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Zeitgeschichte in Europa - oder europäische Zeitgeschichte?


5.1.2005
Eine Europäische Zeitgeschichte steckt noch in den Anfängen. Das bildet zugleich Reiz und Herausforderung wie methodische Erschwernis und Last.

Einleitung



Was Zeitgeschichte sein kann, stellt einen alten Streit dar. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde von dem späteren Kölner Historiker Justus Hashagen ein recht zeitbezogener Begriff entwickelt,[1] der nahtlos auf die deutsche Apologie einer "Kriegsunschuld" im "Kampf gegen Versailles" angewandt werden konnte: Sie kam aus der Zeitzeugenschaft und wollte nationalpädagogisch eine bestimmte Sicht der Dinge "beweisen". Sucht man dagegen nach inhaltlichen Zäsuren, dann sollte man sich mit dem Plädoyer von Margit Szöllösi-Janze auseinander setzen, die mit dem Begriff der Wissensgesellschaft eine Schlüsselkategorie ausdifferenziert.[2] Sie datiert den Beginn der Zeitgeschichte bereits um 1880 und vermag in diesem Rahmen nachfolgende weitere Zäsuren zu setzen. Zeitbezogener Ansatz oder epochenprägende Entwicklung lautet also die aufgeworfene Alternative, die Hans Rothfels programmatisch im Jahr 1953 zur (Neu-)Begründung der Zeitgeschichte beantwortete:[3] Beides treffe zu, wenn man mit dem Jahr 1917 beginne. Sie sei die Epoche der Mitlebenden und eine historische Zäsur mit dem Eintritt der USA in den Weltkrieg und der bolschewistischen Revolution.






Zeitgeschichte im ersten Sinn ist in jeder Gesellschaft und vor jeder Wissenschaft da. Geschichte wird berichtet, ist ein Teil des kommunikativen Gedächtnisses, das wissenschaftlicher Korrektur nur schwer zugänglich ist, aber gerade daher eine besondere Herausforderung für die Geschichtswissenschaft bildet. Darüber hinaus gibt es positiv gesehen die Chance der Zeitzeugenbefragung, negativ die Schwierigkeit der Sperrfristen von Akten in Archiven. Das sollte nach wie vor ein wichtiges Kriterium für Zeitgeschichte bilden. Schon daher kann der Epocheneinschnitt gut 50 Jahre nach Rothfels' Ausführungen nicht mehr 1917 sein, sondern sollte in der politischen Geschichte, die auf alle Bereiche des menschlichen Lebens ausstrahlt, eher auf 1945 mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs samt seinem besonderen Charakter als Vernichtungskrieg bzw. auf 1989/90 mit dem Ende kommunistischer Herrschaft gelegt werden. Das gilt für Europa, aber auch für weite Teile der übrigen Welt. Beide Daten bilden relative Konstruktionen, die ihren Sinn haben. Man kann also nach meinem Vorschlag die ältere Zeitgeschichte nach Rothfels zu den Akten legen und mit Hans-Peter Schwarz neben der neueren auch eine "neueste Zeitgeschichte" unterscheiden.[4] Zeitgeschichte wird so zu einer rollierenden Form der Annäherung, die immer wieder neu zu bestimmen ist.

Was hier für die deutsche Zeitgeschichte aufgeführt ist, gilt natürlich auch im größeren Rahmen. Schon Rothfels argumentierte welthistorisch. Heute wäre man mit inhaltlichen Kriterien wohl vorsichtiger. Bedeutet europäische Zeitgeschichte nicht dasselbe wie deutsche Zeitgeschichte, nur im größeren Rahmen? Otto von Bismarck reagierte allergisch, wenn von Europa statt von nationalen Interessen die Rede war, aber auch in jüngster Zeit titelte etwa brillant Timothy Garton Ash "Im Namen Europas", als er die bundesdeutsche Heuchelei europäischer Argumentationsmuster anstelle offener deutscher Interessenbenennung zu entlarven trachtete.[5]

In der Gegenwart ist Europa in aller Munde, da doch 2004 die Osterweiterung auf 25 Staaten vollzogen worden ist, wobei gelegentlich die Bezugsgrößen durcheinander geraten; mal heißt es - korrekt - Osterweiterung der EU, mal aber auch - fälschlich - Europas. Gerade in ehemaligen "Oststaaten" ist seit den achtziger Jahren häufig von einer "Rückkehr nach Europa" die Rede gewesen - in welches Europa, und: War "Osteuropa" nicht auch immer Europa? Je enger die Staaten Europas zur europäischen Integrationsorganisation gehören, desto eher hört die genannte Unterscheidung auf - aber "Zeitgeschichte" bestimmt sie allemal.


Meistererzählungen der Zeitgeschichte



Gerade weil jüngst erlebte Geschichte ständig präsent ist, gibt es dominierende Erzähl- und Betrachtungsweisen, die sich vom erlebten und erinnerten Bereich der individuellen Geschichte bis auf die europäische Ebene verlagern können oder ihn mitdenken - die Zeitgeschichte Europas. "Meistererzählungen" wird das im Anschluss an die englischen "master narratives" sinnvollerweise genannt, denn diese wirken, und sie prägen die Sicht.[6] Einige von ihnen markieren einen klaren Fortschritt, begründen also ein progressives Narrativ:

1. Die Aufbaugeschichte aus den Zerstörungen und dem Massentod des Weltkriegs heraus: "Auferstanden aus Ruinen".[7]


2. Vom "Westen" her gedacht: die Modernisierung Europas, "Wohlstand für alle!";[8] und, sofern sie vom Westen auf den "Osten" bezogen wurde, die "Magnettheorie" vom Leistungswettbewerb der Bevölkerungen und Systeme.[9]


3. Aus gleicher Perspektive, aber stärker auf die Staatenpolitik gerichtet: die Geschichte der westeuropäischen Integration als Erfolgsgeschichte, vom Sechsereuropa der Montanunion zur Europäischen Union des Jahres 2004 mit 25 Mitgliedstaaten; die "Adventserzählung": "erst sechs, dann neun, dann zwölf - jetzt 25!"

