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5.1.2005 | Von:
Hanna Schissler

Weltgeschichte als Geschichte der sich globalisierenden Welt

Das Erfassen "emergenter" Phänomene

Sicher ist es für Historiker und Historikerinnen richtig zu betonen, dass das, was heute unter dem Schlagwort der Globalisierung abgehandelt wird, nicht unbedingt neu ist, sondern dass es Weltzusammenhänge oder sogar ein "Weltsystem" (Wallerstein) spätestens seit der Frühen Neuzeit gegeben hat. Es gibt aber durchaus Entwicklungen, die tatsächlich neu für das 20. Jahrhundert, präziser: dessen zweite Hälfte, sind und die einen spezifisch neuen Weltzusammenhang konstituieren. Diese Entwicklungen gehen in allgemeinen Weltzusammenhängen, oder, wie Ross Dunn und William McNeill es nennen, "interactive zones", früherer Jahrhunderte nicht auf bzw. können als solche nicht zureichend erfasst werden. Manuel Castells hat eine beeindruckende Liste dessen, was welthistorisch gesehen neu ist, zusammengestellt:[15] - Neu sind Computer, das Internet und die Revolutionierung der Kommunikationstechnologien mit den sich daraus ergebenden Veränderungen von Kommunikationsmustern. Auf mechanischen Schreibmaschinen getippte Briefe betrachten wir heute als rührende Relikte vergangener Zeiten, und die logistischen Vereinfachungen, die das Internet ermöglicht, führen zu einer Multiplizierung der Aufgaben und zu einer enorm anwachsenden Beschleunigung mechanischer wie geistiger Arbeit. - Neu sind auch die sozialen Bewegungen seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, die insbesondere die gesellschaftliche Position von Männern und Frauen sowie ihre Beziehungen zueinander nachhaltig verändert haben. - Neu sind ferner grundlegend veränderte Anforderungen an die Arbeiterschaft (von Richard Sennett eindrucksvoll beschrieben[16]) sowie eine sich dramatisch verändernde Zusammensetzung der Arbeiterschaft. Der Charakter von Arbeit hat sich ebenso gewandelt wie das, was man vereinfachend und im Rückblick als "Normalbiografie" bezeichnen könnte. Das Modell des ausschließlich männlichen Familienernährers verliert zunehmend an Bedeutung, und der Anteil von Frauen und Minoritäten an der erwerbstätigen Bevölkerung hat zumindest in den USA, wo die Trends möglicherweise deutlicher ausgeprägt sind als in Europa, auf dramatische Weise und in bislang ungekannten Ausmaßen zugenommen. Der Trend ist jedoch auch in Europa erkennbar. Insgesamt hat sich die Produktivität von Arbeit erhöht, was dazu führt, dass Arbeit (und daraus folgend: Arbeitseinkommen) weltweit ein immer knapper werdendes Gut wird. - Als Konsequenz gewandelter Arbeitsverhältnisse verändern sich auch die Generationenverhältnisse. Das erleben wir derzeit in Deutschland ebenso wie in anderen europäischen Ländern als Um- und Abbau der Systeme sozialer Sicherung. - Eine Kulturrevolution hat in den letzten drei bis vier Dekaden nicht nur herkömmliche und lange Zeit für unantastbar gehaltene Hierarchien relativiert, sondern sie hat auch neue Formen der Wissensaneignung oder dessen, was als (standardisiertes, kanonisiertes) Wissen gilt, befördert. Das unangefochtene kanonisierte Wissen früherer Generationen gerät zunehmend unter Legitimationszwänge. Daraus folgend haben sich die Erfordernisse im Hinblick auf die Erziehung der nachwachsenden Generationen deutlich verändert. Neue Inhalte wie neue Formen der Wissensaneignung nehmen an Bedeutung zu. - Neu ist auch, dass die transnationale Migration in globalem Ausmaß deutlich zugenommen hat. Dabei finden die stärksten Migrationsbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent statt, nicht in Europa oder in Nordamerika oder Australien. - Neu ist ebenfalls, dass sich der größte Teil der Weltbevölkerung in Metropolen oder mega-cities konzentriert, mit weiter steigender Tendenz. Bis vor kurzem lebte der größte Teil der Menschheit auf dem Lande und in Dörfern. - Neue Formen regionaler wie globaler Ungleichheit nehmen zum Teil dramatisch zu. - Internationale Handelsbeziehungen und globale wirtschaftliche Verknüpfungen sparen keine Weltregion mehr aus. Die Finanzmärkte operieren global, und weltweit herrscht ein zunehmend ungebändigter Kapitalismus. Die Folgen für die Steuerungskapazität von Politik werden deutlich. - Weltweit lässt sich ein Schrumpfen des öffentlichen Sektors und eine (Re-)Privatisierung vormals öffentlicher Funktionen beobachten. Das zeigt sich am Anwachsen privater Bildungseinrichtungen (Schulen, Universitäten) und an der Privatisierung von sozialen Diensten. Selbst Gefängnisse werden in den USA bereits privatisiert, und es gibt weltweit eine stetig wachsende Anzahl moderner Söldner, die der öffentlichen Kontrolle entzogen sind. Wenn das staatliche Monopol legitimer Gewaltanwendung untergraben wird und vormals öffentliche Dienste in private Leistungen überführt werden, führt das zu einer dramatischen Delegitimierung von Politik.

