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5.1.2005 | Von:
Hanna Schissler

Weltgeschichte als Geschichte der sich globalisierenden Welt

Konzepte von Welt- bzw. Globalgeschichte

Wenn wir von "Weltgeschichte" sprechen, müssen wir sagen, was wir damit meinen, damit der Annahme vorgebeugt wird, hier handele es sich um eine Anknüpfung an die universalhistorischen Entwürfe der Aufklärung.[7] Mit diesen hat die neue Weltgeschichte wenig gemein. Die europäische Universalgeschichte, deren Prinzipien Friedrich Schiller in seiner Jenaer Antrittsvorlesung "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte" von 1789 dargelegt hat, ging davon aus, dass die Geschichte ein zielgerichteter Prozess sei, der notwendig zur Verbesserung der conditio humana führe. Die Universalgeschichte war eine Art säkularisierter Theologie, ein progressiver, nur aus dem Zeithorizont des 18. Jahrhunderts heraus zu verstehender Ansatz. Ihren Wurzeln in der Aufklärungsphilosophie zufolge hatte die Geschichte Ziel, Auftrag und Richtung. Das Ziel lag in der Verbesserung der Gesellschaft; sie verfolgte die Mission, der Welt die Prinzipien westlicher Kultur und Philosophie nahe zu bringen, davon versprach man sich einen allgemeinen, menschheitsgeschichtlichen Fortschritt. In dieser Konzeption war Europa das unbestrittene und klar definierte Zentrum. Das Verhältnis von Zentrum und Peripherie war für jeden Gebildeten klar definiert, und die Welt präsentierte sich nicht, wie heute, als hoffnungslos dezentriert. Die Frage der agency, nach der Handlungskompetenz in der Geschichte, war ebenfalls eindeutig geklärt: Die Welt bestand aus denkenden, rational handelnden (weißen) Männern, anstatt, wie heute, aus komplex handelnden und unter mannigfachen, sich nicht selten widersprechenden Anforderungen stehenden Menschen, die männlich wie weiblich sein können - von ethnischen Zugehörigkeiten und anderen Differenzmarkierungen ganz zu schweigen.

Diese der Aufklärung verpflichteten Strukturprinzipien lassen sich bis in die Modernisierungstheorien der 1960er Jahre verfolgen, deren entscheidendes Merkmal ihre eurozentrische Ausrichtung war. Die Modernisierungstheorien gingen - am deutlichsten im Stufenmodell von Walt W. Rostow[8] - von einem mehr oder weniger schematischen Modell der Entwicklung aus, das angeblich alle Länder durchlaufen und das notwendigerweise zu Demokratisierung auf der Basis soliden Wirtschaftswachstums führen würde. Bruce Mazlish hat den Unterschied zwischen Modernisierungstheorien und globaler Geschichte so gefasst: "Moderniziation was basically a Western imposition. Globalization, in contrast, is a global process, where a new 'civilization' (...) is being created (for better or for worse) by numerous participants (...)."[9] Die Modernisierungstheorien wurden im Laufe der Zeit von differenzierter angelegten Transformationsmodellen abgelöst sowie von vielfältigen Versuchen, den Prozess der Globalisierung empirisch zu bestimmen.

Zusammengefasst bedeutet das: Was ältere, zumeist in der Aufklärung und in eurozentrischen Weltbildern verankerte welt- oder universalhistorische Entwürfe von den heutigen Bemühungen unterscheidet, sind erstens die Konstruktion des handelnden historischen Subjekts, bzw. handelnder Kollektivsubjekte; zweitens die apodiktische Annahme, dass Europa das Zentrum, der Rest der Welt hingegen die Peripherie sei; und drittens die Vorstellung, dass der historische Prozess mehr oder weniger automatisch auf Fortschritt, Modernisierung, Demokratie sowie eine vernünftige Weltordnung hinauslaufe.

Worin unterscheidet sich die neue Welt- oder Globalgeschichte von den alten universalhistorischen Entwürfen? Die Terminologie ist nicht immer trennscharf, aber viele Autoren machen einen Unterschied zwischen world history und global history. "World history" meint häufig "die ganze Geschichte der ganzen Welt" ("the whole history of the whole world"), eine Form von Weltgeschichte, die Jürgen Osterhammel zu Recht als höhere Form des Wahnsinns bezeichnet hat, die lediglich zu "uninspirierten Datenkollagen" führe.[10] "Global history" konzentriert sich dagegen auf die Beschreibung der Herstellung des Weltzusammenhanges in unterschiedlichen historischen Epochen, also etwa in der Frühen Neuzeit (zu denken ist an Immanuel Wallersteins "Weltsystem"), im 19. Jahrhundert (die Ausbreitung des Kapitalismus und die Kolonisierung), in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der sich herausbildende globale Weltzusammenhang wird von Soziologen unter dem Stichwort "Weltgesellschaft" diskutiert.[11]

