten: In Adolf Hitlers Raumwahrnehmung standen französische "Negerhorden" am Rhein, drohte von Frankreich her sogar "ein gewaltiges, geschlossenes Siedlungsgebiet vom Rhein bis zum Kongo (...), erfüllt von einer aus dauernder Bastardisierung langsam sich bildenden niederen Rasse"[30].

Die Debatte, die später um die so genannten "Rheinlandbastarde" fortgeführt wurde, war symptomatisch für die zunehmende Vermischung des geopolitischen Denkens mit rassischen Elementen. Die deutsche Koloniallobby vollzog diese Wandlung jedoch nur teilweise mit. Sie bildete eine kleine, aber gut organisierte Minderheit im politischen Spektrum Weimars, die es verstand, die Kolonialfrage immer wieder zu einem Prüfstein für die internationale Wiederanerkennung der Deutschen zu machen. Dabei stützten sie sich auf die Erwartung, dass die verbliebenen Kolonialmächte mit der Erschließung der Tropen langfristig überfordert sein würden. Die Aufarbeitung des europäischen "Ergänzungskontinents" sollte nun vielmehr zu einem gesamteuropäischen Projekt der Völkerverständigung werden. Noch im Schuman-Plan vom Mai 1950 klang diese eurafrikanische Perspektive an.[31]

Bei vielen Deutschen hinterließen die Kolonien in Afrika eine Art von "Phantomschmerz". Bis in die frühen vierziger Jahre hinein wurde die Hoffnung genährt, dass sie wieder in Besitz genommen werden könnten. Doch langfristig überwogen diejenigen Kräfte, die Afrika mitsamt seiner unvollständig angestoßenen "Entwicklung" wieder sich selbst überlassen wollten. Die deutsche Wirtschaft verschmerzte den Verlust der Kolonien rasch, stellte sich auf die neuen Begebenheiten ein und begann, es als einen Vorteil zu sehen, dass Deutschland nicht mehr kolonial belastet war. Die industrielle Forschung forcierte die Entwicklung synthetischer Rohstoffe, die Deutschland von kolonialen Ressourcen unabhängig machen sollten. Geopolitiker orientierten sich neben Afrika auf andere Expansionsgebiete und empfahlen erneut die "friedliche Durchdringung" des Balkans bis zum Nahen Osten. Hitler und seine NS-Bewegung verfolgten dagegen den Plan, deutschen Lebensraum im Osten Europas zu erobern. Nach der "Machtergreifung" schaltete er die Kolonialbewegung gleich, nutzte sie zu außenpolitischen Strategiespielen und "wickelte" sie nach Beginn des Russlandfeldzuges rasch "ab". "Als das deutsche Kolonialreich auf dem Reißbrett fast fertiggestellt und perfekt organisiert war," bilanzierte Klaus Hildebrand, "da beendete Anfang 1943 ein im Auftrag Hitlers von Martin Bormann erlassener Befehl jede Tätigkeit auf kolonialem Gebiet."[32] Im Vergleich mit den Planungen für eine zukünftige "germanische" Raumordnung in Osteuropa erscheinen die Kolonialplanungen sogar als relativ "moderat". Denn bei allem Rassismus, der sich darin ausdrückte, war doch die Vorstellung einer umfassenden völkischen "Flurbereinigung", wie sie die Ostraumplanungen voraussetzten, hier keine wirkliche Alternative mehr.