Soweit die Faktoren, die Castells anführt. Auch der Vorstoß ins All, Satelliten in der Stratosphäre, die Nuklearspaltung und daraus folgende Gefährdungen, gegen die Territorialstaaten ihre Bürger nicht schützen können (Atombombe; Tschernobyl), und Umweltprobleme wie Ozonlöcher oder die globale Erwärmung sind historisch Phänomene, die sich nicht mit dem Verweis auf die bereits seit Jahrhunderten zu beobachtende Globalisierung erledigen, sondern die in der Tat historisch gesehen neuartige Phänomene sind.[17] Empirisch werden an den genannten Punkten die Konturen einer sich globalisierenden Welt in der Gegenwart sichtbar. Sie bezeichnen mögliche Themen der zunehmend wichtiger werdenden Welt- oder Globalgeschichte.

Wenn in Deutschland inzwischen von der "einen Welt" gesprochen wird - ein Sprachgebrauch, der die lange Zeit vorherrschenden Vorstellungen von einer Ersten, Zweiten und Dritten Welt abzulösen beginnt -, so ist das als Zeichen einer wachsenden Wahrnehmung der welthistorischen Verknüpfungen und sich daraus ergebender neuer Perspektiven zu begrüßen. In der Vorstellung von der "einen Welt" ist jedoch auch ein Euphemismus enthalten. Ja, wir haben es mit einer zusammenhängenden und sich wechselseitig beeinflussenden Welt zu tun. Aber wir haben es nicht mit einer Welt zu tun, in der die konzeptionell eingebauten Ungleichgewichtigkeiten und Peripherisierungsprozesse des die Welt sich unterwerfenden faktischen und mentalen Eurozentrismus, so wie sie in der Rede von der Ersten, Zweiten und Dritten Welt zum Ausdruck kommt, nun in schöner political correctness durch mehr Einheit und Gleichheit ersetzt würden. Was wir gegenwärtig erleben, ist eine sich refragmentierende Welt entlang von Bruchstellen, für die es nicht nur neue Konzepte zu entwickeln, sondern die es auch empirisch aufzuarbeiten gilt: entlang von Zentren und Peripherien; Bildungschancen und außerordentlich unterschiedlichen Möglichkeiten des Zugangs zu kulturellem Kapital; Alter und Geschlecht; der Wirkungskraft von regionalen wie globalen Kapital-, Waren- und Arbeitsmärkten.[18]

Auch die Position im internationalen Schichtungssystem, auf die Peter Heintz als bedeutsame Wirkungsmacht hingewiesen hat, ist für die Lebens- wie die Zukunftschancen jedes und jeder Einzelnen von großer Bedeutung.[19] Ob man als Europäerin, Amerikanerin oder Afrikanerin geboren wird, ist alles andere als gleichgültig. Über diesen neu sich herausbildenden Weltzusammenhang schreiben Michael Geyer und Charles Bright: "The world we live in has come into its own as an integrated globe, yet it lacks narration and has no history (...). The central challenge of a renewed world history at the end of the 20th century is to narrate the world's past in an age of globality."[20]

Dieser Wandel ist in der Tat gravierend und zum größten Teil noch unverstanden. Ein Spezifikum der Globalisierung ist es beispielsweise, dass diese keine erkennbar politische Form mehr annimmt. Vielmehr unterminieren die Kräfte der Globalisierung vorhandene politische Organisationsformen, etwa durch die Bedeutung von transnationalenKommunikationsnetzwerken, multinationalen Konzernen und Nichtregierungsorganisationen.[21] Die neue Welt- oder Globalgeschichte beschreibt solche Faktoren, die für den Prozess der Globalität heute bestimmend sind. Das können z.B. solche Prozesse sein, unter denen sich neue Nationen zu bilden und Staaten zu etablieren versuchen; oder Umweltprobleme; oder Krankheiten wie AIDS und SARS, für die es keine nationalen Grenzen gibt. Die Auswirkungen der globalisierenden Kräfte auf Staaten, nationale Wirtschaften und auf unser aller Lebenswelten sind enorm, und wir verstehen sie erst in Ansätzen. Dabei habe ich die Wahrnehmungshorizonte, neuen Sinnstiftungen und Imaginationen dessen, was der Weltzusammenhang uns heute nicht nur ermöglicht, sondern zunehmend auch abfordert, noch gar nicht erwähnt. Das kann im Kontext dieses kurzen Artikels auch nicht geschehen.