4. Die Ostintegration: der sozialistische Block als welthistorisch überlegenes Modell des Fortschritts, gefährdet durch kapitalistischen Imperialismus, "Der Sozialismus siegt!" (Er verlor dann doch in fast jeder Hinsicht.)

Eine andere "Meistererzählung" markiert ein tragisches Narrativ:
5. Das Katastrophenzeitalter, über das Eric Hobsbawm im "kurzen 20. Jahrhundert" für die Zeit bis 1945 sprach, wurde von einem "goldenen Zeitalter" bis Mitte der siebziger Jahre abgelöst, dem seither neue Instabilität im "Erdrutsch" neuer Krisen in Richtung auf eine Globalisierung gefolgt sei.[10] Regressiv wäre zu nennen:

6. Die Verdrängung Europas als zentraler Akteur der Weltgeschichte: Dekolonisierung und Globalisierung, "Europa schrumpft".

Eine dialektische Sicht zeichnet zwei weitere Blicke aus:
7. Die Beziehungsgeschichte eines unterschiedlich strukturierten Paares, des Ostens und des Westens: Es grenzte sich voneinander ab, versuchte hin und wieder die Annäherung, trug heftige Auseinandersetzungen aus, zog sich trotz Ablehnung an und kam nicht voneinander los. Dieses Europa der dialektischen Wechselwirkungen ohne Synthese oder Versöhnung tritt erst langsam deutlicher hervor: "Sie küssten und sie schlugen sich."[11]


8. Europa im Ost-West-Konflikt: der Kalte Krieg als vermiedener heißer Krieg der Blöcke, der aber nach innen gravierende Folgen hatte, indem er die Ängste und Drohungen in die Gesellschaften trug und andere Formen der Verdrängung oder des Austrags fand; "der Krieg gegen die menschliche Einbildungskraft" (Michael Geyer).

Ein peripherer Blick:
9. Die Sicht der "Kleinen": Sie beobachteten das Treiben der "Großen", waren davon abhängig, wollten aber nie so werden wie jene. Und wenn sie ihrer mehr oder weniger "kindlichen" Unmündigkeit entwachsen waren, wurden sie immer noch keine ganz Großen, wollten es auch gar nicht sein; aber es gab immer den Wunsch oder die Überzeugung, es besser machen zu können als diese.

Schließlich ist es sinnvoll, von einem katastrophischen Narrativ zu sprechen:
10. Der Niedergang, ja die drohenden Vernichtung, die von atomaren Gefahren, militärisch oder zivil, ausging, dann die ökologische Endlichkeit entdeckte und in Diagnosen über die ungesteuerte Globalisierung mündete: "Die Grenzen des Wachstums" - gewiss nicht auf Europa beschränkt.[12]

Diese Schneisen mögen genügen, weitere ließen sich unschwer hinzufügen. Es mag im Ansatz ein europäisches Gedächtnis geben,[13] aber das hat deutliche Grenzen, auch wenn man auf die gemeinsame Gewaltgeschichte des Kontinents abheben will.[14] Gerade beim Blick auf einzelne Staaten gab und gibt es fruchtbringende nationale Narrative der Zeitgeschichte, die ganz anders periodisieren als hier vorgeschlagen, aber auch national spezifische Sichten vertreten, wie es ein Sammelband von Alexander Nützenadel und Wolfgang Schieder nahelegt.[15] Diese Meisterzählungen bilden eine subjektive Auswahl aus gängigen öffentlichen Diskursen. Sie überschneiden sich, bauen aufeinander auf, liegen z. T. auf anderen Ebenen. Ebenso kann man skeptisch sein, ob diese kollektiven Narrative nicht längst überholt sind und treffender durch eine Summe postmoderner Einzelerzählungen aufzulösen wären.[16] Wenn man unter einer Meistererzählung "die in einer kulturellen Gemeinschaft zu einer gegebenen Zeit dominante Erzählweise des Vergangenen" versteht, ist nach ihrem Verhältnis zur Geschichtswissenschaft zu fragen. Verständigungsangebote dieser Art sind vor jeder Geschichtswissenschaft vorhanden, erwachsen aus persönlichen Erfahrungen und Familientradition, werden in einer Mediengesellschaft aber auch immer wieder neu und anders gebündelt.

Auf Meistererzählungen bauen oft die beabsichtigten Impulse zur Traditionsbildung und Geschichtspolitik auf, die im politischen und kulturellen Raum ausgeprägt sind. Geschichtswissenschaft kann darin nur als Teil einer pluralistischen Gesellschaft ihre Erkenntnisse einbringen, etwa in "kulturellen Gedächtnistraditionen, medialen Vergegenwärtigungen und politischen Inszenierungen". Affirmativ-propagandistisch oder kritisch-destruierend sind die wichtigsten Grundhaltungen. "Zeitgeschichte als Streitgeschichte" markiert einen zentralen Punkt der allgemeinen Debatte,[17] was für die Öffentlichkeit gilt, aber auch für die Wahl von wissenschaftlichen Gegenständen, die davon unabhängig Kategorien für neue Erkenntnischancen entwickeln kann. So könnte es spannend sein, zwischen dem "gedachten" und dem "gelebten" Europa zu unterscheiden,[18] dem das "vereinbarte" Europa als dritte Bezugsgröße sinnvoll hinzuzufügen wäre.