Gerade dadurch konnte die deutsche Afrika-Sehnsucht auch in der zweiten Nachkriegszeit noch einmal aufflackern. Manche Autoren sahen in Afrika auch nach 1945 noch "Europas Gemeinschaftsaufgabe Nr. 1". Andere blickten dagegen mit gemischten Gefühlen auf die von den Europäern angestoßenen Wandlungsprozesse.[33] Ihre wachsende Eigenständigkeit weckte Befürchtungen, die dekolonisierten Afrikaner könnten dem Islam oder dem Kommunismus anheimfallen. Die zaghaften Ansätze einer Entwicklungshilfe in beiden deutschen Staaten wurden im Westen als Vordringen des Ostblocks gewertet, im Osten als Neokolonialismus gebrandmarkt. Beiden Systemen fiel es noch immer schwer, den Afrikanern auf gleicher Augenhöhe zu begegnen.[34] Mit der Unabhängigkeit weiter Teile Afrikas im Jahr 1960 verloren die Industrieländer jedoch merklich ihr politisches Interesse an den Entwicklungsländern. Stattdessen kapitulierten sie zunehmend vor der Problematik der losgetretenen Entwicklungen - besonders die fortgesetzte Aufzehrung der bescheidenen ökonomischen Steigerungsraten durch ein explodierendes Bevölkerungswachstum - und fühlten sich immer stärker wie ratlose "Zauberlehrlinge".

Spielt Afrika deshalb keine Rolle mehr für die Deutschen? Gelegentlich sieht man an alten Hauswänden noch einen verblichenen Hinweis auf einen "Kolonialwarenladen". Auch können zahlreiche Museen, botanische Gärten oder Forschungseinrichtungen auf eine koloniale Vorgeschichte zurückgeführt werden. In Hamburg oder Berlin lässt sich an vielerlei Spuren nachverfolgen, dass Afrika einmal ein reichhaltiger und dauerhafter Phantasieraum der Deutschen war.[35] Als die südwestafrikanischen Herero von Deutschland wenigstens eine Entschuldigung für den versuchten Genozid einforderten, wurde dies in der deutschen Öffentlichkeit gern als Skurrilität abgetan. Solche Gesten stellen sich aber immer mehr als eine unentrinnbare Begleiterscheinung der Globalisierung heraus. Und Afrika hat der Welt durchaus etwas zu bieten: Unmengen an Ressourcen, gewaltige Energiepotenziale und eine Einwohnerzahl von über 700 Millionen. Schon allein die Eigendynamik der technischen Vernetzung legt nahe, dass Afrika - von den Europäern nur unvollständig erschlossen und mit den Folgeerscheinungen weitgehend allein gelassen - nicht auf Dauer an der Peripherie von Weltmarkt und Weltgesellschaft bleiben wird. Die Zeit des scheinbar so vergessenen Kontinents wird wiederkommen.


Fußnoten

27.
Vgl. Wolfgang Petter, Der Kampf um die deutschen Kolonien, in: Wolfgang Michalka (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg, Weyarn 1997, S. 393.
28.
Carl von Ossietzky, Deutschland ist ..., in: Die Weltbühne, 24. Jg., Nr. 45 vom 6. 11. 1928, S. 689.
29.
Vgl. Christian Koller, "Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt". Die Diskussion um die Verwendung von Kolonialtruppen in Europa zwischen Rassismus, Kolonial- und Militärpolitik (1914 - 1930), Stuttgart 2001.
30.
Wolf W. Schmokel, Der Traum vom Reich. Der deutsche Kolonialismus zwischen 1919 und 1945, Gütersloh 1967, S. 30 mit Bezug auf "Mein Kampf".
31.
Vgl. Thomas Oppermann, "Eurafrika" - Idee und Wirklichkeit, in: Europa-Archiv, 23 (1960), S. 695 - 706.
32.
Klaus Hildebrand, Vom Reich zum Weltreich. Hitler, NSDAP und koloniale Frage 1919 - 1945, München 1969, S. 774.
33.
Anton Zischka, Afrika. Europas Gemeinschaftsaufgabe Nr. 1, Oldenburg 1951; auch Gustav-Adolf Gedat, Was wird aus diesem Afrika? Wiedersehen mit einem Kontinent nach fünfzehn Jahren, Stuttgart 1952.
34.
Vgl. Ulf Engel/Hans-Georg Schleicher, Die beiden deutschen Staaten in Afrika. Zwischen Konkurrenz und Koexistenz 1949 - 1990, Hamburg 1998.
35.
Vgl. Ulrich van der Heyden/Joachim Zeller (Hrsg.), Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche, Berlin 2002.