Hinter all diesen Problemen verbergen sich veritable Forschungsprobleme, die sich nur mehr als globale fassen lassen und die das Containermodell nationaler Geschichten sprengen. Aus seiner profunden Kenntnis welthistorischer Entwicklungen heraus prognostiziert der Historiker William McNeill den Anbruch eines neuen Zeitalters: "I suspect that human affairs are trembling on the verge of a far reaching transformation."[22] Welt- und Globalgeschichte ist ein Versuch, diese Transformationen nicht nur passiv zu erdulden und in eingefahrenen, zu den heutigen Gegebenheiten nicht mehr passenden kognitiven Rahmen zu begreifen, sondern ihnen mithilfe neuer Paradigmen zu Leibe zu rücken, nicht zuletzt deshalb, weil wir ihnen dann weniger hilflos ausgesetzt sind und weniger fatalistisch in die Zukunft blicken müssen.

Man könnte meinen, dass, nachdem die diskursiven Dekonstruktionen die dominante nationale Geschichtserzählung über mehrere Jahrzehnte hin "von unten" - durch die Frauen- und Geschlechtergeschichte, durch die Geschichte des Alltagslebens und einzelner Gruppen, durch Oral History und eine neue Kulturgeschichte - in Frage gestellt und verändert haben, die Welt- und Globalgeschichte das Gleiche nun "von oben" tue. Weltgeschichte markiert jedoch nicht als Ansammlung transnationaler Geschichtserzählungen einfach nur eine neue Ebene oberhalb der nationalen Geschichtsschreibung. Sie ist ein neuartiges, oder, wie die Soziologen dies nennen, "emergentes" Phänomen: "Die Spezifik emergenter Phänomene liegt darin, dass sie mit dem bisherigen theoretischen Wissen nicht hinreichend zu erklären sind."[23] Wenn man Dinge mit vorhandenen Ansätzen nicht mehr zureichend erklären kann, so bedarf es neuer theoretischer wie empirischer Anstrengungen. Die Sichtweise als solche verändert sich.

Die neue Welt- oder Globalgeschichte ist ein Ansatz, der bislang nicht oder nur unzureichend wahrgenommene Phänomene zu beschreiben versucht. Der religiöse Fundamentalismus und die neue Rolle von Religion in der Politik in Teilen der Welt sind ein Beispiel. Wenn wir in Deutschland und Europa von religiösem Fundamentalismus sprechen, so schauen wir in der Regel auf den islamischen Fundamentalismus. Der christliche Fundamentalismus, der die Präsidentschaft von George W. Bush bestimmt hat, kommt uns dabei seltener in den Sinn. Wer weiß schon, dass den amerikanischen Truppen im Irak nicht nur private Söldner, sondern auch christliche Missionare gefolgt sind und dass damit dort ein Modell implementiert wird, das stark an den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts erinnert?

Angesichts der Notwendigkeit, eine globalisierte Welt anders als mit den herkömmlichen Konzepten nationaler Geschichtserzählungen zu beschreiben, weil die Phänomene, die es zu beschreiben gilt, historisch neu sind, es also um neue empirische Tatbestände geht, darf ein Aspekt nicht übersehen werden: Es geht bei den Diskussionen um Weltgeschichte auch um einen Trend zur neuen Synthesebildung. Das ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die Fragmentierung der Geschichtswissenschaft (wie unserer Lebenswelten) in den letzten Jahrzehnten. Tatsächlich ist die Weltgeschichte aus den Dekonstruktionen einer objektivistischen und zumeist auf das Nationale fokussierten Geschichte hervorgegangen, und die Beziehungen zu postkolonialen Ansätzen, aber auch etwa zur Geschlechter- oder Umweltgeschichte sind deutlich vorhanden. Weltgeschichte kann hinter diese Ansätze nicht zurückfallen - sie hatten ja ihren guten Sinn-, sondern sie muss diese in sich aufnehmen und integrieren.


Fußnoten

15.
M. Castells (Anm.6), Bd. 3: End of Millennium, New York 1998, S. 336.
16.
Richard Sennett Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 20007.
17.
Vgl. B. Mazlish (Anm. 9), S. 47.
18.
Vgl. M. Geyer (Anm. 1).
19.
Vgl. Peter Heintz, Die Weltgesellschaft im Spiegel von Ereignissen, Diessenhofen 1982.
20.
Michael Geyer/Charles Bright, World History in a Global Age, in: The American Historical Review, 100 (1995), S. 1034 - 1060, hier: S. 1037.
21.
Vgl. Bruce Mazlish, Die neue Globalgeschichte, in: Zeitschrift für Weltgeschichte, 3 (2002) 1, S. 9 - 22, hier: S. 13.
22.
William McNeill, The Changing Shape of World History, in: P. Pomper u.a. (Anm. 9), S. 21 - 40, hier: S. 40.
23.
Th. Wobbe (Anm. 11), S. 75.