Das "gedachte Europa" bezieht sich primär auf die Europaideen und -vorstellungen, auf die Wünsche und Ziele Einzelner und ganzer Organisationen, auf die Konstruktionen von Europa. Das "gelebte Europa" richtet sich eher auf Methoden und Gegenstände der Kultur- und Sozialgeschichte und sucht Gemeinsamkeiten, Prägungen und Besonderheiten auszumachen. Das "vereinbarte Europa" betrachtet demgegenüber den Rahmen der kodifizierten und verrechtlichten Stränge, vom europäischen Gemeinschaftsrecht bis zu dessen mehr oder weniger starker Akzeptanz und geglückter Umsetzung. Aus dem Zusammenwirken methodischer Grundüberlegungen und allgemeiner Erzählungen ließen sich Muster entfalten, dabei dann die Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und Differenzen beider Ebenen erörtern, die Grade möglicher oder erwarteter Fruchtbarkeit von Grundkategorien und deren Entfaltung ermitteln. Das kann hier nicht geschehen, wohl aber sollen einige Themenfelder und Ansätze benannt werden.


Europäische Zeitgeschichte



1. Kriterien der Konstruktion. Natürlich ruht Europa nicht in sich, sondern agiert nach außen, wird von außen wahrgenommen. "Europa" bildet eine Bezugsgröße, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich konstruiert wurde. Das betrifft die räumliche Ausdehnung ("Russland gehört zu Europa"; "Die Türkei bildet keinen Bestandteil des Kontinents"[19]), aber auch die Definition inhaltlicher Merkmale, zumeist kultureller Art. Am längsten lebt bis in die Gegenwart die Deutung des christlichen und damit auch normativen Charakters des Kontinents. Normative Kriterien führten häufig zu ganz anderen Europabegriffen. Das ist ein überaus lohnendes Forschungsfeld: Was wurde wann an welchen Orten für europäisch gehalten? Was für die Türken vor Wien galt, trifft auch für die Sowjetunion im Ost-West-Konflikt zu. Jedenfalls kann die zeitgenössische Ausgrenzung des Anderen oder Bedrohlichen zu einer begrifflichen Klärung kaum taugen oder auch nur beitragen.

2. Binnendifferenzierung und Grenzen. "Der Balkan",[20] "Skandinavien", aber auch die vier Orientierungen Ost-, West-, Nord- und Südeuropa bilden Konstruktionen relativer Einheit in Europa und unterhalb der Schwelle Gesamteuropas. Diese entwickelten jeweils recht spezifische Blicke auf das Ganze, vertraten Sichtweisen, die stark voneinander abwichen.[21] Was wurde wann und wie weit zu Europa gerechnet? Gerade das könnte etwa im Falle der türkischen Sicht auf und Erwartungen an Europa ertragreich sein - verstärkt seit der Assoziation des Landes an die Europäischen Gemeinschaften seit 1964. Damit stellt sich die Frage der "mental maps",[22] die sich auch auf die Grenzen in der europäischen Zeitgeschichte richtet. Hier hat sich ein fruchtbares Forschungsfeld aufgetan,[23] das sich von allen angeblich "natürlichen Grenzen", Bergen oder Küsten, weit weg bewegt hat. Es zeigte sich, dass es dabei immer um historisch, kulturell, wirtschaftlich oder politisch geprägte Perspektiven ging. Das Prinzip, wonach Staatsgrenzen möglichst homogene Nationalstaaten zu umfassen hätten, wurde im 19. Jahrhundert entwickelt und entfaltete große politische Bedeutung in der Friedensregelung nach dem Ersten Weltkrieg. Die nationalsozialistische Neugestaltung setzte wohl am konsequentesten und mit tödlichen Methoden auf die ethnisch homogene Ziehung von Grenzen der Nationen (auch wenn die rassisch begründete Dominanz des Großdeutschen Reiches noch ganz andere Reichsbildungsziele verfolgte).[24] Die Friedensregelung nach 1945 brachte neue Grenzen mit sich; sie suchte zum Teil die NS-Expansion und deren Maßnahmen rückgängig zu machen, steckte aber auch weit darüber hinaus Grenzen von Staaten neu ab - und das vornehmlich in "Osteuropa". Das war neu, denn damit wurde bald der Bereich dominierenden sowjetischen Einflusses insgesamt bezeichnet, der seit den späten vierziger Jahren auch "Ostblock" hieß. Nach dessen Ende entfalteten sich in diesem Teil Europas alte Konflikte neu, aber auch neue, die in manchen Fällen zur Staatsteilung (oft unter kriegsähnlichen Umständen) führten - so in Jugoslawien,[25] der Sowjetunion oder der Tschechoslowakei. Ethnische Konflikte konnten im Westen offener ausgetragen werden und brachten gleichfalls gewaltförmigen Austrag mit sich. Vor einem Jahrzehnt fasste M. Rainer Lepsius die Unterschiede in die Dichotomie: "Gleichzeitig finden in Europa zwei ganz unterschiedliche Prozesse statt: einerseits die Integration in sich gefestigter Nationalstaaten in eine neue Ordnung, andererseits die Desintegration politischer Machtverbände in eine Vielzahl von noch nicht konsolidierten Nationalstaaten mit unklaren territorialen Grenzen."[26] Devolution und Integration lauteten die Modalitäten. Hat beides miteinander zu tun? Jedenfalls hat es den Anschein, als ob Osteuropa als analytischer Begriff tot sei, sicher nach dem Ende der sowjetischen Herrschaft. Was bleibt von "Osteuropa"? Ein neues Mittelosteuropa (MOE), das an ein Zwischeneuropa der Zeit von 1918 bis 1939 anknüpfte und auch Ostmitteleuropa genannt wird? Es stellt sich die Frage nach der Zugehörigkeit Russlands bzw. der Sowjetunion zu Europa, die nicht nur normativ beantwortet werden kann, sondern auch die Einwirkung auf und Bestimmung durch das übrige Europa thematisiert. Mein Plädoyer richtet sich auf einen geographischen Begriff von Europa - und so auch von dessen Osten -, der auch Russland bzw. die Sowjetunion einschließt, die dann allerdings genauso zu Asien zu rechnen ist, wenn man denn schon Kontinente "konstruiert", die ja nicht abgeschottet zu sein brauchen: Grenzen können fließend sein. Europa ist damit ein geographischer " Container", der unterschiedlich konstruiert wurde und wird.

