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24.11.2006 | Von:
Bernhard Seliger

Die neue politische Ökonomie Ostasiens und die Rolle Chinas

Chinas Rolle in der ökonomischen Integration Südostasiens

Die chinesischen Beziehungen zu Südostasien sind durch historische, politische, kulturelle sowie ökonomische Komplexität gekennzeichnet. Traditionell war China kulturell als Ursprungsland des Konfuzianismus, politisch als Zentrum des asiatischen Kosmos sowie ökonomisch in Teilen Südostasiens dominierend. Chinesische Händlernetzwerke spielten teilweise seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle für den Handel in der Region, und in den vergangenen Jahrzehnten waren diese ein wichtiger Faktor für die Integration im Rahmen der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN). Derzeit leben etwa 30 bis 40 Millionen ethnische Chinesen in den ASEAN-Staaten. Auch wenn ihr Anteil an der Bevölkerung oft nur gering ist, kontrollieren sie einen Großteil des Außenhandels der ASEAN-Staaten. Während der Asienkrise hat dies vor allem in Indonesien, zum Teil auch in Malaysia und Thailand, zu ethnischen Konflikten geführt. In den Zeiten des Kalten Krieges war die Rolle Chinas in Südostasien durch die Rivalität mit den USA und die Unterstützung diverser kommunistischer Rebellengruppen gekennzeichnet. Die Gründung der ASEAN im Jahr 1967 richtete sich explizit gegen solche Aktivitäten, so dass die Beziehungen zu China auch nach den Änderungen in Chinas Wirtschaftssystem zunächst kühl blieben. Territoriale Konflikte (um die Spratly-Inseln und vor allem damit verbundene Öl- und Gasvorkommen) erschwerten die Beziehungen zu Vietnam, den Philippinen und Japan sowie Taiwan zusätzlich.

Während der Asienkrise von 1997 und 1998 bewahrheiteten sich Befürchtungen, China werde dem Beispiel der südostasiatischen Länder folgen und seine Währung abwerten, nicht. Dies hätte sicherlich zu einer neuen Runde kompetitiver Abwertungen geführt. Zwar blieb China gegenüber regionalen Initiativen wie der Miyazawa-Initiative zur Gründung eines Asian Monetary Fund skeptisch, aber ein erster Schritt zur Akzeptanz einer regionalen Verantwortung war getan, bedingt durch den Willen der chinesischen Bürokratie, das Verhältnis zu den südostasiatischen Nachbarn zu verbessern - und die Chancen für einen WTO-Beitritt Chinas zu erhöhen.[2]

Nach der Asienkrise wurden die chinesichen Wirtschaftsbeziehungen zu den südostasiatischen Staaten deutlich enger. Dies war einerseits ein Ergebnis der gelungenen Transformation Chinas. Die wirtschaftlich erfolgreiche Küstenregion brachte steigende Löhne und damit auch eine Verlagerung arbeitsintensiver Produktion mit sich. Diese erfolgte zumeist nicht innerhalb Chinas, da der wenig entwickelte Westen des Landes keine guten Voraussetzungen für stabile Produktionsbeziehungen - etwa in Form ausreichender Infrastruktur - bot, sondern in die angrenzenden Länder Südostasiens. Auch als Rohstofflieferanten für Chinas boomende Wirtschaft gewannen die Länder Südostasiens an Wichtigkeit.

Auch politisch wandelte sich das Verhältnis Chinas zu den Nachbarn: Die territorialen Konflikte mit diesen (Spratly-Inseln) bleiben zwar bestehen, aber wie die Nachbarn bemühte sich China, diese nicht eskalieren zu lassen. Das Land akzeptierte die ASEAN-Erklärung von 1992 für eine friedliche Lösung des Konflikts in der südchinesischen See; im Jahr 2002 wurde diese durch eine gemeinsame China-ASEAN-Erklärung zum Verhalten der betroffenen Staaten im Konflikt ergänzt. Seit 2005 gibt es gemeinsame Forschungsprojekte Chinas mit Vietnam und den Philippinen zu den Erdölvorkommen in der Region, die in gemeinsamer Ausbeutung oder in der friedlichen Aufteilung der Vorkommen münden könnten. Verschiedene Formen der Diplomatie, wie vor allem das ASEAN Regional Forum als sicherheitspolitisches Forum, aber auch nichtoffizielle Kontakte, etwa im Rahmen der zweimal jährlich stattfindenden International Conference of Asian Political Parties, ermöglichten dies. Die Beziehungen Chinas zu Südostasien waren und sind von der Ungleichheit der Partner in Bezug auf Größe sowie militärisches und wirtschaftliches Gewicht gekennzeichnet, weshalb vertrauensbildende Maßnahmen ein wichtiger Teil von Chinas Beziehungen zu den Nachbarn sind. Eine regelrechte Charmeoffensive seit Ende der neunziger Jahre führte zu verstärkten kulturellen und politischen Kontakten mit der ASEAN.

