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17.1.2005 | Von:
Peter Jakubowski

Den Stadtumbau flankieren - Was leisten neue Kooperationsformen in der Stadtentwicklung?

Kooperative Stadtentwicklung in Gelsenkirchen

Die sozioökonomischen Bedingungen für die Stadtentwicklung sind in Gelsenkirchen auch heute noch durch die lange und intensive Abhängigkeit von der Montanindustrie und dem Verlust eben dieser ökonomischen Basis geprägt. Im Herbst 2004 hatte die Stadt bei einer Bevölkerungszahl von rund 274 000 eine Arbeitslosenquote von 20,5 bzw. 15,8 Prozent im Stadtteil Buer zu verzeichnen, bei gleichzeitig extrem angespannter kommunaler Haushaltslage.[11] Gelsenkirchen hat seit 1998 rund 11 000 Einwohner verloren. Bei Eintreffen der Bevölkerungsprognosen wird sich die Bevölkerungsabnahme bis 2015 auf beinahe 30 000 Einwohner erhöhen, dann würde Gelsenkirchen gegenüber 1998 rund zehn Prozent seiner Einwohner verlieren. Mit diesen Werten reiht sich die Stadt durchaus in den Durchschnitt der großen Ruhrgebietsstädte ein. Verglichen mit den durchschnittlichen demographischen Entwicklungen in den alten Bundesländern ist das Ruhrgebiet rund 15 Jahre voraus - Stadtentwicklung in dieser Region entspricht also durchaus einem Blick in deutsche Zukünfte (siehe die Tabelle: PDF-Version).

Aus städtebaulicher und sozialer Sicht zeigen sich in Gelsenkirchen keine Verwerfungen, wie sie aus ostdeutschen Städten bekannt sind. Die meisten Wohngebiete der Stadt werden als stabil bewertet, und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich dies in nächster Zeit ändern wird. Bei einer auf die Gesamtstadt bezogenen Quote des Wohnungsleerstands von ca. fünf Prozent steht Gelsenkirchen nicht vor dem Problem des mengenmäßig relevanten Abrisses (und seiner organisatorischen und finanziellen Flankierung). Diese Aussichten lassen sich auch durch die demographischen Entwicklungen stützen.

Im Wohnungsbereich bestehen Probleme in Teilbeständen aus den fünfziger bis siebziger Jahren sowie mit einzelnen Altbaubeständen. Die eigentliche Herausforderung der Stadt liegt in der insgesamt für das Ruhrgebiet festzustellenden Erosion der Zentrenfunktion mit entsprechenden Funktionsverlusten bei zentralen Versorgungsbereichen. Für die bizentrale Stadt Gelsenkirchen gilt das sowohl für die so genannten Gelsenkirchener City als auch für das Zentrum Buer.[12]

Zur Lösung ihrer Strukturprobleme setzt die Stadtplanung in Gelsenkirchen ausdrücklich auf eine kooperativ angelegte Planungsphilosophie, in der sich Planungsverwaltung als dezentral präsenter Kooperationspartner in interdisziplinären Arbeitsprozessen sieht. Ein Ausschnitt dieses kooperativen Ansatzes der Gelsenkirchener Stadtplanung ist mit der Kooperation "Zentrum Buer" näher untersucht worden.

Die Kooperation "Zentrum Buer" - Modellvorhaben in "3stadt2"

Buer hat mit strukturellen Problemen, wie z.B. einer überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit oder der Erosion des innerstädtischen Einzelhandels zu kämpfen. Oberziel der Stadtentwicklung ist die Revitalisierung und Stabilisierung des Stadtteils Buer. Vor diesem Hintergrund wurde der Leitplan Zentrum Buer mit ökonomischen und städtebaulichen Empfehlungen in einem kooperativen Verfahren erstellt. Der politisch beschlossene Leitplan fungiert als Leitplanke für die weitere Aufwertung des Zentrums Buer.

In der zweiten Phase, nach Beschluss des Leitplanes, geht es in Buer darum, das kooperativ erarbeitete Handlungskonzept schrittweise verbindlich zu machen und umzusetzen. Ziel ist es, den Bürgern, Kunden und Besuchern von Buer ein hohes Maß an Aufenthaltsqualität, einen wieder attraktiveren Branchenmix und eine vitalere Urbanität zu bieten. Zur Verwirklichung des Ziels bedarf es auch bei der konkreten Planung und Maßnahmenumsetzung der Mitwirkung und Unterstützung vieler Akteure, die sich gemeinschaftlich für den Stadtteil engagieren. So wird allen Beteiligten die Chance gegeben, ihre Ideen und Ressourcen einzubringen.