3. Blockkonstruktion und Grenze im "Kalten Krieg". Für die neuere europäische Zeitgeschichte ist es darüber hinaus zentral, wie die Trennlinie quer durch Europa konstruiert wurde und heute zu deuten ist. Nicht nur im Rahmen der Meistererzählungen, sondern auch analytisch sind die Ursachen, aber auch die Wirkungen und Folgen der Grenze durch Europa bedeutsam. Da gibt es ganz alte Schichten, die auf Antike und Mittelalter zurückgehen und nicht vollständig "tot" sind.[27] Seit dem voll entwickelten Kalten Krieg verlief diese früher oft weiche Grenze oder Übergangszone als befestigte Grenze bis 1989/91 so weit im Westen wie noch nie in der Neuzeit, nämlich mitten durch Deutschland. Das sektorale Gefälle auf den Gebieten der Kultur, Wirtschaft und sozialer Systeme war in dieser Zeit - wenn auch phasenweise unterschiedlich - aufgeladen zur befestigten Militärgrenze, die das gesamte "sozialistische Lager" umfasste. Das brachte einen "Krieg in den Köpfen" mit sich, dessen Phasen und Konsequenzen mir in seinen Dimensionen noch nicht erfasst zu sein scheinen. Auf der anderen Seite stehen Blocküberschreitungen durch Wissen und kulturelle Produkte bis hin zur Populärkultur, die im elektronischen Zeitalter nicht mehr zu unterdrücken sind. Migrationen hingen auch damit zusammen, blieben aber ein konstituierendes Merkmal für das europäische 20. Jahrhundert.[28]


4. Der Beginn der Forschung über den integrierten Osten. Europäische Zeitgeschichte könnte also aus östlicher Sicht einen Schwerpunkt auf die Beziehungen zum Westen mit ihrer gestörten und behinderten Kommunikation legen. Kommunikation war aber möglich und blieb wichtig. Sie sollte aber auch deutlich die Integrationsmechanismen und -formen innerhalb der Blöcke zum Thema machen. Auch dies könnte neben den manifesten Unterschieden Gemeinsamkeiten stärker als bislang geschehen zutage fördern. Gerade im Bereich politischer Herrschaft bleiben nicht nur die Gründe für den Verfall und das friedliche Ende des "Ostblocks" zu klären, sondern auch für seine jahrzehntelange Dauer und relative Stabilität. Das hat Jürgen Kocka unlängst für die DDR-Geschichte angemahnt,[29] die gleiche Aussage gilt aber noch in ganz anderer Weise für die wenig untersuchten Mittel und Grenzen sowjetischer Herrschaft in Teilen Europas.[30] Der politische Begriff "Diktatur" oder auch "Herrschaft" bleibt mit Anschauung und konkreten Informationen nicht nur für jedes Land, sondern für den Ostblock insgesamt zu füllen (oder zu ersetzen). Gerade über die politischen, wirtschaftlichen oder ökonomischen Formen sowjetisch dominierter Integration gibt es noch kaum vergleichende und zusammenfassende Studien, jedoch zeichnet sich ab, dass es auch hier beträchtliche Handlungsspielräume gab, ebenso wie Konflikte mit der Führungsmacht.

5. Westeuropäische Integrationsforschung bildet derzeit den dominierenden Trend der Europäischen Zeitgeschichte. Hier boomt die Forschung und macht die politische Parole der Ost-"Erweiterung" der Gegenwart auch für die Zeitgeschichte des Westens zur analytisch fruchtbaren Maxime: "Widening, Deepening and Acceleration".[31] Das ist - von den Europabewegungen der Kriegszeit über die Montanunion von 1951 bis in die Gegenwart hinein - breit mit Quellen und distanziert untersucht worden.[32] Die methodischen Differenzierungen bestanden eher zwischen den Einzelwissenschaften und treten heute zurück.[33] Die Vorgänge waren recht kompliziert; seit den 1990er Jahren reden vor allem Politikwissenschaftler vom "Regieren im europäischen Mehrebenensystem",[34] von den Regionen über die Staaten bis zur EU in einem nicht mehr klaren Wechselverhältnis. Es gibt ein "Gebilde sui generis", das kaum historische Vergleiche anbietet. Und gerade die Westintegration lässt sich weder auf wirtschaftlicher noch kultureller und schon gar nicht auf militärischer Ebene ohne die USA und Kanada erklären, die insoweit auch zu einer Konstruktion Europas hinzugehören - und zwar als konstitutive Bestandteile.

