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17.1.2005 | Von:
Robert Kappel

Wirtschaftsreformen und Armutsbekämpfung in Afrika

Die Rohstoffökonomie Botswana

Botswana fand als Binnenland und aufgrund der klimatischen Bedingungen besonders ungünstige Voraussetzungen für seine Entwicklung vor. Botswana ist eine Rohstoffökonomie, Rohstoffrenten werden extrahiert und fließen als Royalties dem Staat zu. Diese "Rentenökonomie" hat sich anders als Nigeria oder Angola sehr erfolgreich entwickelt. Das PKE stieg von 200 (1960) auf ca. 3 500 US-Dollar (2002) an. Ein Drittel der Wirtschaftsleistung wird vom Diamantensektor erwirtschaft. Das Land ist durch seine geographische Lage und seine natürlichen Bedingungen in einer ausgesprochen schlechten Ausgangssituation gewesen. Das hohe Wachstum des realen BIP, das in den siebziger Jahren durchschnittlich 16 Prozent und in den achtziger Jahren noch 11 Prozent betrug, wurde vor allem durch den Abbau von Diamanten ermöglicht. Zirka zwei Drittel der Export- und Staatseinnahmen beruhen auf den Aktivitäten des Diamantensektors. Die neunziger Jahre führten aufgrund einer Schwäche auf dem Weltdiamantenmarkt und zahlreicher Dürren zu einem Absinken des Wirtschaftswachstums, das seitdem durchschnittlich 6 Prozent betrug. In den letzten zehn Jahren hat sich, wenn auch langsam, eine Diversifizierung der Wirtschaft vollzogen. Botswana hat gezeigt, dass trotz der geographischen Nachteile (Binnenland, hohe Transportkosten, klimatische Nachteile und Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen) ein nachhaltiges Wachstum möglich ist und Dutch Disease vermieden werden kann. Botswana kann eher mit Chile als mit Nigeria und Gabun verglichen werden und als Beispiel dafür dienen, dass trotz Rohstoffreichtum Entwicklung möglich ist.[6]

Botswanas relativer Erfolg in den letzten vier Jahrzehnten basiert auf folgenden Zusammenhängen: Bereits 1966 fand eine Investitionstransition statt. Ferner gehört Botswana zu den wenigen afrikanischen Ländern, in denen das Wachstum auf Investitionen (Kapitalakkumulation) und Produktivitätsgewinnen beruht.[7] Die Verzerrung der Ökonomie wurde nicht verstärkt. Dutch-Disease-Effekte wurden weitestgehend vermieden. Das heißt, Rentseeking ist nicht so weit verbreitet wie in anderen afrikanischen Rohstoffländern. Die Währungskooperation mit dem südafrikanischen Rand im Rahmen der Südafrikanischen Freihandelszone (SACU) fungierte als "agency of restraint"[8]. Botswana verzichtete auf eine eigene Handelspolitik. Güter zirkulieren frei zwischen dem Haupthandelspartner Südafrika und Botswana. Im Rahmen der SACU findet eine Umverteilung der Zolleinnahmen an alle SACU-Mitgliedsländer statt, d.h., die botswanische Regierung hat keine Kontrolle über die Zolleinnahmen, und sie kann nicht direkt in den Handel intervenieren.[9] Für die positive Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte war auch von Bedeutung, dass Botswana seine Performanz im Human Development Index (HDI) in relativ angemessener Weise dem Wirtschaftswachstum anzupassen wusste.[10] Es gab die Hoffnung, dass sich zukünftige Erfolge durch Humankapitalinvestitionen besser bewerkstelligen ließen. Sie finden ihren Ausdruck in den Indikatoren der humanen Entwicklung. Botswana hat ein einigermaßen funktionierendes Schul- und Gesundheitswesen aufgebaut. Die Lebenserwartung lag 1995 bei 68 Jahren und die Einschulungsrate bei 96 Prozent. Fast 100 Prozent der urbanen Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Wasser (im ländlichen Bereich ca. 76 Prozent). Es gelang Botswana, so aus einem Teufelskreis von niedrigem Wirtschaftswachstum und niedrigem HDI in einen "virtuous cycle" hohen Wachstums bei gleichzeitiger Reduzierung der Armut bis in die neunziger Jahre, besserer Ausbildung, höheren Ausgaben für Gesundheit etc. hineinzuwachsen und damit auch positive Rückkopplungseffekte verbesserter humaner Entwicklung für Wirtschaftswachstum zu nutzen (bspw. durch die Erhöhung der Kompetenzen von Unternehmern, Farmern, Arbeitern, Managern, Staatsbeamten und durch leichtere Adaption von Technologieimport). Aber die relativ hohen Investitionen in das Humankapital haben kaum die gewünschte Nachhaltigkeit im Wirtschaftswachstum - verbunden auch mit einer Differenzierung der Produktion - gebracht. Ein besonders schwerwiegendes Problem stellt HIV/AIDS dar. Ein Viertel der Bevölkerung ist HIV-positiv. Der Verlust an Humankapital ist sehr hoch, weil insbesondere die wirtschaftlich aktive und relativ gut ausgebildete Bevölkerung stirbt. Diese Situation verdeutlicht auch institutionelles Versagen.

