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Indigene Emanzipations-
Bewegungen in Lateinamerika


8.12.2006
Indigene Bewegungen sind in Lateinamerika zu einem wichtigen politischen Akteur geworden. Sie sind vielfach zum Sprachrohr der gesellschaftlich Benachteiligten und Unzufriedenen geworden.

Einleitung



Als in Bolivien im Dezember 2005 ein Indígena mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde, war das in der internationalen Presse Anlass zu erstaunter Berichterstattung. Bisher erfolgen Meldungen über die indigene Bevölkerung in Lateinamerika in der Regel nur, wenn es um Armut oder um Aufstände geht: etwa als die indigene Hochlandbevölkerung in Bolivien 2003 den damaligen Staatspräsidenten zur Flucht und zum Rücktritt zwang oder als 2000 eine breite Volksbewegung unter Anführung des Dachverbandes indigener Völker CONAIE (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador) in Ecuador die Regierung stürzte. Besondere Aufmerksamkeit weckte die Guerillabewegung der Zapatisten, seit sie im mexikanischen Chiapas 1994 mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit trat. Aber bereits seit den 1980er Jahren werden in Lateinamerika indigene Völker als politische Akteure deutlich sichtbar; ihre Organisationen gehören dort seit den 1990er Jahren zu den wichtigsten sozialen Bewegungen.






Die Frage, wie und warum indigene Völker zum neuen historischen Subjekt wurden, erfordert eine Analyse der Veränderungen, die auf verschiedenen Ebenen angesiedelt ist und eine historische Dimension hat. Im Folgenden werde ich diese Dimension nicht vertiefen. Aber immerhin ist darauf hinzuweisen, dass indigene Widerstandsbewegungen seit der kolonialen Eroberung vor 500 Jahren eine lange Tradition haben, was im politischen Bewusstsein der Menschen sehr präsent ist. In den politischen Diskursen der Gegenwart spielt die Bezugnahme darauf eine zentrale Rolle. In diesem Text werde ich mich bei den Beispielen Ecuador und Bolivien auf die letzten Jahrzehnte konzentrieren. Zuvor allerdings wird einigen Grundsatzfragen nachgegangen: Wofür stehen indigene Bewegungen in Lateinamerika? Wen repräsentieren sie? Was hat zu ihrem Erstarken in den letzten Jahrzehnten beigetragen?

Das Panorama



Vor dem Hintergrund extremer gesellschaftlicher Ungleichheit und damit verbundener ungelöster sozialer Konflikte und uneingelöster Erwartungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Gleichstellung, kultureller Anerkennung und Überwindung von Armut und Marginalisierung, hat die Ethnisierung des Politischen in Lateinamerika unaufhörlich zugenommen. Forderungen und Gesellschaftsvisionen, die bis Anfang der 1980er Jahre in der Terminologie des Klassenkampfes erfolgten, werden nun zunehmend mit ethnischen Legitimierungsdiskursen begründet. In diesem Kontext haben die indigenen Bewegungen - zumindest in jenen Ländern, in denen Indígena einen Großteil der Bevölkerung stellen - eine wichtige Rolle übernommen.

Sie gründen eigene politische Parteien, beteiligen sich an regionaler Entwicklungsplanung, stellen Parlamentarier, Bürgermeister, Kreisverwaltungen, Senatoren und derzeit einen Präsidenten. Sie agieren in internationalen Gremien, in denen sie Unterstützung für ihre Forderungen suchen. Und sie haben Reformen von Landesverfassungen und Gesetzen bewirkt. Zu dieser politischen Präsenz und Wirkungskraft indianistischer Diskurse haben nicht zuletzt die internationalen Debatten über Menschenrechte, Rechte von Minderheiten und Anerkennung von kultureller Diversität sowie das damit einhergehende Engagement von internationalen Hilfsorganisationen und Experten beigetragen.

Wer sind die "Indios" oder "Indígena"?



