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24.11.2006 | Von:
Heinrich Kreft

China - Die soziale Kehrseite des Aufstiegs

"Hukou-System" und Landflucht

Nahezu 50 Jahre lang war das so genannte Haushaltsregistrierungssystem eine Besonderheit der chinesischen Gesellschaft - mit enormen gesellschaftlichen Auswirkungen. Das System unterscheidet zwischen städtischen und ländlichen Bewohnern wie auch zwischen landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen hukou. Danach ist es Bauern untersagt, ohne behördliche Genehmigung vom Land in die Stadt zu ziehen. Damit sollte die Landflucht verhindert und die Situation der Städte stabilisiert werden. Mitte der achtziger Jahre lockerte der Staat diese Verfügung und erlaubte den zeitweiligen Aufenthalt ländlicher Arbeitskräfte in den Städten.

Es wird geschätzt, dass derzeit bis zu 150 Millionen Landbewohner, das heißt 23 Prozent aller ländlichen Arbeitskräfte, in den Städten tätig sind. Durch ihren Geldtransfer tragen diese Wanderarbeiter in beträchtlichem Maße zum Armutsabbau auf dem Lande bei. Wanderarbeiter arbeiten und leben im Vergleich zu ihren städtischen Kollegen in prekären Verhältnissen. Ihre Arbeitswoche hat in der Regel sieben Tage und ihr Arbeitstag bis zu 12 Stunden, und das bei niedrigen Löhnen und sonstigen Leistungen sowie defizitärem Arbeitsschutz. Zudem sind ihre Familien, soweit sie mit in die Städte gezogen sind, aufgrund ihres nach wie vor problematischen Aufenthaltsstatus weitgehend von Bildungschancen ausgeschlossen. Auch wenn esin China - zum Teil aufgrund rabiater behördlicher Räumungsmethoden - keine Slums gibt, ist das soziale Gefälle in den Städten augenfällig.[5]

Als Folge der Landflucht hat sich der Urbanisierungsgrad von etwa 20 Prozent Anfang der achtziger Jahre innerhalb von nur zwei Jahrzehnten verdoppelt. Die Regierung versuchte - mit allerdings nur mäßigem Erfolg -, mittels einer dezentralen Urbanisierungsstrategie mittelgroße Städte auf dem Lande zu schaffen, um so den zu groß werdenden Migrationsdruck auf die großen Ballungsräume an der Ostküste zu senken. Die Weltbank geht davon aus, dass bis 2020 weitere 300 Millionen Bauern in die Städte abwandern werden.

Fußnoten

5.
Vgl. Björn Alpermann, Chinas Problem bei der wirtschaftlichen Modernisierung, in: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik 107 (2006) 1, S. 56-61, hier: S. 58.