Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Hendrik Fischer
Niklas Reinke
Patrick Wette

Geschichte und Zukunft der Raumfahrt aus deutscher Perspektive

Raumfahrt ist ein vielgestaltiges Phänomen: Utopie, Quell des Enthusiasmus ehrgeiziger Ingenieure, Prestigeobjekt im Wettstreit um die technologische Vorherrschaft, Mittel der internationalen Politik, Werkzeug für die Wissenschaft, Datenquelle für die Gesellschaft, taktische Fähigkeit für das Militär und inzwischen auch unternehmerisches Geschäftsfeld. Eine Utopie war die Raumfahrt, seit Menschen davon träumten, die Erde verlassen zu können. Die anderen Dimensionen traten ab Beginn des 20. Jahrhunderts mit zunehmenden technologischen Möglichkeiten hinzu. Dabei wurden ihre maßgeblichen Zäsuren nicht selten auch menschheitsgeschichtliche.

Die Utopie wurde Wirklichkeit, als die Menschheit mit der ersten Rakete, dem Aggregat 4 (A4), am 3. Oktober 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, erstmals die Grenze zum Weltall durchstieß.[1] Der dem Zweiten Weltkrieg folgende Kalte Krieg ging einher mit dem sogenannten space race, dem Wettstreit der USA und der UdSSR um technologische Vorherrschaft. In dessen Verlauf gelangte der erste vom Menschen geschaffene Satellit, Sputnik 1, am 4. Oktober 1957 in den Erdorbit, Juri Gagarin am 12. April 1961 als erster Mensch ins All sowie Neil Armstrong und Edwin Aldrin am 20. Juli 1969 als erste Menschen auf den Mond.[2]

Raumfahrt folgte von Beginn an auch praktischen Zwecken, der Wissenschaft – Raumsonden dienen der Erforschung des Weltalls, Raumstationen als Labors in Schwerelosigkeit – oder mit Blick auf Aufklärungs- und Wetter-, später auch Klima- und Navigationssatelliten hoheitlichen Aufgaben. Dass die Raumfahrt daneben bereits eine ökonomische Dimension besaß, zeigte der 6. April 1965, als der auch "Early Bird" genannte Satellit Intelsat I als erster kommerziell genutzter geostationärer Kommunikationssatellit von Cape Canaveral aus ins All startete. Satellitenkommunikation und -fernsehen wurden Teil des Alltags vieler Menschen. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde das bislang komplexeste internationale Kooperationsprojekt möglich: der Bau der Internationalen Raumstation ISS, die seit 1998 die Erde umkreist. Inzwischen entwickelt sich die Raumfahrt auch zu einem dynamischen kommerziellen Markt. Damit einher geht der auch hier spürbare Globalisierungstrend: Waren es 2000 noch weniger als 30 Staaten, die in Raumfahrt investierten, waren es 2016 bereits über 70 – mit weiter steigender Tendenz.[3]

Raumfahrt ist heute allgegenwärtig und aus der modernen Zivilisation nicht mehr wegzudenken. Der vorliegende Artikel zeichnet aus deutscher Perspektive nach, wie es dazu kam, wie Raumfahrt ausgehend von einer Utopie im 20. Jahrhundert immer facettenreicher wurde, welcher ihr aktueller Stellenwert ist und welche Zukunftsvisionen sich heute mit ihr verbinden.

Raumfahrt als Utopie

Der Aufbruch von unserer Erde ist ein uralter Menschheitstraum. Schon im zweiten Jahrhundert schilderte der griechische Satiriker Lukian von Samosata in seiner "Vera Historia" eine aberwitzige Reise zum Mond und zur Sonne, vorbei an den Plejaden, und erwähnte dabei eine Kolonie auf dem Morgenstern. Für einen Bezug zur Realität sorgten die Naturwissenschaftler der frühen Neuzeit: Nikolaus Kopernikus setzte die Sonne in den Mittelpunkt des Universums, und Johannes Kepler brachte mit seinen drei Gesetzen der Planetenbewegung mathematische Gesetzmäßigkeiten in die Astronomie. Galileo Galilei schließlich entdeckte dank seines fortentwickelten Fernrohrs als Erster die bergige Natur des Mondes und die vier größten Monde des Jupiters. Zum Ende des 19. Jahrhunderts mehrten sich Veröffentlichungen, die als Science-Fiction künftig mögliche Ereignisse beschrieben. Eines der bekanntesten Beispiele ist Jules Vernes Roman "Von der Erde zum Mond", die Beschreibung einer Reise zum Mond in einem Kanonenprojektil.

Die Realisierung der Utopie Raumfahrt begann 1923 mit einer Doktorarbeit: Der Physiker Hermann Oberth stellte in seinem Buch "Die Rakete zu den Planetenräumen" wissenschaftlich dar, dass eine Rakete geeignet wäre, den Menschen in den Weltraum zu tragen. Oberths intellektuelle Kühnheit und das Gespür für öffentlichkeitswirksame Aktionen des Astronomen Max Valier fielen im Klima der jungen Weimarer Republik auf fruchtbaren Boden. Hier gewann der Raumfahrtgedanke mehr Kraft als zeitgleich in der Sowjetunion und den USA rund um die dortigen Pioniere Konstantin Ziolkowski und Robert Goddard.[4] Valier verlieh durch Artikel, Bücher und Reden sowie begeisterungsschürende öffentliche Raketenversuche Oberths Ideen einen praktischen Anstrich. So experimentierte er etwa 1928 gemeinsam mit dem fortschrittsbegeisterten Unternehmer Fritz von Opel mit Raketenautomobilen. Mitte 1927 gründete der Ingenieur Johannes Winkler den "Verein für Raumschiffahrt", der viele prominente Persönlichkeiten für sich gewinnen konnte.

Einen Höhepunkt erreichte die Raketenbegeisterung 1929 mit Fritz Langs utopischem Film "Frau im Mond". Um die Spannung beim Start seiner Mondrakete zu steigern, erfand Lang dafür den Countdown, der bis heute die realen Raketenstarts begleitet. Als Gegenleistung für seine technische Beratung bei der Produktion des Films konnte Oberth die Universum Film AG (UFA) in Berlin dazu bewegen, einen Teil seiner Forschung zu finanzieren. In dieser Zeit stießen auch der Ingenieur Klaus Riedel und der Maschinenbaustudent Wernher von Braun zu Oberths Team. 1930 mieteten die Raketenenthusiasten für ihre Versuche einen alten Schießplatz in Reinickendorf, der als "Berliner Raketenflugplatz" in die Geschichte eingehen sollte.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Niklas Reinke, Geschichte der deutschen Raumfahrtpolitik, München 2004, S. 27ff.
2.
Vgl. z.B. Werner Buedeler, Geschichte der Raumfahrt, Künzelsau u.a. 1979, S. 340, S. 416, S. 438.
3.
Vgl. Euroconsult (Hrsg.), Government Space Programs: Benchmarks, Profiles & Forecasts to 2026, Paris 2017, S. 10.
4.
Zur Sowjetunion siehe auch den Beitrag von Julia Richers in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
5.
Vgl. Buedeler (Anm. 2), 202ff.
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Autoren: Hendrik Fischer, Niklas Reinke, Patrick Wette für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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