In den USA boomt Weltgeschichte. Sie verändert ganze history departments.[12] Ross Dunn unterscheidet zwischen dem "Western Heritage Model", dem "Different Cultures Model" und dem "Patterns of Change Model". Das erste führe in der Regel zu einer "parade of civilizations". Missionarischer Eifer für den American way of life sei ihm eigen. Es ist eng an die "western-civilization"-Kurse angelehnt,[13] ja es stellt einen "western-civ-as-world-history"-Zugang dar, in dessen konzeptionellem Rahmen es dann auch zu dem gefürchteten "clash of civilizations" à la Samuel Huntington kommen kann und wo es darum geht, die einzigartigen universalistischen Werte des Westens gegen andere, vor allem islamische Zivilisationen zu verteidigen und auszubauen. Das "Different Cultures Model" ist aus den sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre hervorgegangen. Es ist kulturrelativistisch und integrativ. In der Praxis führt es dazu, dass auch außerwestliche Kulturen berücksichtigt werden, die als prinzipiell gleichwertig konzipiert werden. Die geheime Agenda dieser Art von Weltgeschichte (oder auch ihr erklärtes Ziel) ist es, quantitativ mehr Informationen über Afrika, Asien und Lateinamerika und prozentual weniger über Europa und die USA zu vermitteln, um auf diese Weise dem unserem Geschichtsbild inhärenten Eurozentrismus zu entgehen. Die dritte Zugangsweise, die Dunn "Patterns of Change Model" nennt, ist diejenige, die gegenwärtig die amerikanische Weltgeschichtsdebatte dominiert und der die Größen der Debatte um Weltgeschichte in den USA angehören: William McNeill, Leften Stavrianos, Philip Curtin, Jerry Bentley, Patrick Manning, C.A. Bayly, Peter Stearns, Carol Gluck, Charles Bright und Michael Geyer. Dieses auch von Ross Dunn favorisierte Modell verfolgt den Gedanken, dass soziale und räumliche Felder des historischen Forschens offen und flexibel, nicht jedoch durch konventionelle kulturelle Kategorien determiniert sein sollen: Das "patterns-of-change-model (...) promotes the idea that social and spatial fields of historical inquiry should be open and fluid, not predetermined by conventionally assumed cultural categories". Das Modell ist offen für Fragen der Intentionalität, agency und Kontingenz in globalen Kontexten.[14]


Fußnoten

7.
Patrick Manning hat die zahlreichen, sich über die Jahrhunderte entwickelnden welthistorischen Ansätze in seinem Buch Navigating World History, New York 2003, beschrieben. Zur europäischen Tradition universalhistorischer Erklärungen vgl. Reinhart Koselleck, Geschichte, in: Otto Brunner u.a. (Hrsg.), Begriffsgeschichtliches Lexikon, Stuttgart 1975, S. 686 - 691: Von der "historia universalis" zur "Weltgeschichte".
8.
Walt W. Rostow, Stadien wirtschaftlichen Wachstums: Eine Alternative zur marxistischen Entwicklungstheorie, Göttingen 19672.
9.
Bruce Mazlish, Crossing Boundaries: Ecumenical World, and Global History, in: Philip Pomper/Richard H. Elphick/Richard T. Vann (Hrsg.), World History. Ideologies, Structures, and Identities, New York 1998, S. 41 - 52, hier: S. 49.
10.
Jürgen Osterhammel, "Höherer Wahnsinn". Universalhistorische Denkstile im 20. Jahrhundert, in: Horst Walter Blanke/Friedrich Jaeger/Thomas Sandkühler (Hrsg.), Dimensionen der Historik. Geschichtstheorie, Wissenschaftsgeschichte und Geschichtskultur heute (Festschrift für Jörn Rüsen), Köln 1998, S. 277 - 286.
11.
Vgl. die Einführung von Theresa Wobbe, Weltgesellschaft, Bielefeld 2000.
12.
Vgl. M. Geyer (Anm. 1).
13.
Siehe hierzu Gilbert Allardyce, The Rise and Fall of the Western Civilization Course, in: The American Historical Review, 87 (1982), S. 695 - 725; Daniel A. Segal, "Western Civ" and the Staging of History in American Higher Education, in: ebd., 105 (2000), S. 770 - 803; Thomas Davis, Starting from Scratch: Shifting from Western Civ to World History, in: Perspectives, (Dezember 1996).
14.
Vgl. R. Dunn (Anm. 4), S. 128 und S. 135.