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28.6.2019 | Von:
Harald Gapski

Mehr als Digitalkompetenz. Bildung und Big Data

Wir leben in Zeiten von Big Data: Seit 2002 gibt es auf der Erde mehr digital als analog gespeicherte Daten und seit 2009 mehr digital vernetzte Dinge als Menschen.[1] Bis 2025 werden laut Prognosen 150 Milliarden Geräte zum Internet der Dinge gehören, und das digitale Datenuniversum, die Gesamtheit aller digitalen Daten, wird eine Größe von 175 Zettabytes erreichen.[2] Würde man diese Datenmenge auf DVDs brennen und sie aufeinanderstapeln, dann reichte dieser Stapel von der Erde bis zum Mond – und zwar 23 Mal. Unsere Gesellschaft befindet sich in einer digitalen Transformation, in der das Zusammenspiel von Mensch, Medientechnologie und sozialer Welt neu austariert wird. Hoch dynamisch und rekursiv entstehen neue soziotechnische Gebilde: Algorithmen, mit denen soziale Entscheidungsprozesse gestützt werden, Netzwerke, in denen nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen kommunizieren. Massenhaft "Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären".[3] Was bedeuten diese Rahmenbedingungen für eine Bildung, die ein kritisch-reflexives Verhältnis zur Welt und zum eigenen Selbst fördern soll?[4]

Verschiedene Begriffe bezeichnen die vielfältigen Fähig- und Fertigkeiten des Einzelnen, sich in einer Welt voller Medien und Informationstechnologien zurechtzufinden und handlungsfähig zu sein; allen voran, und am prominentesten der Begriff der "Medienkompetenz". Mitte der 1990er Jahre und mit der breiter werdenden Internetnutzung begann die öffentliche Konjunktur dieses Begriffes. Es war die Zeit der "Datenautobahn" und des "Computerführerscheins". Ganz im Sinne dieser Metaphorik griff 1998 die langjährige Kulturdezernentin von Frankfurt am Main, Linda Reisch, zentrale Argumentationsfiguren und Dimensionen von Medienkompetenz – von der instrumentellen Handhabung über die medienökologische Kritik bis zum digital detox – auf, indem sie Mediennutzung und Autofahren in eine Analogie zueinander setzte: "Medienkompetenz in einer automobilen Gesellschaft würde für mich bedeuten: zu wissen, was man tut, wenn man Auto fährt, daß man nämlich innerhalb der Zeit X unter bestimmten Umständen vom Punkt A zum Punkt B gelangen kann, und was es kostet – sowohl meinen Geldbeutel als auch die Gesellschaft und die Umwelt. Medienkompetenz bedeutet, daß ich dieses Medium ‚Auto‘ ordentlich fahren kann, daß ich Verkehrsregeln kenne und beachte, daß ich nicht dauernd mit überhöhter Drehzahl fahre und damit übermäßig viel Kraftstoff verbrenne (…), daß ich aber auch weiß, wann ich lieber den Zug, den Bus oder das Fahrrad nehme."[5]

Informationelle Selbstbestimmung

Heute geht es um die Frage, wer "am Steuer sitzt", um die Frage nach der Souveränität in der digitalen Welt. Aber: Der Sinn dieser metaphorischen Redeweise löst sich auf. Das Auto, also das Medium selbst, beginnt, autonom zu werden. Worin besteht die Kompetenz des menschlichen Autofahrers, wenn das "Medium Auto" selbstständig den besten Weg von A nach B findet und die Entscheidungen im Verkehr trifft? Das Auto nicht zu nutzen und das Transportmittel zu wechseln, ist in Zeiten allgegenwärtiger Vernetzung keine Handlungsoption mehr. Zugleich ist die Rede vom "autonomen Auto" zu hinterfragen. Philosophisch könnte man argumentieren, dass ein Auto niemals autonom sein kann, weil es keinen Begriff von Freiheit hat.[6] Das "autonome Auto" ist wie "Künstliche Intelligenz" eine Metapher, ein Medium des Denkens, das unser Verständnis von Technologie lenkt. Es bedarf der Sprache und ihres diskursiven Einsatzes, um Ideologiekritik zu betreiben und Orientierung im Digitalen zu finden.

Verbleiben wir noch im Metaphorischen und zitieren den Ingenieur Gottlieb Daimler mit den ihm zugeschriebenen Worten: "Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren."[7] Die Erfinder von damals konnten sich die disruptiven Technologien mitsamt ihren soziotechnischen Effekten nicht vorstellen. Auch heute gilt, dass sich Anwendungen und Märkte ganz anders entwickeln können als gedacht. Denken wir das digital vernetzte Auto nicht als ein Werkzeug des Transports, sondern als einen mobilen Sensor zur Datafizierung der Welt und des Verhaltens des Menschen, der am Steuer sitzt. Die Frage bleibt: Sitzen wir am Steuer? Haben wir die Kontrolle, etwa über unsere Daten in den sozialen Netzwerken?