Der kooperative Prozess begann mit der gemeinsamen Erarbeitung des Leitplans "Zentrum Buer" durch Bürger, örtliche Investoren, Verwaltung und die Politik. Bedeutender Akteur in diesem Kooperationsansatz ist die Buer Management Gesellschaft (BMG). Sie wurde als Public Private Partnership zwischen der Stadt Gelsenkirchen und privaten Investoren/Eigentümern aus dem Zentrum gegründet. Die Zusammenarbeit zwischen der BMG und der Stadt wird durch einen Kooperationsvertrag begleitet. Aufgabe der BMG ist die Konzeption, Organisation und Durchführung von Maßnahmen zur Revitalisierung und Stabilisierung des Stadtteils Buer.

Den Kern der informellen Kooperation bilden Werkstattgespräche, in denen Bürgerinnen und Bürger, der Einzelhandel oder Mitglieder der Lokalen Agenda ebenso vertreten sind wie die Stadt Gelsenkirchen (Verwaltung und Politik) und die BMG. Die zentralen Akteure haben sich bereits während der Leitplanerarbeitung zusammengefunden.

Die Werkstattgespräche ergänzen weiterhin die "üblichen" Schritte der notwendigen Planungsverfahren. Die Einzelprojekte werden vertieft und zwischen den Akteuren abgestimmt. Einzelne Teilnehmer aus den Werkstattgesprächen sind direkt an Einzelprojekten beteiligt (vgl. die Abbildung: PDF-Version).[13]

Das kooperative Verfahren hat gezeigt, dass sich über die Arbeitsgruppen hinaus auch neue Formen der Zusammenarbeit in den Einzelprojekten ergeben. So wurde z.B. für die Umgestaltung der Marktplatzes ein städtebauliches Entwurfsverfahren (Werkstattverfahren) durchgeführt, bei dem die Jury mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Werkstattgespräche besetzt war. Dazu gehörten Vertreter der BMG ebenso wie Verwaltung und Politik. Mit städtebaulichen Entwurfsverfahren und der starken Einbeziehung der örtlichen Akteure wurden Experimente im Sinne der vertieften Kooperation gewagt, die sich als erfolgreich erwiesen haben.

Die einzelnen Teilprojekte verlaufen sehr unterschiedlich. Von "schnellem Start und späterem Scheitern", über "kontinuierliche Arbeit" bis zu "stark verzögertem Start" und "Verschiebung" ist alles vertreten. Allerdings lässt dies noch keine ausreichenden Rückschlüsse auf Erfolg oder Misserfolg des gewählten Ansatzes zu. Angeleitet durch die externe Moderation, haben die lokalen Akteure in Buer Erfolgskriterien für ihre Arbeit selbst formuliert. Sie dienen als Hilfsmittel für eine regelmäßige Selbstreflexion der Kooperationspartner.

Kosten der Kooperation - eine Annäherung

Wie bei allen Modellvorhaben ist auch in Buer versucht worden, die Kosten des Kooperationsprozesses genauer zu erfassen. Das Gesamtbudget der umfassenden Kooperation in Gelsenkirchen-Buer beruht auf einer Förderzusage des Landes NRW aus dem Jahr 2000 und umfasst 409 000 EUR (damals 800 000 DM). Davon wurden 204 500 EUR vom Land NRW finanziert, die für die Erstellung des Leitplans Buer und als Beteiligung an den Geschäftsführungskosten der Buer Management GmbH für die Jahre 2001 bis 2003 eingesetzt wurden. Die Eigenleistungen der Stadt Gelsenkirchen beliefen sich auf rund 51 000 EUR, während die Mitglieder der BMG Eigenleistungen in Höhe von rund 153 000 EUR zur Finanzierung beigetragen haben. Von der Stadt wird hervorgehoben, dass weite Teile der aufgeführten Kosten dem experimentellen Design der Kooperation sowie der Erarbeitung des Leitplans zuzurechnen sind, wobei insbesondere Letztgenannter auch ohne den Kooperationsrahmen hätte aufgestellt werden können. Spezifische externe Kosten für Moderation und Beratung sind in Höhe von 48700 EUR entstanden.[14] Aus den Analysen der Projektforscher im Modellvorhaben Gelsenkirchen-Buer geht hervor, dass die Personalkosten der Verwaltung mit "einer dreiviertel Stelle BAT II" kalkuliert werden können.

