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28.6.2019 | Von:
Jöran Muuß-Merholz

Der große Verstärker. Spaltet die Digitalisierung die Bildungswelt? - Essay

Was sind "digitale Medien"? Zeichnet man ein grundsätzliches, geradezu naives Medienbild, so hilft ein Verständnis, das uns aus der Rede von Tieren vertraut ist. Wir nutzen es, wenn wir über Tiere und ihren Lebensraum sprechen. Wir sagen beispielsweise: "Das Medium des Fisches ist das Wasser." Oder auch: "Das Medium des Regenwurms ist die Erde." Bei einem Menschen, der in einer bestimmten Umgebung gut zurechtkommt, ist eine ähnliche Formulierung gebräuchlich: "Er ist ganz in seinem Element."

Auch in der Biochemie kennen wir ein solches Medienbild, wenn wir von einem "Nährmedium" sprechen, in dem sich beispielsweise Mikroorganismen entwickeln sollen. Alternativ wird für den Begriff "Nährmedium" auch "Nährboden" oder "Substrat" verwendet. Naturwissenschaftler*innen sprechen in diesem Zusammenhang auch von "Milieu" oder "Kulturmedium", was die Nähe zwischen naturwissenschaftlichen und sozialen Verständnissen von Medien deutlich werden lässt. Den Begriffen ist gemeinsam, dass damit der Boden oder eine Umgebung gemeint ist, auf dem und in der etwas geschieht.

Der Pinguin kennt zwei Medien

Beim Pinguin können wir nun ein interessantes Phänomen beobachten. Er führt sein Leben in zwei Medienwelten. Das Medium des Pinguins ist das Wasser, und das Medium des Pinguins ist das Land. Seine Vorfahren hatten vor über 50 Millionen Jahren wohl sogar ein drittes Medium: die Luft. Um den Medienbegriff von diesem Beispiel ausgehend zu abstrahieren, bezeichnen wir das Land als grünes und das Wasser als blaues Medium.[1]

Wir können uns jetzt anschauen, wie der Pinguin in seinen Medien unterwegs ist: Wie bewegt er sich? Wie steht er mit anderen Pinguinen in Kontakt? Wie weit erstreckt sich sein Aktionsradius? Was fällt ihm leicht, was fällt ihm schwer? Viele Unterschiede sind offensichtlich, wenn wir das grüne und das blaue Medium miteinander vergleichen. Wir Menschen lernen gerade digitale Medien kennen, die in vielfacher Hinsicht neu und andersartig sind. Es ist, als hätten wir bisher in einer grünen Medienwelt gelebt und sähen uns nun mit der neuen, der blauen Medienwelt konfrontiert.

Zum Kennenlernen einer Medienwelt gehört, dass wir das Neue und Unbekannte mit dem Alten und Bekannten vergleichen. Wir machen gewissermaßen einen Medienvergleich. Das passiert, wenn wir Eigenschaften der blauen Medienwelt in Abgrenzung zur grünen Medienwelt beschreiben und beispielsweise feststellen, dass man sich in dem einen Medium schneller bewegen kann als im anderen oder dass Raum und Zeit je nach Medium eine unterschiedliche Bedeutung haben.

Solche Vergleiche sind notwendig und unvermeidlich, da unsere Maßstäbe durch die uns bereits bekannte Medienwelt geprägt sind und wir kaum andere haben. Schwierig wird es immer dann, wenn wir etwas nicht nur vergleichen, sondern als besser oder schlechter einstufen wollen. Denn die Medienwelten können nicht immer mit demselben Maßstab gemessen werden. Sie folgen unterschiedlichen Naturgesetzen. Das macht besonders die Rede vom "Mehrwert digitaler Medien" problematisch, die gerade in pädagogischen Kreisen beliebt ist.

Eine zentrale Voraussetzung, um Medienwelten nicht nur vergleichend beschreiben, sondern einen Mehrwert bewerten zu können, ist die Vergleichbarkeit der Bedingungen. Bei Laborexperimenten wird das ermöglicht, indem man die Untersuchung auf eine bestimmte Eigenschaft konzentriert und alle anderen Parameter stabil hält. Es leuchtet unmittelbar ein, dass die zwei Medien des Pinguins so unterschiedlich sind, dass vergleichbare Bedingungen nicht beziehungsweise nur mit unsinnigen Grundannahmen hergestellt werden können. Wollte man beispielsweise die Geschwindigkeit des Pinguins untersuchen, so würde man zwecks gleicher Parameter vorgeben, dass der Pinguin in beiden Medien – also sowohl im Wasser als auch auf dem Land – auf dem Boden laufen muss.

Die grüne Medienwelt und die blaue Medienwelt sind aber ganz unterschiedlich. Man könnte sogar sagen, sie sorgen für unterschiedliche Naturgesetze als Basis und Umgebung unserer Leben. Hier steckt die fehlerhafte Grundannahme, auf der manche vereinfachende Thesen bauen.[2] Sie gehen irrtümlich von einer statischen Welt aus, in der nur ein einzelner Baustein verändert wird, ohne dass diese Veränderung Wechselwirkungen zu anderen Bausteinen hätte.

Vor diesem Hintergrund kann man auch nicht behaupten, dass digitale Medien nur ein Werkzeug für den Unterricht seien. Sie können die Funktion eines Werkzeugs übernehmen, allein ihre Existenz erweitert und verändert aber schon unseren gedanklichen Spielraum. Digitale Medien sind für unser Leben und Lernen also nicht neutral, kein Übertragungskanal zum Ausdruck fertiger Gedanken. Bereits Friedrich Nietzsche merkte in einem Brief an seinen Freund und Mitarbeiter Heinrich Köselitz im Februar 1882, wie die Umstellung von Handschrift auf das Medium der Schreibmaschine seine Texte veränderte: "Sie haben Recht: unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken. Wann werde ich es über meine Finger bringen, einen langen Satz zu drücken!"[3]

Fußnoten

1.
Vgl. Jöran Muuß-Merholz, Die Pinguin-Medienmetapher: Jöran erklärt den Leitmedienwechsel und die Mär vom digitalen Mehrwert, 10.9.2018, http://www.joeran.de/die-pinguin-medienmetapher«.
2.
Vgl. Manfred Spitzer, Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012. Siehe dazu auch Christian Stöcker, Die Methode Spitzer, 11.3.2018, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/-a-1197453.html«.
3.
Friedrich Nietzsche, zit. nach Axel Krommer, Wie ein Common-Sense-Medienbegriff zu pädagogischen Fehlschlüssen führt, 27.8.2018, axelkrommer.com/2018/08/27/wie-ein-common-sense-medienbegriff-zu-paedagogischen-fehlschluessen-fuehrt.
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Autor: Jöran Muuß-Merholz für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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