6. Komparative Geschichte - die Anfänge. Eine vergleichende europäische Geschichte ist erst in jüngster Zeit in Gang gekommen und besteht für die Zeitgeschichte in ersten Ansätzen, geht es doch um langfristige Prozesse, die sich am besten zum Vergleich eignen.[35] Ältere Synthesen wie etwa Theodor Schieders "Handbuch der europäischen Geschichte" oder das von Wolfram Fischer besorgte "Handbuch der europäischen Wirtschaftsgeschichte" setzten bei den Anfängen Europas ein, reichten kaum bis an ihre Gegenwart heran und waren entweder großflächig oder stark materiallastig angelegt.[36] Stärker in Richtung eines qualitativen Vergleichs gingen vor allem Gerhard A. Ritter und Hartmut Kaelble, die im deutschsprachigen Bereich, aber mittlerweile auch europäisch vernetzt Pionierarbeiten zum sozialen und zunehmend auch zum kulturellen Vergleich anstellten. Allerdings richtete sich das auch aus Gründen des Quellenzugangs ganz auf Westeuropa. Den wohl viel versprechendsten Ansatz bildet das Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas mit Basis an den Berliner Universitäten um Manfred Hildermeier, Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka und Holm Sundhaussen. Es setzt im 19. Jahrhundert an und entwickelt neue Schlüsselbegriffe wie den der Zivilgesellschaft. Das meint einen "Raum gesellschaftlicher Selbstorganisation zwischen Staat, Markt und Privatsphäre, ein Bereich der Vereine, Zirkel, Netzwerke und Non-Governmental Organization (NGOs)"[37]. Er eigne sich gut zum Vergleich, in den Ost wie West gleichermaßen eingebunden werden können. "Der logische Status des Begriffs 'Zivilgesellschaft` oszilliert zwischen normativen und analytischen Dimensionen. Dies ist in Vergangenheit und Gegenwart unübersehbar und gewollt."[38] Vergleich und Beziehungsgeschichte sind die bevorzugten methodischen Ansätze, die sich nicht mehr primär auf den politischen Austausch beziehen, sondern den sehr viel weicheren und kulturell überformten Begriff des Transfers oder auch der gekreuzten Geschichte in den Vordergrund rücken. Struktur sowie diachroner und räumlicher Wandel könnten eine statische Betrachtung überwinden und insgesamt in eine innovative Mischung zusammenbringen. Einiges ist schon in Sammelbänden eingelöst, vieles bleibt noch Versprechen. Es geht um zeitgeschichtlich höchst anregende Fragen von Kommunikation, Migration oder Protest, es geht aber auch um einen Forschungszusammenhang als Begegnungsmöglichkeit - nicht zuletzt zwischen den einzelnen Gebieten und vormaligen Teilen Europas.

7. Europäische Erinnerungskultur? Letztlich geht es auch um europäische Erinnerung, in der sich Meistererzählungen und ihre wissenschaftliche Erforschung kreuzen und bündeln. "Erinnerungsorte" gehören dazu, sich dynamisch entwickelnde Merk- und Gedenkpunkte, die nicht in erster Linie räumliche Dimensionen haben müssen. Aber gerade hier stellt sich die Frage nach dem gemeinsamen europäischen Fundus. Da sind wir wieder dicht an den Meistererzählungen. Wenn nicht alles täuscht, sind es die Erinnerungstage der europäischen Geschichte, die eine relativ neue Gattung an kultureller Traditionspflege hervorgebracht haben. Waren es früher primär die 100- oder 50-Jahr-Feiern, so sind, medial gestützt, heute auch Zehnerjubiläen der jüngeren Geschichte Teil ausgiebiger öffentlicher Geschichtsrepräsentation - zwischen Erinnerungen der Mitlebenden, staatlichen oder gesellschaftlichen Erinnerungspolitiken und Agenda setting. Aber auch da, wo es sich um gesamteuropäische Erfahrungen handelte, sind Erinnerungsgemeinschaften bis in die jüngste Zeit hinein national gewesen. Die gesamteuropäische Beteiligung über die Grenzen der Kriegsgegner des Ersten oder Zweiten Weltkriegs hinweg könnte hier etwas Neues in Gang gebracht haben. Es fehlen die Voraussetzungen für eine Erinnerungskultur in Europa, die in gemeinsamer Form an Vorgänge oder Erfahrungen erinnerte, wenn sich diese nicht in der Beliebigkeit offizieller Zeremonien oder Deklarationen verflüchtigt. Demgegenüber regen sich gegenläufige Trends, die von gleicher Bedeutung sind. Der Begriff der "Vertreibungen" - als zwangsweiser Bestandteil von Migration neutral zu beschreiben - sei hier nur genannt. Damit sind wir erneut bei den genannten Meistererzählungen angelangt, die zu Fragen und Methoden der Geschichtswissenschaft in einem gelegentlich fruchtbaren Spannungsverhältnis stehen. Europäische Zeitgeschichte kann leichter differenzieren und vor allem sektoral Gewalt- und Leidphänomene ohne unmittelbare moralische Bewertung skizzieren. Ein öffentlicher Umgang mit Geschichte mit starkem Identifikationsbedürfnis für die je eigene Sicht der Dinge vermag das sehr viel schwerer zu leisten.

Schlussbemerkungen



Deutsche und europäische Zeitgeschichte mögen sehr viel gemeinsam haben, der europäische Befund von Desiderata wird vielfach für die deutsche Seite bereits besser ausgefüllt. "Die DDR-Geschichte wird in absehbarer Zeit zu den am besten erforschten Feldern der Zeitgeschichte gehören", formulierte Christoph Kleßmann 1998 optimistisch.[39] Relativ trifft das gerade im Vergleich zur osteuropäischen Dimension fraglos zu. "Die Geschichte Osteuropas ist immer noch vergleichsweise schlecht erforscht", lässt sich pointiert dagegensetzen. Auf diesem Gebiet sind dann auch noch die inhaltlich wie methodisch gravierendsten Leerstellen europäischer Zeitgeschichte zu orten.

Eine wirkliche Europäische Zeitgeschichte steckt noch in den Anfängen. Sie ist stärker dem öffentlichen Umgang, der politischen Instrumentalisierung, aber auch der kulturellen Prägungen durch vorangegangene Zeiten unterworfen als andere Perioden. Das bildet zugleich Reiz und Herausforderung wie methodische Erschwernis und Last. Nationale Perspektiven machen den "Blick über den Tellerrand" nach wie vor nicht leicht - erst recht nicht die Sicht auf den gesamten Vorrat an "Tellern". Sport als Teil gegenwärtiger medialer Massenwirklichkeit lebt weitgehend in nationalen Kulturen; wie könnte es da der Geschichte ganz anders gehen?