Die Bezeichnungen Indio und Indígena (deutsch: Indianer) entstammen der kolonialen Herrschaftsideologie. Sie sind keine präzise Kennzeichnung für bestimmte Kulturen, sondern charakterisieren vielmehr ein politisches und soziales Konstrukt seitens der europäischen Eroberer, mit dem diese die unterworfenen Völker auf dem Subkontinent rechtlich und ideologisch zu einer Gruppe zusammenfassten und in die strenge Gesellschaftshierarchie einordneten, der eine Aufspaltung zwischen den europäischen Kolonialherrn bzw. ihre Nachfahren einerseits und den Eroberten andererseits zugrunde lag. Der indigenen Landbevölkerung wurde der niedrigste Status zugewiesen.

In den nach der Unabhängigkeit von Spanien bzw. Portugal gegründeten Republiken änderte sich wenig am niedrigen Status der Indios - insbesondere der Landbevölkerung -, auch dort nicht, wo sie im Laufe des 20. Jahrhunderts formal Bürgerrechte erlangten. In der Praxis blieben sie Bürger dritter Klasse. In den meisten Ländern unterlag die Indio-Bevölkerung einem gesonderten rechtlichen Status, der sie auf allen gesellschaftlichen Ebenen benachteiligte. So waren noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in zahlreichen Staaten Analphabeten - und damit ein Großteil der indigenen Landbevölkerung - vom Wahlrecht ausgeschlossen. Auf dem Land gab es kaum Schulen, vielfach unterdrückten Grundherren und Kirche gewaltsam Initiativen der Indios. Zur Legitimierung der Benachteiligung, sozialen Ausgrenzung und Ausbeutung wurde den Indios mit rassistischen Argumenten eine biologische und soziale Minderwertigkeit zugeschrieben. Der Rassismus ist auch in der Gegenwart in den sich "weiß" dünkenden Gesellschaftsschichten nicht vollständig überwunden.

Politischer Gehalt der Begriffe Indio und Indígena



Die Verwendung dieser Begriffe differiert mittlerweile von Staat zu Staat, teilweise auch innerhalb eines Staates. Im Bewusstsein der als Indio bezeichneten Akteure ist der abwertende, rassistische Gehalt des Begriffes fest verankert. Doch während die einen diesen Begriff zum Kampfbegriff ummünzen, sogar Parteien mit dem Zusatz "Partido Indio" gründen, lehnen andere ihn strikt ab. Hier zeigen sich Differenzen, die nicht nur ein Streit um Worte sind. Die indigenen Akteure haben durchaus keine einheitliche politische Position und kein gemeinsames Selbstverständnis. Gleichwohl ist mittlerweile Indígena eine Selbstbezeichnung im politischen Diskurs geworden, die eine doppelte Funktion hat. Sie drückt sowohl die sozialen und kulturellen Gemeinsamkeiten gegenüber europäischstämmigen und mestizischen Machtgruppen aus als auch die Ablehnung des auf Assimilation zielenden Modells eines homogenen Nationalstaats. Die Konstruktion eines neuen politischen Subjekts, das sich als Indígena (z.B. Guatemala, Brasilien), als Pueblo Originario (Ureinwohner, Bolivien) oder Nacionalidad Indígena (Ecuador) bezeichnet, entsteht im Zusammenhang mit spezifischen gesellschaftlichen Prozessen im jeweiligen Land. Der Umstand, dass sich der Begriff Indígena in internationalen Debatten und internationalen Institutionen - Vereinte Nationen, Weltbank, Internationale Arbeitsorganisation etc. - durchgesetzt hat, verstärkt seine Bedeutung in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene.

Kulturelle Verschiedenheit und Identität



Im Alltagsleben hingegen fällt die Selbstdefinition viel komplexer aus. Zum einen existieren in allen Völkern Eigenbezeichnungen. Zum anderen haben über die Jahrhunderte Prozesse der biologischen und kulturellen Vermischung stattgefunden. Wie sich diese Indio-Mestizos ("Indio-Mestizen") gesellschaftlich zuordnen, hängt sowohl davon ab, welche soziale Stellung sie einnehmen, als auch vom Verhalten der europäischstämmigen Bevölkerung und des Staates ihnen gegenüber. Zum dritten werden im Alltagsleben situationsbedingt unterschiedliche soziale Identitäten eines Individuums angesprochen, die im gesellschaftlichen Kontext ein jeweils unterschiedliches Gewicht haben. Diese Situation lässt sich mit dem Konzept multipler Identitäten fassen.[1] Indigena-Sein ist demzufolge ein soziales Konstrukt, welches in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Bedingungen und in der Interaktion mit anderen Identitäten konstruiert wird: der Zugehörigkeit zur ethnischen oder religiösen Gruppe, zu einer sozialen Klasse, zur Herkunftsregion, zum Wohnort, zum Geschlecht und als Bürger oder Bürgerin eines Landes etc. Je nach Kontext werden diese Identitäten vom Individuum gewichtet.