Es besteht unter Entwicklungsökonomen die Auffassung, dass Botswanas hohe Wachstumsraten durch gute Institutionen zustande gekommen seien. Zahlreiche Autoren konstatieren "good leadership, prudent economic management, strong, efficient bureaucracy, effective planning, successful management of aid"[11]. Acemoglu, Johnson und Robinson haben hervorgehoben, dass gute Politik durch gute Institutionen möglich geworden sei. Sie nennen diese "institutions of private property" (IPP), im Gegensatz zu den "extractive institutions", die hohen Risiken der Enteignung durch die Regierung, die Eliten oder andere Agenten unterliegen. Zwei implizite Anforderungen enthält das Cluster von IPP: 1.Institutionen sichern private Verfügungsrechte, so dass diese entsprechende Erträge auf ihre getätigten Investitionen erwarten können. 2. Eine breite Bevölkerungsschicht hat die Möglichkeit zu investieren, und nicht nur eine kleine Elite. IPP erfordern daher auch politische Stabilität, Grenzen der extraktiven Aneignung und Dominanz durch die Eliten. Getestet wird die Bedeutung auf der Basis eines Indikators von "Political and Risk Services" und Gurr's Polity IV data set. Die Ergebnisse offenbaren im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern, dass Institutionen die entscheidende Voraussetzung fürden wirtschaftlichen Erfolg Botswanas waren.[12]

Dennoch zeigen sich in Botswana strukturelle Probleme, welche die Grenzen einer erfolgreichen Armutsbekämpfung verdeutlichen und die u.a. mit der Rohstofforientierung der Ökonomie zu tun haben. Botswana ist der größte Diamantenproduzent der Welt. Die Produktion der Diamanten wird von einem Joint Venture von de Beers und der Regierung unter dem Namen DEBSWANA durchgeführt. Die zumeist hochwertigen Diamanten werden international über die in London ansässige Tochterfirma von de Beers, Central Selling Organisation (CSO), verkauft. Diese nimmt weltweit eine führende Position ein, ist aber auch von der Nachfrage nach Diamanten abhängig. Der internationale Nachfragerückgang nach Diamanten und das inzwischen erreichte "Plateau" der Förderung hat zu einer Stagnation des Wachstums des BIP beigetragen. Es muss davon ausgegangen werden, dass die hohen Wachstumsraten der siebziger bis neunziger Jahre nicht wieder erreicht werden. Die Fluktuation der Diamantenproduktion und auch die Volatilität der Preise zeigen, dass das botswanische Modell an Wachstumsgrenzen gestoßen ist. Der Rohstoffsektor kann nicht mehr die Wachstumslokomotive sein. Die Wachstumsgrenzen werden auch deutlich an den wenig erfolgreichen Diversifizierungsbemühungen, die, was den Aufbau einer verarbeitenden Industrie betrifft, als relativ gescheitert angesehen werden müssen. Zwar hatten sich sogar Automobilproduzenten während der Zeit der Apartheid in Südafrikas an der Grenze zu Südafrika angesiedelt - unter Nutzung der SACU als Währungsmodell -, aber dieser Prozess ist trotz hoher Subventionen 1999 eingestellt worden. Die gewünschte Einbettung in globale Wertschöpfungsketten erweist sich für einen modellhaften Weg der Diversifizierung als nicht tragfähig. Es war das Ziel der Regierung, die geringe Produktionstiefe und Wertschöpfung dadurch zu erhöhen, dass klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) gestärkt werden sollen, damit sie in Zukunft auch als Vorproduzenten und Zulieferer fungieren können. Hier sind keine nachhaltigen Erfolge erzielt worden.