Das gilt zumal für "Eurovisionen"[40] oder Ansätze zu europäischer politischer Bildung.[41] Eine von Werten - etwa vom Streben nach Demokratie und Wohlstand - geleitete Sicht mag politisch sinnvoll und wichtig sein. Diese Sicht kann wiederum selbst historisch untersucht werden, hat jedoch nur geringen historischen Erklärungswert. Wenn sich Historie mit der Ambivalenz zugleich analytischer und teleologischer Begriffe von Europa begnügt, läuft sie Gefahr, dass diese, wenn schon nicht in der Anlage, so doch in der Rezeption - siehe Meistererzählungen - vermengt werden.

Der geographische Europabegriff kann aus den genannten Gründen nicht auf eine reine Erweiterung Kerneuropas auf immer weitere Regionen abzielen. Die "Rückkehr nach Europa" war eine berechtigte und wertgebundene Forderung gerade von Intellektuellen in Ost(mittel)europa seit den achtziger Jahren; analytisch vermag sie die wechselseitigen Einflüsse weder zur Zeit des akuten Ost-West-Konflikts von 1945/49 bis 1989/91 noch die Entwicklung seither zu fassen, die nur als Anpassung an bereits vorgefundene Standards der Europäischen Union gesehen wird. Europäische Zeitgeschichte umfasst mehr als die Vorgänge in den sich erweiternden europäischen Integrationsgemeinschaften.

Besonders fruchtbar scheinen mir Ansätze zu sein, die mehrere Ebenen in Europa berücksichtigen. Das zielt nicht nur auf das "Regieren" der EU, sondern auch auf unterschiedliche Ebenen der Identifikation, wonach sich Identitäten - so schwer sie im Einzelnen zu fassen sind - auf mehreren Ebenen (oder in konzentrischen Kreisen) ausmachen lassen, die von Nahbereichen aufsteigend zumindest von der Region an auch Staat/Nation und dann Europa umfassen könnten. Gerade der Vergleich von Beziehungen könnte dabei sehr fruchtbar sein.

Recht herkömmlich ist schon immer der Blick auf Europa untersucht worden,[42] die Konstruktionen aus unterschiedlichem sozialem, politischem, zeitlichem oder vor allem regionalem Blickwinkel. "Europäische Identifikation als historisch geprägt, aber auch als gestaltbar begreifen zu können", bildet etwa den bedenkenswerten Ansatz von Ute Frevert.[43] Das reicht über die Ideengeschichte bei einer Fundierung in Kultur- und Mentalitätsgeschichte deutlich hinaus.

Zukunftsträchtig sind Versuche, vergleichend an die europäische Zeitgeschichte heranzugehen, auch wenn der diachrone Zeitraum seit 1945 noch zu geringe Distanz bietet. Die Vergleichsgegenstände und -ebenen sind überall zu finden und potenziell unendlich. Darüber hinaus scheint es lohnend, die Beziehungen innerhalb Europas gerade auf einer weit verstandenen kulturellen Ebene zu thematisieren. Transfergeschichten und Wechselwirkungen könnten diese Einflüsse besser fassen als herkömmliche Herangehensweisen.

Europäische Zeitgeschichte sollte eingebunden sein in die Außenwahrnehmungen wie in die Außenbeziehungen. Dazu gehören die globalen Prägungen und Einflüsse, die für Europa (und darüber hinaus) in der jüngeren Zeit zu einer außerordentlichen Verdichtung der Kommunikation auf allen Ebenen geführt haben, verbunden mit einer Beschleunigung und zeitlichen Verkürzung bis hin zur elektronischen Verbindung in Echtzeit - und dies zu erschwinglichen Kosten.

Linear angelegte Meistererzählungen sollten nicht unbedingt das Ziel wissenschaftlich fundierter Gesamtdarstellung sein; vielmehr wäre eine Geschichte gegenläufiger Bewegungen, dialektischer Widersprüche und vielfacher Interaktionen, ein Europa des Nebeneinanders und des Pluralismus, von freiwilligen oder erzwungenen Einheitsbestrebungen und ihren Gegenkräften wohl lohnender - und auch angemessener.[44]


