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5.1.2005 | Von:
Stefan Plaggenborg

Sowjetische Geschichte nach Stalin

Stellung im Imperium

Zu wenig in ihren historischen Folgen gewürdigt worden zu sein scheint mir die Tatsache, dass der Sowjetstaat kein Nationalstaat war, wie er sich sonst in Europa ausgebildet hatte. (Wir lassen die Frage beiseite, ob der Nationalstaat in vielen Fällen, besonders in Osteuropa, nicht eher ein Phantom darstellte.) Es handelte sich um einen multinationalen Staat mit einer universalen Ideologie. Dadurch enthielt die UdSSR als Staatstyp eine expansive Raumkomponente, die dem Nationalstaat per definitionem verbarrikadiert war. Spätestens seit Ende der dreißiger Jahre löste sich die historisch bedingte Beschränkung auf den "Sozialismus in einem Land" auf, bekanntlich in enger Kumpanei mit Hitlerdeutschland. Von nun an begann sich das zu entwickeln, was später "sozialistisches Weltsystem" genannt wurde. Zwar zeigten sich bald Risse (Jugoslawien 1948, später China), aber der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht kannte nur dort territoriale Grenzen, wo sie ihm von anderen (USA, Großbritannien) gesteckt wurden.

Das Imperium, das die UdSSR in Ostmitteleuropa errichtete, besaß einen eigenartigen Charakter. Einerseits exportierte Stalin sein System, verlangte Systemtreue und Waffenbrüderschaft, andererseits zahlte die UdSSR langfristig einen hohen Preis. Der bestand nicht nur im schrittweisen Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit als Hegemon, nicht nur in der historischen Ironie, dass gerade der osteuropäische Teil den Untergang des Imperiums 1989 wesentlich beschleunigte, sondern auch in einer aberwitzigen wirtschaftlichen Verlustrechnung. Nachdem Osteuropa zu einem politischen, militärischen und Wirtschaftsraum unter Führung Moskaus geworden war, begann sich auch hier ein fundamentaler Wandel zu vollziehen.

Während die politische und militärische Verklammerung des Imperiums in Osteuropa hinlänglich bekannt ist, sind die Kenntnisse über den Wirtschaftsraum, auch ein Charakteristikum des osteuropäischen Sowjetimperiums, deutlich geringer. Nur einige Hinweise: In diesem Imperium galten nicht die Gesetze des Marktes; die Kosten-Nutzen-Analyse stellte nicht den Maßstab der Außenwirtschaftsverflechtung dar. Auch kaschierte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) kein Ausbeutungsverhältnis zugunsten Moskaus.

Seit Chruscev hat der wirtschaftliche "Ostblock" fundamentale Änderungen erlebt. Die Sowjetunion suchte - ganz in der Pose des sozialistischen Förderers - die Industrialisierung in den betreffenden Ländern nach Kräften voranzutreiben. Nach den Aufständen in Polen und Ungarn 1956 und nach dem "Prager Frühling" 1968 leistete die Sowjetunion immer mehr Wirtschaftshilfe in Form von Rohstofflieferungen, besonders Öl, das deutlich unter Weltmarktpreis verkauft wurde.

Wenn man sich die zentrale Bedeutung dieses Energieträgers für die Volkswirtschaften vor Augen führt, so hebt sich der Wirtschaftscharakter des Imperiums hervor: Trotz verschiedener Preisreformen beim Erdöl kamen die Satellitenstaaten fast durchweg in den Genuss von gewaltigen Subventionen in Form von vergleichsweise niedrigen Ölpreisen. Das setzte sich auch nach dem Ölschock in den siebziger Jahren fort, der die westlichen Wirtschaften hart traf, zu einer Zeit also, als die UdSSR Petrodollars in unerwarteter Höhe auf dem Weltmarkt erwirtschaftete.

