APUZ Dossier Bild

24.11.2006 | Von:
Xuewu Gu

China als Akteur der Weltpolitik

Vormarsch nach Afrika

Eines der interessantesten Phänomene, die mit dem Aufstieg Chinas einhergegangen sind, ist Chinas "Rückkehr" nach Afrika. Die Wiederentdeckung Afrikas fand in einer Zeit statt, in der die Einflüsse anderer Großmächte auf den Kontinent ständig zurückgingen. Diese Konstellation begünstigte die Wahrnehmung Afrikas als ein strategisches Vakuum durch die chinesische Führung. Mit der Wiederentdeckung der weltpolitischen und wirtschaftlichen Bedeutung Afrikas entwickelte sich in Beijing ein starkes Interesse, dem Kontinent mehr politische, wirtschaftliche und diplomatische Ressourcen zu widmen.

Inzwischen hat China fast alle traditionellen Handelspartner Afrikas überholt. Nur gegenüber den Vereinigten Staaten mit einem Handelsvolumen von rund 60 Milliarden US Dollar (2004) musste sich das Land mit einem Handelsvolumen von 43 Milliarden US-Dollar (noch) mit einem unter seiner Ambition stehenden Platz begnügen. Dessen ungeachtet wurde ganz Afrika bereits von chinesischen Waren erobert, auch wenn der Handel mit Afrika nur zwei Prozent des Gesamtaußenhandels Chinas ausmacht. So werden auf fast jedem afrikanischen Markt chinesische Konsumgüter zum Verkauf angeboten. Das Ausmaß der Durchsetzung der chinesischen Konsumgüter in Afrika ist so groß, dass man durchaus von einer Veränderung "der" afrikanischen Lebensart sprechen kann.

So haben etwa chinesische Plastiksandalen Eingang in jedes afrikanische Dorf gefunden und damit das alltägliche Erscheinungsbild des Kontinents auffallend verändert: Dass afrikanische Frauen und Kinder sich keine traditionellen Ledersandalen leisten können und daher barfuß gehen müssen, gehört der Vergangenheit an.[4]

Chinas Griff nach Afrika im 21. Jahrhundert scheint das Ergebnis eines Zusammenspiels von drei Faktoren zu sein: dem spürbaren Rückgang des westlichen Einflusses auf Afrika südlich der Sahara nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes; dem Scheitern des afrikanischen Modernisierungsprojektes, das auch mit massiven Entwicklungshilfen aus den USA, Europa und Japan bis heute nicht zum Erfolg geführt werden konnte; und dem Aufstieg der Volksrepublik China zu einem der führenden Industriestaaten.

Das Reich der Mitte hat ein starkes Interesse, den afrikanischen Kontinent nach chinesischer Art und Weise zu industrialisieren und zu modernisieren. Aber der Westen scheint noch nicht dazu bereit, diese Führungsrolle den Chinesen zu überlassen. Welche Parteien sich am Ende durchsetzen können, wird wahrscheinlich von den Einstellungen der Afrikaner selber abhängen. China hat im Augenblick einen guten Ausgangspunkt, muss aber einen Weg finden, um nicht nur das Wohlwollen der Afrikaner, sondern auch die Zustimmung des Westens zu erreichen. Diesen Weg zu finden, wird aber lange dauern.

Fußnoten

4.
Einwohner des westafrikanischen Inselstaats Kap Verde bestätigen aus eigenen Erfahrungen die Veränderungen ihres Lebensstandards durch das Eindringen der chinesischen Konsumgüter: "Jetzt könnten es sich alle Eltern leisten, ihren Kindern Weihnachtsgeschenke zu kaufen." Heidi Ostbo Haugen/Jorgen Carling: Sie wagen und gewinnen. Chinesische Händler in Afrika, in: Der Überblick, Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit, (2005), 4 S. 21.