Einige demographische Daten



Der Anteil indigener Bevölkerung in den Ländern Lateinamerikas differiert stark. Das sagt aber wenig über den Grad der Politisierung, Mobilisierung und Organisierung aus. Auch in Ländern mit geringem indigenen Bevölkerungsanteil kann es eine starke indigene Bewegung und Präsenz auf der nationalen oder internationalen politischen Bühne geben - Beispiele sind Costa Rica oder Kolumbien. Doch zweifellos ist der Anteil an der Gesamtbevölkerung eines Landes für den politischen Einfluss bedeutsam.

Die indigene Bevölkerung Lateinamerikas umfasst ca. acht bis zwölf Prozent, das entspricht etwa 40 bis 50 Millionen Menschen. Es gibt über 400 ethnische Gruppen und Völker und 917 gesprochene indigene Sprachen,[2] ein Zeichen der großen kulturellen Vielfalt. Die Anzahl der indigenen Bevölkerung nimmt erkennbar zu. Allerdings sind zahlreiche kleine Gemeinschaften, insbesondere in ökologisch sensiblen Regionen mit wertvollen Naturressourcen, vom Aussterben bedroht, weil ihre Lebensgrundlagen zerstört werden.

Die indigene Bevölkerung mit der größten ethnischen und kulturellen Vielfalt in einem Nationalstaat lebt in Mexiko, wenngleich sie mit 10,9 Millionen prozentual an der Gesamtbevölkerung nur 12,6 Prozent ausmacht (1992, letzte offizielle Schätzungen). Die Länder mit dem stärksten Bevölkerungsanteil sind Bolivien (Zensus 2002: 65 Prozent), Guatemala (Zensus 1994: 48 Prozent) und Ecuador (Zensus 1992: 35,3 Prozent).[3] Im größten Land Lateinamerikas, Brasilien, gibt es zwar 210 indigene Völker, doch leben diese überwiegend in Amazonien und machen nur ein bis eineinhalb Prozent der brasilianischen Bevölkerung aus. Wie auch in Kolumbien und Venezuela handelt es sich um kleinere Gemeinschaften, die noch stark an ihr Habitat (Lebensumfeld) angepasst sind. Das Vordringen von Viehzüchtern, Siedlern und die rücksichtslose Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen externer Akteure bedrohen ihre Lebensräume und damit ihre Existenz als indigene Gemeinschaften.

Forderungen nach Umgestaltung der Gesellschaft



Armut und extreme Armut kennzeichnen die Lebensumstände der Mehrheit der indigenen Völker Lateinamerikas, wie Studien, z.B. der Interamerikanischen Entwicklungsbank, belegen.[4] Das gilt für die städtische, mehr noch für die ländliche Bevölkerung. Armut ist zudem nicht nur am Einkommen zu messen. Sie bedeutet auch mangelnde Schulbildung und Gesundheitsversorgung, weitgehenden Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe an Entscheidungen über Ressourcenverteilung und -nutzung. Die jeweiligen nationalen Gesellschaften haben bisher wenig für die grundlegende, reale Verbesserung der Lebensumstände getan - trotz Rechtsreformen, die mehrere Staaten in den 1980er Jahren zugunsten der indigenen Bevölkerung verabschiedet haben. Im Prozess von Staatsmodernisierung und Dezentralisierung wurden zwar in mehreren Ländern die Selbstverwaltungsstrukturen gestärkt. Gleichwohl zeigte der Aufstand in Bolivien im Oktober 2003, dass sich die indigene Bevölkerung bis dahin weiterhin von maßgeblichen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen fühlte.[5]