Die stärkere wirtschaftliche Verflechtung mit Südostasien führte auch zu einer aktiveren Außenwirtschaftspolitik Chinas in der Region. Die größere Einbindung Chinas in die regionale Arbeitsteilung hatte einerseits eine größere Interdependenz der beteiligten Volkswirtschaften zur Folge, was Chinas Interesse an der wirtschaftlichen Stabilität seiner Nachbarn erhöhte. Andererseits störten dadurch bestehende Handelsschranken und bürokratische Hemmnisse mehr, so dass Chinas Interesse an regionalem Freihandel konstant wuchs. War die Mitgliedschaft in der Asia Pacific Economic Cooperation (APEC) eher ein Teil der Strategie der Einbindung in den weltweiten Handel mit dem nun erreichten Ziel der WTO-Mitgliedschaft, so ist die regionale Kooperation eine deutliche Abkehr von dieser Strategie. Der APEC-Zusammenarbeit wird deutlich weniger Gewicht beigemessen als der Zusammenarbeit in den neuen Kooperationsformen, vor allem "ASEAN plus drei" (China, Japan, Korea), die zum ersten Mal im November 2001 in Brunei ein Gipfeltreffen abhielten und sich seitdem jährlich treffen. Im Dezember 2005 wurde auf dem Gipfeltreffen in Kuala Lumpur die Gründung einer ostasiatischen Gemeinschaft im Prinzip beschlossen, ohne dass jedoch der institutionelle Rahmen für diese Zusammenarbeit genauer festgelegt worden wäre. Im Jahr 2003 schloss China mit den ASEAN-Staaten einen Freundschafts- und Kooperationsvertrag, und im November 2004 wurde im Grundsatz die Errichtung einer China-ASEAN-Freihandelszone (ACFTA) bis 2010 festgeschrieben. Dies war insofern ein chinesischer Erfolg, als auch Japan und Südkorea stark an einem solchen Freihandelsabkommen interessiert waren. Die ASEAN-Staaten haben zunächst die Bedenken gegen die chinesische Dominanz in einem solchen Bündnis zurückgestellt, allerdings auch den Weg für Freihandelsabkommen mit den anderen nordostasiatischen Ländern und mit den USA freigehalten.

Neben der Integration Chinas in regionale und internationale Wirtschaftsräume spielt in Südostasien traditionell auch die subregionale Integration eine große Rolle. Sie eröffnet die Möglichkeit, unter Umgehung politischer Konflikte zu pragmatischen Lösungen für grenzüberschreitende Wirtschaftskooperation zu gelangen. Zunächst war dies vor allem im Verhältnis zu Taiwan - in den Augen Chinas eine abtrünnige Provinz - und zu Hong Kong mit seinem kapitalistischen Wirtschaftssystem wichtig: die beiden Hauptquellen für Direktinvestitionen in den chinesischen Sonderwirtschaftszonen in den achtziger und neunziger Jahren.

Aber auch im Verhältnis zu Südostasien kam wegen der schon erwähnten chinesischen Minderheiten und der starken chinesischen Repräsentanz gerade in den Grenzgebieten, etwa in Burma, der subregionalen Integration eine besondere Rolle zu. Im Jahr 1992 wurde mit Unterstützung der Asian Development Bank der Mekong-Wirtschaftsraum zwischen China, Myanmar, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam begründet. Im Rahmen der Greater Mekong Subregion konnten zwar nicht alle regionalen Konflikte ausgeräumt werden - beispielsweise weigerte sich China, durch Beitritt zur Mekong River Commission den Nachbarn am unteren Mekong Mitbestimmungsrechte über seine Dammbauprojekte am Oberlauf des Flusses zu geben -, aber es stellt doch ein neues Forum für die friedliche Zusammenarbeit im Grenzraum dar. Dies ist gerade angesichts der Dominanz chinesischer Händler entlang der Grenze Chinas zu seinen südostasiatischen Nachbarn eine wichtige zusätzliche Form des Interessenausgleichs, der teilweise auch durch bilaterale Wirtschaftshilfen oder Militärhilfe wie im Falle Kambodschas funktioniert.

Die Voraussetzungen für die ökonomische Integration Südostasiens waren, verglichen mit denen in Westeuropa seit den fünfziger Jahren, wesentlich schlechter: Während sich die westeuropäischen Integrationspartner durch relativ große wirtschaftliche Homogenität auszeichneten, war dies in Südostasien nicht der Fall. In Westeuropa war in den fünfziger Jahren nur eine Region, nämlich das italienische Mezzogiorno (Süditalien), nicht industrialisiert; demgegenüber besteht Südostasien seit den Anfängen der ASEAN-Integration aus Ländern mit völlig unterschiedlichem Entwicklungsstand - von den Handelszentren Singapur und Hong Kong bis hin zu den großen, kaum menschlich erschlossenen Gebieten Indonesiens und später, bei der Erweiterung um die ehemaligen indochinesischen Staaten, um Gebiete, die zu den ärmsten Ländern weltweit gehörten.

Auch die politischen Systeme waren durch große Heterogenität gekennzeichnet. Das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, typisch für die ASEAN-Integration, war eine Folge dieser Unterschiede. Es ermöglichte später auch die Integration Vietnams und die Akzeptierung Chinas mitihren Einparteiensystemen. Eine weitere Folge war die besondere Bedeutung der informellen, subregionalen Integration. Verbindend waren in Südostasien die gemeinsame Perzeption einer Bedrohung durch den Kommunismus sowie - später - die gemeinsamen Erfahrungen der wirtschaftlichen Entwicklung, die Bedeutung japanischer Direktinvestitionen in den achtziger Jahren und die schon erwähnten chinesischen Minderheiten. Natürlich ist eine solche Konstellation nicht statisch, sondern veränderbar. Dementsprechend war auch die Schaffung einer südostasiatischen Identität ("think ASEAN") eines der Ziele bei der Gründung der ASEAN, das bis heute verfolgt wird. Die Einbeziehung Chinas in eine gemeinsame südostasiatische Identität, die eine Voraussetzung für den Erfolg auch wirtschaftlicher Integration darstellt, ist dementsprechend schwer, aber nicht unmöglich.

Fußnoten

2.
Vgl. Leong H. Liew, The Role of China's Bureaucracy in its No-Devaluation Policy during the Asian Financial Crisis, Japanese Journal of Political Science, 4 (2003), S. 61 - 76.