Bewertung durch die Akteure

Angestoßen durch die Diskussionen im Forschungsfeld "3stadt2 - Neue Kooperationsformen in der Stadtentwicklung" haben sich die Akteure der Kooperation entschlossen, eine Erfolgsanalyse zum bisherigen Kooperationsverfahren durchzuführen. Zusammen mit den Akteuren wurden Erfolgskriterien ermittelt, um dann im Rahmen von Zufriedenheitsabfragen Anhaltspunkte zur Bewertung des Kooperationsverfahrens zu bekommen.[15] Im Ergebnis ergaben Interviews mit beteiligten Personen aus Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft eine große Zufriedenheit mit dem Aufwand-Ertrag-Verhältnis bei der Erstellung des Leitplans. Er "sei schnell und günstig zustande gekommen, und die Kommunikation untereinander wurde als Bereicherung angesehen"[16]. Aus Sicht der Planungsverwaltung hat das kooperative Verfahren wesentlich zur Stärkung der Rationalität der Planung und zur besseren Abstimmung der Akteure beigetragen. Insgesamt schätzt die Verwaltung die Investitionen in den Prozess als erfolgreich ein. Gleichzeitig wird aber auch darauf hingewiesen, dass die Umsetzung von Projekten weit weniger direkt und positiv durch den kooperativen Ansatz zu beeinflussen ist. Insgesamt hat die Einschätzung der Beteiligten recht eindeutig gezeigt, dass die Zufriedenheit mit Ausgestaltung und Ablauf des Kooperationsprozesses deutlich größer ist als die Zufriedenheit mit den erreichten Ergebnissen.

Diese Einschätzung kann insbesondere unter den ökonomischen Rahmenbedingungen, die dieses Verfahren prägen, nicht erstaunen. Letztlich ist die Projektumsetzung von tatsächlichen Investitionen abhängig, die in letzter Konsequenz eben nicht durch Konsens und Verfahren entschieden werden können. Zu betonen ist aber zugleich, dass eine kooperative Planungskultur mit einem entsprechenden Engagement der Bürger sowie der lokalen Wirtschaft das Investitionsklima in Stadtumbausituationen positiv beeinflusst. Übersicht 2: Auszug aus den Zielen und Erfolgskriterien im Rahmen der akteursorientierten Evaluation "Kooperation Zentrum Buer"

A - Ergebnisse bis Ende 2003:
Ende 2003 sind Ansätze für ein verbessertes Erscheinungsbild Buers sichtbar ...
z.B. einheitlichere Gestaltung, weniger Werbereiter und negativ empfundene Sondernutzungen, gepflegteres und aufgeräumtes Aussehen, weniger Autos im Fußgängerbereich und verbesserte Parkplatzsituation
Ende 2003 gibt es gemeinsame Qualitätsmaßstäbe ...
- z.B. ein von BMG, Werbegemeinschaft, wichtigen Einzelakteuren und Stadt gemeinsam getragenes Gestaltungs- und Design-Konzept für Stadtmöbel und Werbeanlagen, ein "Qualitätssiegel Buerer Einzelhandelsunternehmen"
Ende 2003 gibt es eine positive Bewusstseinsänderung ...
- z.B. gemeinsame Verantwortlichkeit, Wir-Gefühl, Verständnis für die Situation

Quelle: U. Stein/M. Stock (Anm.15), S. 130.


Fußnoten

11.
Vgl. Regionalverband Ruhrgebiet, Regionalinformation Ruhrgebiet, Oktober 2004, Essen.
12.
Vgl. Michael von der Mühlen, Eine Zukunftsstrategie zum Umbau der Gelsenkirchener City, in: Ministerium für Städtebau und Wohnen des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Stadtumbau West. Intelligentes Schrumpfen, Düsseldorf 2004, S. 88 - 95.
13.
Vgl. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, ExWoSt-Informationen "3stadt2 - Neue Kooperationsformen in der Stadtentwicklung", Nrn. 1 - 4 (2002 - 2004); Ursula Stein/Stefanie Ruschek, Gelsenkirchen: Kooperation Zentrum Buer, in: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.), ExWoSt-Informationen "3stadt2 - Neue Kooperationsformen in der Stadtentwicklung", (2004) 5, S. 12 - 15.
14.
Vgl. Stefanie Ruschek/Ursula Stein, Endbericht zum Modellvorhaben Gelsenkirchen "Kooperation Zentrum Buer", Frankfurt/M. 2003, S. 64f.
15.
Vgl. Ursula Stein/Marion Stock, Evaluation innenstadtbezogener Kooperationsprozesse mit Akteuren, in: RaumPlanung, (2004) 114/115, S. 127 - 132; U.Stein/S. Ruschek (Anm. 14).
16.
U. Stein/M. Stock, ebd., S. 130.