In verschiedenen Ländern mobilisieren lokale, regionale und nationale Verbände zu Protestmärschen, organisieren Blockaden von strategischen Straßen oder Besetzungen von Erdöl- bzw. Gasbohrstellen und Staudamm-Großprojekten. Mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen (NROs) klagen sie öffentlich Umweltzerstörungen, die sozialen Folgen von Großprojekten, illegalen Holzschlag oder Biopiraterie sowie die Komplizenschaft staatlicher Institutionen bei solchen Unternehmungen an. Sie fordern Land- und Ernährungssicherheit, Agrarreformen, Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sowie selbstverwaltete Territorien. Die Forderung nach Autonomie im Sinne des Rechts auf eine selbstbestimmte Entwicklung, die auf den eigenen kulturellen Werten basiert ("desarrollo con identidad"), nimmt zu. Das schließt ein eigenes Bildungs-, Rechts- und Gesundheitswesen sowie die ökonomische Entwicklung ein. Dabei berufen sich die indigenen Völker auf die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über "Rechte indigener und in Stämmen lebender Völker", die von 13 lateinamerikanischen Staaten[6] unterzeichnet, aber kaum umgesetzt wurde.

Die Indígena fordern nicht nur menschenwürdige Lebensbedingungen, die Anerkennung ihrer Kulturen sowie angemessene gesellschaftliche und politische Teilhabe. Sie verlangen auch eine tief greifende Demokratisierung der jeweiligen Gesellschaft und darüberhinaus der herrschenden Weltordnung und Abkehr von neoliberalen ökonomischen Strukturen.

Aber der politische Kampf ist nur ein Aktionsfeld - wenn auch ein besonders wichtiges. Im letzten Jahrzehnt hat sich das Spektrum ihrer ganz an den praktischen Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichteten Aktivitäten, die selbständig oder mit Unterstützung externer Partner - Kirchen, NROs oder entwicklungspolitischen Agenturen - durchgeführt werden, immer weiter ausgedehnt. Es reicht von Bildungsprogrammen der zweisprachigen interkulturellen Erziehung, kulturell angepasster Gesundheitsversorgung oder nachhaltiger Landwirtschaft bis hin zu Rechtshilfe, Förderprogrammen, die sich speziell an Frauen richten, oder Projekten zur Pflege des eigenen kulturellen Erbes, wie etwa die Dorfmuseen etc. Es geht stets um zwei Ziele: Zum einen will man das eigene kulturelle Wissen erhalten und in der Gemeinschaft weitergeben, um sich innerhalb der nationalen Gesellschaft der eigenen Wurzeln zu vergewissern und das Selbstbewusstsein - die eigene Identität - zu stärken. Zum anderen geht es um die Organisation von Selbsthilfe. Die Umsetzung dieses zweiten Zieles ist eine Herausforderung an die indigenen Organisationen und variiert sehr stark von Land zu Land und von Region zu Region. In der Regel beschränken sich die Initiativen - insbesondere im Bereich Ökonomie - auf die lokale Ebene. Aber es gibt durchaus auch erfolgreiche Initiativen auf Provinzebene, oftmals angeleitet von indigenen Bürgermeistern.

Ecuador



Wohl in keinem Land Lateinamerikas - außer in Bolivien - ist die indigene Bewegung politisch so stark und gesellschaftlich so breit verankert.[7] Diese Stärke der Bewegung (die politische Konflikte zwischen den einzelnen Organisationen sowie zwischen Basisorganisationen und Dachverbänden nicht ausschließt) hat seit den 1990er Jahren nicht nur zu großen politischen Mobilisierungen gegen Regierungen und neoliberale Wirtschaftspolitik geführt. Sie hat auch maßgeblich zu Gesetzesreformen beigetragen. Gemeinden organisieren den Widerstand gegen die Erdölprojekte und die damit verbundene Zerstörung der Umwelt. Und auf der Ebene von Gemeinden und Provinzen ist eine Vielfalt eigenständiger sozialer Aktivitäten zu beobachten.

