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5.1.2005 | Von:
Hanna Schissler

Weltgeschichte als Geschichte der sich globalisierenden Welt

Neue Orientierungsnotwendigkeiten

Die Dominanz der nationalen Geschichte war bis in die 1960er Jahre hinein weitgehend unangefochten. Das entspricht der Tradition der Geschichtswissenschaft, die ihre Professionalisierung im 19. Jahrhundert in engster Anlehnung an den Nationalstaat erreicht hat. Eine Aussage über die "Welt" ist jedoch in jedem historischen Narrativ enthalten, nicht zuletzt auch im " Containermodell" der nationalen Geschichte.[1] Darin interagieren quasi-personifizierte Akteure miteinander, denen selbst Gefühle eigen sind: "Deutschland erklärt Frankreich den Krieg"; "England fühlt sich durch den deutschen Flottenaufbau bedroht". Das Erzählen von Geschichte als nationale Geschichte hat eine große Beharrungskraft. Es ist die Nationalgeschichte, die, wo immer man hinschaut, bis heute im Wesentlichen Geschichte by default, mithin diejenige Art von Geschichte ist, die sich "natürlicherweise" dem Bewusstsein von Menschen aufdrängt.

Die Selbstverständlichkeiten einer politisch ausgerichteten Nationalgeschichte (nicht jedoch die Nationalgeschichte per se) gerieten seit den späten 1960er Jahren zunächst durch die Sozialgeschichte unter Beschuss und büßten in der Folgezeit durch eine Reihe neuer Ansätze zumindest teilweise ihre Legitimität ein: durch die dekonstruktivistische Frauen- und Geschlechtergeschichte, sodann durch die Alltagsgeschichte sowie in den USA vor allem durch die ethnischen Geschichten, mithin durch diejenigen Ansätze, die man heutzutage gerne unter kulturhistorischem Vorzeichen zusammenfasst. In diesem Prozess pluralisierte sich die Geschichtswissenschaft. An die Stelle "der Geschichte" traten "die Geschichten", und aus dem "edlen Traum" von der historischen Objektivität gab es ein unsanftes Erwachen.[2] In der Geschichtswissenschaft ist politische Nationalgeschichte nicht mehr automatisch history by default, also die im Bewusstsein gewissermaßen automatisch "gebootete" Geschichte.

Was nun hat es mit der Weltgeschichte auf sich, undwas kann diese leisten?[3] Orientierungsbedürfnisse, oder besser: Orientierungsnotwendigkeiten, ändern sich im Laufe der Zeit. Sie sind ebenso abhängig von historischen Gegebenheiten wie von persönlichem Erleben. Wird es offenbar, dass sich Phänomene nicht mehr mit herkömmlichen Paradigmen erklären lassen, beginnt die Suche nach neuen Orientierungsschemata. "One generation's 'true' history is the next generations' nonsense", schreibt der amerikanische Historiker Ross Dunn.[4] Nach der Implosion des sowjetischen Einflussbereiches 1989 und nach den Terrorangriffen des 11. September 2001 ist die Notwendigkeit, Geschichte welthistorisch, präziser: als globale Geschichte, neu zu konzipieren, offensichtlich. Aus der Vielzahl von Büchern und Artikeln, die auf die neuen Herausforderungen reagieren, seien einige wenige hervorgehoben, weil sie in besonders produktiver Weise neue Erklärungsansätze vorstellen. "1989" ist der Referenzrahmen für den in Harvard lehrenden Historiker Charles Maier, der im Jahr 2000 in einem bemerkenswerten Aufsatz in der "American Historical Review" neue Konzeptualisierungen der Erinnerungskultur umrissen hat. Auch Eric Hobsbawm hat nicht nur mit seinem Buch "Zeitalter der Extreme", sondern auch mit seiner Autobiografie "Gefährliche Zeiten" auf die welthistorisch veränderten Bedingungen von 1989 geantwortet. In Deutschland hat Dan Diner Neuland betreten und eine globalhistorische Perspektive aus osteuropäischer Sicht vorgeschlagen.[5]