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Fußnoten

1.
Vgl. für eine frühere Version ähnlicher Argumente: Jost Dülffer, Europäische Zeitgeschichte. Narrative und historiographische Perspektiven, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004) 1, www.zeithistorische- forschungen.de/16126041-Duelffer-1 - 2004; vgl. auch Justus Hashagen, Das Studium der Zeitgeschichte, Bonn 1915; zum Kontext: Klaus Große Kracht, Kriegsschuldfrage und zeithistorische Forschung in Deutschland. Historiographische Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges, in: Zeitgeschichte-online, Mai 2004, www.zeitgeschichte-online.de/md=EWK-Gkracht. Für anregende Kritik danke ich Simone Derix.
2.
Vgl. Margit Szöllösi-Janze, Wissensgesellschaft in Deutschland. Überlegungen zur Neubestimmung der deutschen Zeitgeschichte über Verwissenschaftlichungsprozesse, in: Geschichte und Gesellschaft, 30 (2004), S. 277 - 313; dies., Wissensgesellschaft - ein neues Konzept zur Erschließung der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, in: Hans Günter Hockerts (Hrsg.), Koordinaten deutscher Geschichte in der Epoche des Ost-West-Konfliktes, München 2004, S. 277 - 305.
3.
Vgl. Hans Rothfels, Was ist Zeitgeschichte?, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZG), 1 (1953), S. 1ff.
4.
Vgl. Hans-Peter Schwarz, Die neueste Zeitgeschichte, in: VfZG, 51 (2003), S. 5 - 28.
5.
Timothy Garton Ash, Im Namen Europas. Deutschland und der geteilte Kontinent, München-Wien 1993. Die Umkehrung im Titel und inhaltlich: Franz Fischer, "Im deutschen Interesse". Die Ostpolitik der SPD von 1969 - 1989, Husum 2001.
6.
Der englische Begriff der "master narrative" scheint sich auch im Deutschen durchgesetzt zu haben: Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hrsg.), Die historische Meistererzählung. Deutungslinien der deutschen Nationalgeschichte nach 1945, Göttingen 2002; vgl. Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M.1991 (engl. 1973), daran auch meine Einteilungen der Narrative angelehnt.
7.
Johannes R. Bechers Nationalhymne der DDR war auf einen ganz anderen Kontext bezogen, lässt sich aber sinnvoll auf den ganzen Kontinent beziehen.
8.
Das für Becher Gesagte gilt auch für Ludwig Erhards (Wahl-)Kampfparole (und Buchtitel) der fünfziger Jahre: Wohlstand für alle!, Düsseldorf 1957.
9.
Sie wurde zuerst 1948/49 von Kurt Schumacher als normativer Anspruch entwickelt, dann von Konrad Adenauer gegenüber dem "Osten" in Deutschland und Europa in ganz ähnlicher Funktion übernommen.
10.
Vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts (engl. 1994), Frankfurt/M. 1998; vgl. die ähnliche Titeldiagnose der Neugeburt des Phönix von Walter Z. Laqueur, Europa aus der Asche, Geschichte seit 1945, München-Zürich-Wien 1970. (Die erweiterte Neuausgabe dachte die Entwicklung bereits weit in die Zukunft hinein: Europa auf dem Weg zur Weltmacht 1945 - 1992, München 1992.)
11.
In Abwandlung des deutschen Titels eines Films von Francois Truffaut, "Les quatre cent coups" 1957/58: "Sie küssten und sie schlugen ihn".
12.
Nach dem Sachbuch von Dennis Meadows u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1974.
13.
Vgl. Henry Rousso, Das Dilemma eines europäischen Gedächtnisses, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004) 3, www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Rousso-3 - 2004.
14.
Vgl. John Horne, War and conflict in contemporary European history, 1914 - 2004, in: ebd., www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Horne-3 - 2004.
15.
Vgl. Alexander Nützenadel/Wolfgang Schieder (Hrsg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft), Göttingen 2004, darin z.B.: Christoph Dipper, Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise. Das Beispiel Schweiz; Ernst Hanisch, Die Dominanz des Staates. Österreichische Zeitgeschichte im Drehkreuz von Politik und Wissenschaft; Martin Sabrow, Herrscherlob als historiographische Herausforderung. Zeitgeschichte in der DDR; Detlev Mares, Too Many Nazis? Zeitgeschichte in Großbritannien.
16.
Darauf scheint mir Konrad Jarausch/Michael Geyer, Shattered Past. Reconstructing German Histories, Princeton u.a. 2003 hinauszulaufen. Meine Ausführungen stützen sich auf die Einleitung von Jarausch und Sabrow (Anm. 6), S. 9 - 32 (Zit S. 17, 18).
17.
Vgl. Martin Sabrow/Ralph Jessen/Klaus Große Kracht (Hrsg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München 2003, mit lesenswerten Fallstudien; die europäische Ebene fordert am deutlichsten ein: Christoph Kleßmann, Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung, S. 240 - 263.
18.
Das geht wohl auf eine französische nationale Unterscheidung des 19. Jahrhunderts zurück, thematisiert für Europa im gründlichen Problemaufriss von Hartmut Kaelble, Europabewußtsein, Gesellschaft und Geschichte. Forschungsstand und Forschungschancen, in: Rainer Hudemann/Hartmut Kaelble/Klaus Schwabe (Hrsg.), Europa im Blick der Historiker (Historische Zeitschrift, Beiheft 21), München 1995, S. 1 - 29 (hier S. 5ff., 13ff.).
19.
Vgl. z.B. mit der Verknüpfung normativer Merkmale, historischer Längsschnitte und aktueller Politik: Hans-Ulrich Wehler, Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Essays, München 2003.
20.
Vgl. Maria Todorova, Imagining the Balkans, London u.a. 1997 (dt. mit charakteristischer Zuspitzung: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999).
21.
Vgl. die Fragen nach diesen (Teil-)Identitäten bei Gerhard Stourzh (Hrsg.), Annäherungen an eine europäische Geschichtswissenschaft, Wien 2002. Geir Lundestad, East, West, North, South. Major Developments in International Politics, 1945 - 1990, Oslo 2001 (und öfter) benutzte diese Kategorien in einer der besten Darstellungen internationaler Politik.
22.
Christoph Conrad (Hrsg.), Mental Maps, in: Geschichte und Gesellschaft, 28 (2002) 3.