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der indigenen Bewegung sind eingeschrieben in eine langjährige und ausgeprägte politische Praxis innerhalb eines zumindest formaldemokratischen Rahmens. Dazu trägt maßgeblich die enge Verbindung zwischen lokalen, regionalen und nationalen indigenen Organisationen bei. Aufbauend auf lokalen und regionalen Organisierungsprozessen seit den 1940er Jahren, bei denen es um die Forderung nach einer Agrarreform und Schulbildung ging, entstanden in den 1980er Jahren Verbände auf nationaler Ebene. Neben dem 1986 gegründeten Dachverband CONAIE, in dem 75 Prozent der Basisorganisationen zusammengeschlossen sind,[8] existiert die evangelikale FEINE und die gewerkschaftlich orientierte FENOCIN. In der CONAIE schlossen sich die drei großen Regionalverbände zusammen: ECUARUNARI, die die quichuasprachigen Völker des Hochlandes repräsentiert sowie die Repräsentanz der amazonischen Völker CONFENIAE und CONAICE, der Zusammenschluss der Küstenvölker.

Das politische Projekt der indigenen Bewegung Ecuadors besteht in einer grundlegenden territorialen Neuordnung des Staatsverbandes, die den konstitutiven Nationalitäten eine eigene territoriale Basis verschafft und darüber hinaus Selbstverwaltung und Autonomie, freien Zugang zu natürlichen Ressourcen und Anerkennung indigener Kulturen und kultureller Praxis beinhaltet. Zudem wird die Veränderung der ökonomischen und politischen Struktur des Staates auf der Grundlage der Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse zugunsten eines kommunitär-ökologischen Wirtschaftsmodells erhoben. Offen bleibt die Frage, wann und wie dieses Projekt umgesetzt werden soll.

In den 1990er Jahren kam es wiederholt zu Aufständen auf nationaler Ebene, die von der indigenen Bewegung angeführt wurden. Der Druck auf die jeweiligen Regierungen ermöglichte die Durchsetzung wichtiger Rechtsforderungen, so die Legalisierung von indigenen selbstverwalteten Territorien, die Anerkennung von Land in kommunalem Besitz und von Kollektivrechten. Die Umsetzung einzelner Maßnahmen der neoliberalen Strukturanpassungsprogramme konnte eine Zeit lang aufgehalten werden.

Angesichts von Parteien, die keineswegs ihre Anliegen berücksichtigten, hatten die indigenen Organisationen lange zum Wahlboykott aufgerufen. 1996 jedoch wurde das eigene Wahlbündnis Movimiento Plurinacional Pachakutik - Nuevo País gegründet. Der unerwartete Zuspruch der Bevölkerung bei einer massiven Kampagne gegen die Privatisierungspläne des staatlichen Sektors, an der sich Gewerkschaften, linke Parteien und die CONAIE beteiligt hatten, beförderte den Plan einer eigenen Partei. Der große Erfolg bei den Wahlen gab dieser Strategie Recht. Der Präsidentschaftskandidat erhielt 21 Prozent der Stimmen, zahlreiche Bürgermeisterämter und Parlamentssitze gingen an Pachakutik. Eine Indígena, die Rechtsanwältin Nina Pacar, wurde Vizepräsidentin des Parlaments.

Diese Entwicklung beruhte darauf, dass sich die indigenen Organisationen über ihre genuinen Forderungen hinaus für weitere gesellschaftliche Themen geöffnet hatten - und dies keineswegs nur aus taktischen Überlegungen, sondern weil neue Konflikte und Themen die Bevölkerungsmehrheit betreffen: Auswirkungen neoliberaler Wirtschaftsmaßnahmen im Rahmen von Strukturanpassung, massive Zunahme von Verarmung, Umweltzerstörung in nie gekanntem Ausmaß sowie Menschenrechtsverletzungen.