Charles Maier beschreibt die Verschiebungen der Erinnerung an die Gräuel des 20. Jahrhunderts, wie sie sich im letzten Jahrzehnt angedeutet und teilweise auch vollzogen haben. Das Signum "1989" hat den Holocaust in gewisser Weise historisiert. Neben die Erinnerung an den Holocaust ist die Notwendigkeit getreten, die Lager der kommunistischen Regime zu erinnern und aufzuarbeiten. Historisch vergangen, so Maier, seien letztlich beide: der Holocaust wie der Gulag, auch wenn sie für die Erinnerung von Menschen ebenso wie die Erinnerungskulturen von Nationen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Die Zukunft gehöre, so Maier, der postkolonialen Erinnerung mit allem Unrecht und allen bis in die Gegenwart hinein spürbaren Verletzungen, die aus dem Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts resultieren und die zunehmend stärker als ethnische Proteste sowohl innerhalb westlicher Gesellschaften als auch auf internationaler Ebene artikuliert werden. Eric Hobsbawm und Dan Diner analysieren, was Letzterer den "Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts" mit "seiner lärmenden Rhetorik widerstreitender Universalien" genannt hat, mithin die Weltentwürfe des liberalen Kapitalismus und des Bolschewismus, jener großen Kontrahenten des Kalten Krieges. Hobsbawm fügt sein persönliches Erleben in das katastrophenreiche 20. Jahrhundert ein, ein Erleben, das den Menschen oft wenig Optionen ließ und ihnen gleichwohl wichtige, nicht zuletzt sehr persönliche Entscheidungen abverlangte.

Schließlich sei noch ein weiterer Autor genannt, der zwei Jahre lang um die Welt gereist ist, um die dramatischen Veränderungen, die sich in unserer Lebenszeit vollziehen, zu verstehen: Manuel Castells hat in seinem faszinierenden dreibändigen Werk "The Information Age" nicht nur die Revolutionierung unserer Kommunikationssysteme beschrieben, sondern auch den Charakter neuer Kriege und die neue, lokale wie globale, Armutsdifferenzierung, die er als "Fourth Worldization" bezeichnet. Seine zwischen 1996 und 1998 entstandenen Bücher sind bemerkenswert, nicht zuletzt im Hinblick auf die Weitsicht, mit der der Autor einige Jahre vor dem 11. September 2001 die weltweite Zunahme terroristischer Angriffe prognostiziert hat.[6]

Diese Arbeiten sind gelungene Versuche, auf die neuen Orientierungsnotwendigkeiten der Gegenwart in einem Zeitalter globaler Verstrickungen Antworten zu finden. Für eine Diskussion um Weltgeschichte oder um globale Perspektiven des historischen Verständnisses im europäischen Kontext bieten sie wertvolle Anknüpfungspunkte, die es weiter zu verfolgen gilt.


Fußnoten

1.
Der Ausdruck stammt von Michael Geyer, World History and General Education: How to Bring the World into the Classroom, in: Hanna Schissler/Yasemin Nohuglu Soysal (Hrsg.), The Nation, Europe, and the World. Textbooks in Transition. New York-Oxford 2005, S. 193 - 210.
2.
Vgl. Peter Novick, That Noble Dream. The "Objectivity Question" and the American Historical Profession, Cambridge 1988.
3.
Ausführlicher dazu: Hanna Schissler, World History. Making Sense of the Present, in: H. Schissler/Y. Nohuglu Soysal (Anm. 1), S. 228 - 245.
4.
Vgl. Ross Dunn, Constructing World History in the Classroom, in: Peter Stearns/Peter Seixas/Sam Wineberg (Hrsg.), Knowing, Teaching and Learning History. National and International Perspectives, New York 2000, S. 122.
5.
Vgl. Charles Maier, Consigning the 20th Century to History: Alternative Narratives for the Modern Era, in: The American Historical Review, 105 (2000), S. 907 - 931; Eric Hobsbawm, Gefährliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, München 2002; Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung, München 1999; ders., Konfliktachsen. Zum historischen Profil des 20. Jahrhunderts, in: ders., Gedächtniszeiten, München 2003, S. 16 - 31.
6.
Manuel Castells, The Information Age: Economy, Society and Culture, 3 Bde., Oxford-New York 1996-1998.