Bei nachlassendem Wachstum des mineralischen Sektors stellt sich die Frage, woher zukünftige Wachstumsschübe kommen können. Landwirtschaft und verarbeitende Industrie haben niedrigere Wachstumsraten als das BIP, hingegen weisen Dienstleistungen, Handel und Tourismus leicht höhere Wachstumsraten auf. Wie der erforderliche Wachstumsschub zur nachhaltigen Armutsbekämpfung in Zukunft erzeugt werden soll, ist nicht erkennbar. Dies reflektieren auch die Investitions- und Sparquoten: Die Investitionsquote hat nach einem ersten Sprung in den sechziger und siebziger Jahren einen beständigen Rückgang erfahren. Das Abflachen der Investitionsquote und der relativ schwache Zufluss an Portfolio- und Auslandsdirektinvestitionen ist auch Ausdruck einer nicht mehr optimalen Wirtschaftspolitik und unzureichender Diversifizierungsanstrengungen.

Obwohl Botswana über einen langen Zeitraum ein sehr hohes Wirtschaftswachstum gehabt hat und der Wohlstand im Durchschnitt stark angestiegen ist, ist Armut vor allem auf dem Land sehr weit verbreitet und steigt zudem an. Die Herausforderungen der HIV/AIDS-Katastrophe, die zunehmende Armut, anwachsende urbane Arbeitslosigkeit, eine "Missing Middle" von Unternehmern, die Schulabgänger und Arbeitslose beschäftigen könnten, die schwach entwickelte Landwirtschaft und die steigende Ungleichheit verdeutlichen, dass Botswanas Erfolg gefährdet ist.


Fußnoten

6.
Vgl. Daron Acemoglu/Simon Johnson/James A. Robinson, An African Success Story. Botswana, in: Dani Rodrik (Hrsg.), In Search for Prosperity, Princeton-Oxford 2003, S. 80 - 119.
7.
Vgl. Jean-Claude Berthélemy/Ludvig Söderling, Emerging Africa, Paris 2001.
8.
Vgl. Rolf J. Langhammer, Wirtschaftsreformen in Afrika: Getragen von der Gunst der Geber?, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 116 (1996) 1, S. 119 - 144.
9.
Vgl. Dani Rodrik, The New Global Economy and Developing Countries. Making Openness Work, Washington, D.C. 1996, S. 126.
10.
Vgl. Gustav Ranis/Frances Stewart/Alejandro Ramirez, Economic Growth and Human Development, in: World Development, 28 (2000) 2, S. 209.
11.
Dirk Hansohm, Integration and Development Through Good Economic Policies and Institutions - The Case of Botswana, in: African Development Perspectives Yearbook, (2000/2001), Part A, S. 293 - 316.
12.
Vgl. D. Acemoglu/S. Johnson/J. A. Robinson (Anm. 6).