Die Erwartungen der Regierenden, durch legalistische Reformen die grundlegenden Gegensätze zwischen Staat und indigenen Völkern zu überwinden und Interessenkonflikte durch die Schaffung von Institutionen oder durch Vereinnahmung von Organisationen bzw. ihrer Führungspersönlichkeiten zu lösen, konnten sich nicht erfüllen. Die Aufstände in den Jahren 1990, 1999, 2000 (in denen sogar eine Regierung zu Fall gebracht wurde) und 2001 in Ecuador richteten sich gegen die Wirtschafts- und Finanzmaßnahmen. Höhepunkt ihres Einflusses und zugleich Zerreißprobe war die Regierungsbeteiligung der Pachakutik 2004. Mit Unterstützung der CONAIE ging Pachakutik ein Bündnis mit dem Präsidentschaftskandidaten Gutierrez ein, einem Vertreter des Militärs, der sich beim Aufstand 2000 auf ihre Seite gestellt hatte. Sein Wahlsieg brachte Pachakutik und CONAIE-Vertretern hohe Staatsämter. Doch sie hatten sich ohne gemeinsames verbindliches Regierungsprogramm an einer Regierung beteiligt, die ihre Erwartungen an eine Politik des Rückzugs aus dem neoliberalen Strukturprogramm in keiner Hinsicht erfüllte. Die Basis der indigenen Bewegung zwang die indigenen Amtsträger zum Ausscheiden aus der Regierung und kritisierte scharf die Politik von Pachakutik und CONAIE. Seitdem sind die Konflikte zwischen Basis und Dachverband nicht überwunden worden und Anlass für grundsätzliche Reflexionen über die Beziehung von Basis, Dachverband und Pachakutik.

Bolivien



Auch Bolivien blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte der indigenen Bewegungen und der Rebellionen zurück.[9] Die Nationale Revolution von 1952, an der sich die indigene Hochlandbevölkerung - Bergleute, Bauern, Arbeiter - maßgeblich beteiligt hatte, stürzte die Oligarchie sowie die damit verbundene Wirtschafts- und Machtordnung und setzte eine Agrarreform durch. Während die in starken marxistisch und trotzkistisch orientierten Gewerkschaften organisierte Bergarbeiterschaft sich sehr bald gegen den reformistischen Kurs der Regierung stellte und die Opposition gegen die Diktaturen zwischen 1964 und 1982 anführte, befreite sich die Landbevölkerung erst schrittweise ab den 1970er Jahren aus der Bevormundung durch den Staat.

Ende der 1960er Jahren entstand die Bewegung Tupac Katari von andinen Bauern und Migrantinnen und Migranten, die sich stark auf ihr kulturelles Erbe bezog. Es ging um die Landfrage, kulturelle Identität und Demokratieforderung. Einflussreich waren indianistische Ideologien sowie marxistische Positionen. Organisatorischer Ausdruck dieser Bewegung sind der in den 1970er Jahren gegründete Dachverband der Bauern und Landarbeiter CSUTCB (Confederación Sindical Unica de Trabajadores Campesinos de Bolivia) sowie zahlreiche indianistische Parteien seit den 1980er Jahren. Viele Aktivisten der Kataristenbewegung beteiligten sich am Kampf gegen die Diktaturen der 1970er undfrühen 1980er Jahre, und die CSUTCB wurde zum wichtigsten Hoffnungsträger der indigenen Bevölkerung.

Mit der Demokratisierung ab 1982 schwächten interne Machtkämpfe den Einfluss der CSUTCB. Aber bis in die Gegenwart bleibt sie eine der wichtigsten Indígena-Organisationen und der Katarismus eine verbindende Idee insbesondere unter den Aymara. Bei den Machtkämpfen innerhalb der CSUTCB geht es sowohl um Rivalitäten zwischen Führungspersonen und Unterstützer-Parteien als auch um die ideologische Vorherrschaft. Zur Debatte stehen unterschiedliche Staatsvorstellungen bzw. das Verhältnis zum bolivianischen Staat. Die Zunahme radikal-indianistischer Strömungen innerhalb der CSUTCB in den 1980er Jahren führte Ende der 1990er Jahre zur zeitweisen Spaltung.

Gesellschaftliche Visionen, politische Programme, eigenständige Parteien und die Konstruktion einer indigenen Identität entstehen vor allem unter indigenen Migranten in den Hochlandstädten, in denen sie sich in indianistischen Zirkeln, Kulturvereinen und Netzwerken der Herkunftsgemeinden organisieren und die kulturellen Identitäten pflegen.