Die UdSSR wurde so zu einem Gläubiger, der nicht genügend Gegenwerte für seine Güter erhielt. Der Sympathie mit Kommunisten unverdächtige Quellen aus US-Kreisen haben die Handelssubventionen der UdSSR allein auf der Basis von Öl von 1960 bis 1980 auf fast 90 Milliarden US-Dollar errechnet. Die UdSSR habe nach der "Ölkrise" jährlich auf bis zu 18 Milliarden US-Dollar aufgrund der Freundschaftspreise "verzichtet". Während der Krise in Polen 1980/81 betrugen die verschiedenen Subventionen aus der UdSSR rund 4,3 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Der umstrittene "Milliardenkredit" der Bundesrepublik an die DDR, den Franz Josef Strauß 1984 einfädelte, belief sich auf 950 Millionen DM. Die Einkommensverluste der Sowjetunion beim Öl überstiegen die Gesamtauslandsverschuldung der Satellitenstaaten 1975 um das Vierfache, zu einer Zeit also, als man im Westen von der Verschuldungskrise der ostmitteleuropäischen Länder sprach.

Dem steht freilich gegenüber, dass die UdSSR ihre Strukturprobleme ebenfalls exportiert hatte. Das Desaster der stalinistischen Modernisierung lastete auf diese Weise auch auf den Satellitenstaaten und ihren Gesellschaften. Aber man wird die Unterscheidung zwischen Transfer- und Struktureffekten[12] kaum empirisch treffen können. Dieses System besaß eine systemtypische Unlogik, wenn man es von der Warte marktförmigen Wirtschaftens aus betrachtet. Historiker nehmen gewöhnlich derlei normative Standpunkte nicht ein. Sie helfen nicht, ein historisches Geschehen zu erschließen.

Kurz: Das imperiale Warenstromgefüge war auf den Kopf gestellt. Das imperiale Zentrum lieferte Roh- und Brennstoffe und erhielt Halb- und Fertigprodukte. Die wirtschaftliche Ausbeutung durch Moskau war eine Legende, die von den Regierungen der kleinen Staaten gerne kolportiert wurde, um günstige terms of trade zu erhalten bzw. zu erzielen. Die riesigen Subventionen waren der enorm hohe Preis, den die UdSSR für den politischen Erhalt des Imperiums zahlte.

Rechnet man die gigantischen Subventionen innerhalb des Imperiums mit den unübersehbar hohen Unterstützungssummen für den sozialistischen Wohlfahrtsstaat auch nur in einer Daumenpeilung zusammen, so stellt sich die Frage, ob hier die Gründe zu suchen sind, die der Sowjetunion finanziell das Rückgrat brachen. Den Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten, war die Sowjetunion schließlich nicht mehr in der Lage; sie war sozial überdehnt; das Imperium finanziell in dem skizzierten Ausmaß zu stützen, vermochte sie ebenfalls nicht auf Dauer. Aber war sie zugleich imperial überdehnt, weil das Militär das meiste verschlang? Es deutet alles darauf hin, den Anteil der Militärausgaben an der wirtschaftlichen und finanziellen Überforderung der UdSSR stark zu relativieren. Dieses Regime zahlte gigantische Summen, um sich der Loyalität seiner Bevölkerung zu vergewissern; es zahlte enorme Beträge, um das Imperium zu konsolidieren; es schraubte die Militärausgaben in schwindelerregende Höhen, um den Gegner in Schach halten zu können. Aber durch Totrüsten allein, wie manche glaubten, war die UdSSR nicht in die Knie zu zwingen. Dahinter steckt ein Denken in den Kategorien des Kalten Krieges, dessen Ergebnis diese Denkfigur ihrerseits ist. Von ihr wird in einigen Jahren nichts mehr übrig bleiben. Den Untergang hat die Sowjetunion während einer Phase der kumulierenden Krisen in einem systemischen Kollaps selbst besorgt.


Fußnoten

12.
Vgl. Hans-Herrmann Höhmann, Wirtschaftsreformen in anderen sozialistischen Ländern: Modell oder Herausforderung für die Sowjetunion? Köln 1986 (Berichte des Bundesinstituts für internationale und ostwissenschaftliche Studien 27/1986).