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17.1.2005 | Von:
Michael Haus

Zivilgesellschaft und soziales Kapital im städtischen Raum

Segregationsprozesse und die damit verbundene Verstärkung sozioökonomischer Ungleichheiten in den Städten gehen mit dem Zerfall sozialen Kapitals und der Gefährdung zivilgesellschaftlicher Praktiken einher. Es wird diskutiert, wie dieser Prozess aufzuhalten ist.

Einleitung

Der Schlager "On the Sunny Side of the Street" erinnert daran: Städte sind Orte der Begegnung und der Abkapselung, der Integration und der Spaltung. Sonnen- und Schattenseiten liegen oft nur eine Straßenbreite voneinander entfernt. Dieser Sachverhalt tritt zusehends und länderübergreifend ins öffentliche Bewusstsein, wenn er auch oft einseitig - etwa als in der Existenz städtischer Ghettos sichtbar werdendes Scheitern der "Integration" ethnischer Minderheiten - thematisiert wird. Die Songwriter haben es sich relativ einfach gemacht: "Just direct your feet to the sunny side of the street", so lautet ihre lapidare Empfehlung - womit das Problem, in der humorlosen Sprache der Sozialwissenschaft ausgedrückt, individualisiert und privatisiert wird. Nüchtern betrachtet, scheint es keineswegs eine plausible Empfehlung zu sein, einfach die Seite zu wechseln. Individuelle Anpassungsstrategien an den Prozess des Verfalls von Stadtteilen sind eher Teil des Problems, nicht dessen Lösung. Wenn die dazu Fähigen die problematischen Stadtteile verlassen, bleiben die zurück, welche dazu nicht in der Lage sind. Die im Niedergang begriffene Umgebung verstärkt dann Benachteiligung, verbindet sich mit symbolischer Stigmatisierung und wird so zu einem sozialen Gefängnis für die Hängengebliebenen - und das zum Teil über Generationen hinweg.




Die Globalisierung von Informations- und Kapitalströmen hat offensichtlich nicht die Stadt als solche überflüssig gemacht - sie stellt diese aber als den Ort in Frage, an welchem Modernisierungsprozesse in ihren Folgen erkannt und in Richtung höherer Sozialverträglichkeit bearbeitet werden (etwa durch lokale Sozialpolitik und Stadtplanung). Die heutigen Probleme sind jedoch, das muss gegenüber einer einseitigen Bezichtigung unkontrollierter Marktkräfte festgehalten werden, auch Folgen von Problemlösungsversuchen der Vergangenheit und damit ein Ausdruck von "Staatsversagen": Typischerweise gehören heute nicht zuletzt solche Stadtgebiete zu den "benachteiligten" Vierteln, welche in den sechziger und siebziger Jahren als besonders zukunftsweisend - nämlich als funktional vorbildlicher und für breite Bevölkerungsschichten erschwinglicher "sozialer Wohnungsbau" - galten, heute aber als seelenlose Wohnmaschinen verworfen werden. Das zeigt die Kurzfristigkeit politischer und planerischer Ideologien, zu denen etwa auch die der "autogerechten Stadt" gehörte. Die Forderung nach "Nachhaltigkeit" nicht nur im Bereich der Ökologie gewinnt angesichts solcher Beispiele an Dringlichkeit. Offensichtlich lässt sich (lokale) Gesellschaft nicht in der Weise planen wie damals erhofft; auf die zentrifugalen Kräfte des Marktes muss anders - intelligenter und kreativer - reagiert werden. Da man neue Stadtviertel nur noch in Ausnahmefällen wird bauen können (und in der Regel nicht für die sozial Benachteiligten bauen wird), muss man sich den Menschen dort zuwenden, wo sie wohnen.