Bei der Betrachtung der gegenwärtigen Bewegung und der an die Regierungsmacht gewählten Partei MAS (Movimiento al Socialismo) des Präsidenten Evo Morales dürfen die Verbindungen zwischen der marxistischen und trotzkistischen Bergarbeiterschaft sowie lokalen Bauernorganisationen, die seit den 1940er Jahren bestehen, nicht übersehen werden. Denn gerade im MAS ist diese Geschichte ideologisch wirksam. Das verbindende Element damals wie heute war die Gegnerschaft zur herrschenden Gesellschaftsordnung, zur Staatsform und der jeweiligen Regierung. Aus Sicht der Linken ging es um die Bekämpfung des kapitalistischen Ausbeutungssystems und die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Indianisten interpretieren die herrschenden Verhältnisse als Ausdruck kolonialer Unterdrückung und Fremdherrschaft der Weißen.

In den 1980er Jahren traten einige indianistische sowie trotzkistische Fraktionen für den bewaffneten Kampf ein. Die kleine Guerillaorganisation EGTK (Ejercito Guerillero Tupac Katari) verdient Beachtung. Mit ihren verbalradikalen und rassistischen Verlautbarungen und ihrer Apologie des bewaffneten Kampfes versuchte die dem EGTK verbundene Fraktion innerhalb der CSUTCB Einfluss zu gewinnen. Alvaro García Linera, heute Vizepräsident, gehörte der EGTK an. Ihr Gründer Felipe Quispe Huanca, Chef der radikal-indianistischen Partei MIP (Movimiento Indígena Pachakutik), war zeitweise Generalsekretär der CSUTCB. Auch wenn die MIP bei den Wahlen 2005 - anders als 2002 - kaum mehr Erfolge erringen konnte, findet ihr Diskurs durchaus weiterhin Anhängerschaft - insbesondere unter jungen Leuten auf dem Hochland.

Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen ideologischen Grundlagen entstand Ende der 1990er Jahre die Forderung nach einer neuen Verfassung zur gesellschaftlichen Neuordnung des Landes. Die Regierung Morales setzte ihr Versprechen, den Rechtsweg für eine Verfassungsgebende Versammlung zu eröffnen, sofort um. Am 2. Juli 2006 fanden dazu die Wahlen statt.

Einen anderen Entwicklungsweg nahm die politische Organisierung der Völker des bolivianischen Tieflands. Diese begann erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre und ist seit 1990 eine politische Kraft, die sich im Dachverband CIDOB organisiert. Ihre Forderungen lauten: Rechtstitel für ihre Territorien, Selbstverwaltung, Schutz vor dem Eindringen von Viehzüchtern und Holzunternehmen in die von indigenen Gemeinden genutzten Gebiete und Sicherung ihrer hergebrachten Lebensformen. Eine Konfrontation mit den ökonomischen Machtgruppen des Landes war damit vorprogrammiert. Die verschiedenen Regierungen versuchten, Konflikte nach beiden Seiten zu vermeiden. So erkannte die Regierung Anfang der 1990er Jahre nach dem Marsch "Für Territorium und Würde" der Völker Ostboliviens zum Regierungssitz La Paz Indígena-Territorien an, allerdings ohne die Umsetzung zu sichern.

Im Unterschied zu den Organisationen des Hochlands sind diejenigen der Tieflandvölker bisher politisch weniger auf Konfrontation zur Regierung gegangen. Ihre Strategien sind Verhandlungen und Beteiligung an politischen Reformen. Seit dem 1994 verabschiedeten Gesetz der Volksbeteiligung existiert eine sehr weitgehende politische Partizipation auf Munizipalebene. Indigene Organisationen und traditionelle Autoritäten erhielten Rechtsstatus und nehmen ihre neuen Rechte wahr.

Mit dem Wahlerfolg von MAS und Evo Morales hat sich die politische Landschaft grundlegend verändert. An dieser Stelle kann keine Analyse dieser neuen Politik erfolgen. Anzumerken sind aber einige grundlegende Aspekte: Nach schweren politischen Turbulenzen im Jahre 2005 waren im Dezember Neuwahlen unumgänglich geworden. Morales und seine Partei MAS konnten über 50 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen - ein noch nie in der Geschichte des Landes erreichtes Wahlergebnis. Erstmals regiert nun ein Aymara-Indígena Bolivien, und die indigene Bevölkerungsmehrheit ist entsprechend im Parlament repräsentiert. Die MAS war in ihren Anfängen die Repräsentation der Coca-Bauern der tropischen Region des Departements Cochabamba; ideologisch und organisatorisch stark von den hierher abgewanderten ehemaligen Bergarbeitern mit ihrer marxistischen und trotzkistischen Tradition beeinflusst. Erst nachdem der Einfluss indianistischer Ideologien in Bolivien immer manifester wurde, integrierte der MAS entsprechende Positionen.