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, abgeleitet aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht und der Menschenwürde, formulierte das Bundesverfassungsgericht 1983 in seinem Volkszählungsurteil als "Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu bestimmen". Heute ist zu fragen, ob wir bereits in einer Gesellschaftsordnung leben, "in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß" – also genau in jener Gesellschaftsform, die das Bundesverfassungsgericht bei seiner Entscheidung als "nicht vereinbar" mit diesem Recht ansah.[8]

Trotz Europäischer Datenschutzgrundverordnung ist die Diskussion nicht abgeschlossen. Kritiker wie der Rechtswissenschaftler Winfried Veil halten es für "bestenfalls naiv anzunehmen, der Einzelne habe eine realistische Möglichkeit, die Verarbeitung auf ihn bezogener Informationen zu kontrollieren. Der Kontrollverlust ist nicht nur ein beobachtbares Faktum. Ein erheblicher Teil der Internetnutzer denkt auch gar nicht mehr in den Kategorien des deterministischen Modells von Privatheit, das der Idee der informationellen Selbstbestimmung zugrunde liegt."[9] Dieser Kontrollverlust vollzieht sich, obgleich es einen breiten gesellschaftlichen Konsens über schützenswerte Güter wie Privatheit, Selbstbestimmung und Datenschutz gibt,[10] und mündet in die Frage nach einem möglichen Freiheitsgewinn des Einzelnen.

Medienkompetenz in der digitalisierten Moderne

Die Moderne hat eine nach Funktionen zergliederte Gesellschaft hervorgebracht: ein Wirtschaftssystem operiert mit Geld, ein Politiksystem mit Macht und ein Rechtssystem mit geltendem Recht. Jedes dieser Subsysteme formt und verhandelt jeweils andere Diskurse über Medienkompetenz.

Im wirtschaftlichen Diskurs gilt die Förderung von Medien- beziehungsweise Digitalkompetenzen als Antwort auf den drohenden skills gap. Aktuell besonders gefragt, sind kompetente data scientists. Auf der Nachfrageseite stehen Medien- und Digitalkompetenzen für Akzeptanzfaktoren in einer Digitalwirtschaft. Im politischen Diskurs wird Medienkompetenz als Teil einer Demokratiekompetenz zum Erhalt einer kritischen Öffentlichkeit eingeordnet. Im rechtlichen Diskurs hat Medienkompetenz als Regulierungsfaktor Einzug in die Landesmediengesetze gefunden. Aufrufe zu mehr Selbstverantwortung und Kompetenz in der Mediennutzung können als Effekte medienrechtlicher Steuerungsprobleme gesehen werden. Auch ein technischer Diskurs über die Gestaltung von Mensch-Maschine-Schnittstellen ließe sich abgrenzen. Darin wäre Medienkompetenz nicht einseitig dem Menschen zugewiesen, sondern nur im interaktiven Miteinander von Mensch und Maschine förderbar. Im Bildungsdiskurs wird Medienkompetenz aus der übergreifenden kommunikativen Kompetenz des Menschen hergeleitet, hier stehen Mündigkeit und Ermächtigung eines starken und souveränen Subjekts im Zentrum. Im Mediensystem und in den Massenmedien schließlich beobachtet sich die Gesellschaft selbst. Meldungen über zu wenige Kompetenzen etwa im Umgang mit Fake News oder Algorithmen sorgen für eine stetige Irritation medialer Öffentlichkeiten.

Jede Forderung nach mehr individueller Kompetenz hebt die gesellschaftliche Bedeutung von Medien und Digitaltechnologien hervor und erschafft zugleich Intransparenz in Bezug auf die zu berücksichtigenden soziotechnischen Strukturveränderungen. In ihrer verkürzenden Subjektivierung erzeugt Medienkompetenz den blinden Fleck des erforderlichen sozialen Strukturwandels.[11] Hierin liegt eine Überforderung des Bildungsdiskurses, dessen Fokus notwendigerweise auf dem Subjekt liegt und insofern die soziotechnischen Gestaltungsherausforderungen nicht umfassend einschließen kann.