23.
Vgl. Hans Lemberg (Hrsg.), Grenzen in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Aktuelle Forschungsprobleme, Marburg 2000; Herder-Institut (Hrsg.), Die Nationalisierung von Grenzen. Zur Konstruktion nationaler Identität in sprachlich gemischten Grenzregionen, Marburg 2002.
24.
Vgl. Mathias Beer (Hrsg.), Auf dem Weg zum ethnisch reinen Nationalstaat? Europa in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 2004.
25.
Der Prozess einer Auflösung Jugoslawiens hatte weniger mit dem Ende des sowjetischen Imperiums zu tun als mit den Nachfolgeproblemen der Herrschaft Titos, der eine spezifische Form des Sozialismus als gesellschaftliche Integrationsklammer geschaffen hatte.
26.
M. Rainer Lepsius, Die Europäische Gemeinschaft und die Zukunft des Nationalstaats, in: ders., Demokratie in Deutschland. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, hier S. 253.
27.
Vgl. den Überblick bei: Jost Dülffer, Der Niedergang Europas im Zeitalter der Gewalt: Das 20. Jahrhundert, in: Heinz Duchhardt/Andreas Kunz (Hrsg.), "Europäische Geschichte" als historiographisches Problem, Mainz 1997, S. 105 - 128; wieder abgedruckt in: ders., Im Zeichen der Gewalt, Köln 2003. Ich lehne mich hier und auch sonst an einige dort vertretene Positionen an.
28.
Vgl. Klaus Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000.
29.
Vgl. Jürgen Kocka, Der Blick über den Tellerrand fehlt. DDR-Forschung - weitgehend isoliert und zumeist um sich selbst kreisend, in: Frankfurter Rundschau vom 21.8.2003; auch in Deutschland Archiv, 36 (2003), S. 764 - 769.
30.
Vgl. Gregor Thum, "Europa" im Ostblock. Weiße Flecken in der Geschichte der europäischen Integration, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 1 (2004) 3, www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Thum-3 - 2004.
31.
Anne Deighton/Alan Milward (Hrsg.), Widening, Deepening and Acceleration. The European Economic Community 1957 - 1963, Baden-Baden u.a. 1999. Der Titel steht für eine Forschungsrichtung, welche den genannten Prozess in den sechziger Jahren, aber auch in der Gegenwart ausmacht.
32.
Die besten Zusammenfassungen: Wilfried Loth, Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration 1939 - 1957, Göttingen 19963; Gerhard Brunn, Die europäische Einigung, Stuttgart 2002; John R. Gillingham, European Integration 1950 - 2003. Superstate or New Market Economy?, Cambridge 2003; Geir Lundestad, The United States and Western Europe since 1945: From "Empire" by invitation to transatlantic drift, Oxford 2003; Franz Knipping, Rom, 25. März 1957, München 2004.
33.
Vgl. Wilfried Loth/Wolfgang Wessels (Hrsg.), Theorien europäischer Integration, Opladen 2001 (mit der Sicht mehrerer Disziplinen).
34.
Vgl. Markus Jachtenfuchs/Beate Kohler-Koch (Hrsg.), Europäische Integration, Opladen 1996; Wolfgang Wessels, Die Öffnung des Staates, Opladen 2000.
35.
Vgl. Hartmut Kaelble, Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1999, darin bes.: Eine besondere Zielsetzung: der historische Zivilisationsvergleich, S. 79 - 92; Heinz Gerhard Haupt/Jürgen Kocka (Hrsg.), Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung, Frankfurt/M. 1996, bes. die Einleitung der Hrsg., S. 9 - 46.
36.
Theodor Schieder (Hrsg.), Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. 7, 1 und 2: Europa im Zeitalter der Weltmächte, Stuttgart 1979; Wolfram Fischer (Hrsg.), Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart (Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 6), Stuttgart 1987. Dem ist an die Seite zu stellen: G. Ambrosius/W.H. Hubbard, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im 20. Jahrhundert, München 1986.
37.
Jürgen Kocka, Zivilgeschichte als historisches Problem und Versprechen, in: Manfred Hildermeier/Jürgen Kocka/Christoph Conrad (Hrsg.), Europäische Zivilgesellschaft in Ost und West. Begriff, Geschichte, Chancen, Frankfurt/M. 2000, S. 13 - 40, hier: S. 21.
38.
Hartmut Kaelble/Christoph Conrad/Philipp Ther, Ein Zentrum für die Vergleichende Geschichte Europas, in: www.geschichte.hu-berlin.de/bereiche/ sg/zvge/artikel_zvge. htm ZVGE (1.10.2003); vgl. kritisch den Beitrag von Dieter Rucht: www.wz- berlin.de/zkd/poem/mitarbeiterinnen/rucht. de.htm (1.10.2003).
39.
Vgl. Christoph Kleßmann, Zeitgeschichte in Deutschland nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, Stuttgart 1998, S. 38.
40.
Ute Frevert, Eurovisionen. Ansichten guter Europäer im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2003. Frevert gibt keine teleologischen, sondern sehr differenzierte und abwägende Antworten.
41.
Vgl. Hans-Otto Mühleisen, Europa vermitteln heißt Werte vermitteln, in: Jutta Limbach (Hrsg.), Wie und wozu lernen wir, europäisch zu denken?, St. Ingbert 2001, S. 111 - 142.
42.
Zuletzt in geradezu geschichtspolitischer Inszenierung im Hinblick auf Identitätsstiftung in der Eröffnungsausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin: "Idee Europa. Entwürfe zum 'Ewigen Frieden`. Ordnungen und Utopien für die Gestaltung Europas von der pax romana zur Europäischen Union" (25. Mai - 25. August 2003), Katalog, Berlin 2003.
43.
Vgl. U. Frevert (Anm. 40), S. 26
44.
Vgl. den Überblick bei Attila Pók/Jörn Rüsen/Jutta Scherrer (Hrsg.), European History: Challenge for a Common Future, Hamburg 2001; vgl. auch meine Literaturberichte: Jost Dülffer, Europäische Integration zwischen integrativer und dialektischer Betrachtungsweise, in: Archiv für Sozialgeschichte, 42 (2002), S. 521 - 543; Europa - aber wo liegt es? Zur Zeitgeschichte des Kontinents, in: ebd., 44 (2004), S. 524-564; der Versuch bearbeitet nur einige der genannten Ebenen: Jost Dülffer, Europa im Ost-West-Konflikt 1945 - 1991 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte), München 2004.

 
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