Der Diskurs von Morales verbindet sozialistische und indianistische Ideen, eine stark anti-US-amerikanische, die nationale Souveränität betonende Rhetorik und anti-neoliberale Positionen. Seine Versprechen, die neoliberalen Strukturreformen rückgängig zu machen, eine Rückverstaatlichung der strategischen Betriebe vorzunehmen - insbesondere auch der Erdgasunternehmen -, und der sozialen Frage höchste Priorität zuzuweisen, haben die Wähler honoriert.

Schlussbemerkungen



Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind indigene Bewegungen in Lateinamerika ein nicht zu übergehender politischer Faktor geworden. In Ländern wie Mexico, Guatemala und den Andenstaaten Ecuador, Bolivien und Kolumbien beschränken sich ihre Organisationen nicht mehr allein auf die Interessenvertretung eines sich als Indigene definierenden Teiles des Bevölkerung. Ihr Aktionsradius hat sich zunehmend ausgeweitet. Sie treten als Sprachrohr der Benachteiligten und Unzufriedenen auf, sind in der Lage, soziales Protestpotenzial über die eigenen Reihen hinaus zu mobilisieren. Und sie bauen immer wirkungsvoller ihre Rolle als Bündnispartner jener gesellschaftlichen Kräfte aus, die für grundlegende gesellschaftliche Reformen oder alternative Gesellschaftsformen eintreten.

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Fußnoten

1.
Vgl. Carlos Iván Degregori, Identidad étnica. Movimientos sociales y participación política en el Perú, in: Alberto Adrianzén et. al., Democracia, etnicidad y violencia política en los países andinos, Lima 1993, S. 113 - 136.
2.
Vgl. LASR - Latin American Newsletters, Special Report 2003, Indigenous peoples and power in Latin America, SR-03 - 04/Sept. 2003, S. 2.
3.
Zu den sehr unterschiedlichen Zahlenangaben vgl. Gregor C. Barie, Pueblos indígenas y derechos constitucionales en América Latina: un panorama, Mexico 2003, S. 37 - 46; GTZ (Hrsg.), Indigene Völker in Lateinamerika und Entwicklungszusammenarbeit, Eschborn 2004.
4.
Vgl. Anne Deruyterre, Población indígena y desarrollo sostenible: el papel del Banco Interamericano, Foro de los Américas, 8 de Abril, 1997.
5.
Vgl. Juliana Ströbele-Gregor, Für ein anderes Bolivien - aber für welches? Indigene Völker und Staat in Bolivien, in: Fransziska Bopp/Georg Ismar (Hrsg.), Bolivien - Neue Wege und alte Gegensätze (i.E.).
6.
Argentinien, Bolivien, Brasilien, Costa Rica, Dominikanische Republik, Eucador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, México, Paraguay, Peru, Venezuela.
7.
Vgl. Volkmar Blum, Nation und Gesellschaft im mittleren Andenraum: Exklusion und Inklusion, Rassismus, Ethnizität und Hybridität. Habilitationsschrift am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU Berlin, Berlin 1999; Fernando García, De movimiento social a partido político: el caso del movimiento de unidad plurinacional Pachakutik-Ecuador, Vortragstext, Sao Paolo 2005; Juliana Ströbele-Gregor, Kritische Partizipation oder Konfrontation? Indígena-Organisationen in den Andenländern, in: Sabine Kurtenbach/Mechthilde Minkner-Bünjer/Andreas Steinhauf (Hrsg.), Die Andenregion - neuer Krisenbogen in Lateinamerika, Schriftenreihe des Instituts für Iberoamerika-Kunde, Frankfurt/M. 2004, S. 163 - 188.
8.
Vgl. F. García, ebd.
9.
Der Abschnitt basiert auf der ausführlichen Analyse in: J. Ströbele-Gregor (Anm. 5).