Die Ausdifferenzierung von Medienkompetenz im Projekt der Moderne bleibt von den Prozessen der Digitalisierung nicht unbeeinflusst, oder, um es in den Worten des Systemtheoretikers Dirk Baecker zu formulieren: "Auf das Projekt der Moderne, die Inklusion der Gesamtbevölkerung in politische, rechtliche, wirtschaftliche, pädagogische und kulturelle Prozesse, folgt das Projekt der Digitalisierung, die Transformation analoger in diskret abzählbare, binär codierte, statistisch auswertbare, maschinell berechenbare Prozesse."[12] Das Projekt der Digitalisierung erzeugt ein neues gesellschaftliches Nervensystem, ein globales Steuerungs- und Kontrollsystem, das vorhandene Informationstechnologien dazu nutzt, menschliches (Sozial-)Verhalten zu erforschen. Mit dem anknüpfenden Programm einer "Social Physics" hofft man, mithilfe von Big Data und einer vorhersagenden und berechnenden Theorie menschlichen Verhaltens bessere Systeme des Zusammenlebens gestalten zu können.[13] Ein Extrembeispiel für die datengetriebene Steuerung gesellschaftlicher Prozesse im Sinne eines neuen Governance-Prinzips ist das Social Credit System in China. Ausprägungen des Projekts der Digitalisierung und eine fortschreitende Quantifizierung des Sozialen diagnostiziert der Soziologe Steffen Mau jedoch auch für die westliche Welt: "Mit der Verfügung über immer mehr Daten begibt sich die Gesellschaft auf den Weg zu einer datengetriebenen Prüf-, Kontroll- und Bewertungsgesellschaft, die nur noch das glaubt, was in Zahlen vorliegt."[14]

Aus diesen Gegenwartsdiagnosen folgen Bildungsansprüche. Bildung in der digitalen Transformation bedeutet, ein reflektiertes Welt- und Selbstverhältnis zu eben diesen politisch und individuell höchst folgenreichen Entwicklungen aufzubauen und Verkürzungen einer allgegenwärtigen Sozialvermessung entgegenzutreten: Nicht nur das Zählen, sondern auch das Erzählen, nicht nur das Messen, sondern auch das Ermessen, das angemessene Urteil und das rechte Maß sind von grundlegender Bedeutung für unser Verhältnis zur Welt und zum eigenen Selbst. Fähigkeiten, dieses kritisch-diskursiv zu denken und in Sprache zu fassen, nehmen eine herausgehobene Stellung im Bündel zukünftiger Bildungsziele ein.

Fußnoten

1.
Vgl. Martin Hilbert/Priscila López, The World's Technological Capacity to Store, Communicate, and Compute Information, in: Science 6025/2011, S. 60–65; Dave Evans, Das Internet der Dinge, April 2011, http://www.cisco.com/web/DE/assets/executives/pdf/Internet_of_Things_IoT_IBSG_0411FINAL.pdf«.
2.
Vgl. David Reinsel/John Gantz/John Rydning, The Digitization of the World, IDC White Paper, November 2018, http://www.seagate.com/files/www-content/our-story/trends/files/idc-seagate-dataage-whitepaper.pdf«, S. 7.
3.
Michael Seemann, Das Neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust, Freiburg/Br. 2014, S. 38.
4.
Dieser Text greift auf Ergebnisse des Gutachtens "Bildung für und über Big Data" im Rahmen des Forschungsprojekts "ABIDA – Assessing Big Data" zurück. Vgl. Harald Gapski/Thomas Tekster/Monika Elias, Bildung für und über Big Data, Marl 2018, http://www.pedocs.de/volltexte/2019/17187«.
5.
Linda Reisch, Wissen ist Macht, in: nfd Information – Wissenschaft und Praxis 49/1998, S. 276.
6.
So etwa in der Argumentation des Digitalen Humanismus von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld oder des Neuen Realismus von Markus Gabriel.
7.
Vgl. Die zehn besten Zitate über Autos, 24.7.2015, http://www.welt.de/motor/news/article144425401«.
8.
Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts 65, 1, 15.12.1983.
9.
Winfried Veil, Die Datenschutz-Grundverordnung: des Kaisers neue Kleider, in: Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht 10/2018, S. 686–696, hier S. 687.
10.
Vgl. Thilo Hagendorff, Das Ende der Informationskontrolle, Bielefeld 2017, S. 225.
11.
Vgl. Harald Gapski, Medienkompetenz, Opladen 2001, S. 224f.
12.
Dirk Baecker, 4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt, Leipzig 2018, S. 9.
13.
Vgl. stellvertretend Social Physics, socialphysics.media.mit.edu.
14.
Steffen Mau, Das metrische Wir, Berlin 2017, S. 46.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Harald Gapski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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