Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Julia Richers

Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion

Frisch ins Amt gewählt, hielt US-Präsident John F. Kennedy am 25. Mai 1961 eine alarmierende Rede vor beiden Häusern des Kongresses in Washington. Sie war angekündigt als "Special Message to the Congress on Urgent National Needs" und begann mit den Worten: "These are extraordinary times. And we face an extraordinary challenge. (…) The adversaries of freedom plan to consolidate their territory – to exploit, to control, and finally to destroy the hopes of the world’s newest nations (…). It is a contest of will and purpose as well as force and violence – a battle for minds and souls as well as lives and territory."[1] Seine Wortwahl war an Dramatik kaum zu überbieten, doch worauf bezog sich Kennedy?

Im Zentrum seiner emotionalen Rede standen der Kalte Krieg und die Sowjetunion, von denen Letztere mit ihren bahnbrechenden Erfolgen in der Raumfahrt, aber auch in weiteren Bereichen der Wissenschaft und Technik, die Weltgemeinschaft seit Ende der 1950er Jahre in Staunen versetzt hatte. Gerade in der Systemkonfrontation, dem erbitterten Kampf um das "bessere" Gesellschaftssystem, und im damals anlaufenden Prozess der Dekolonisierung vermochte die UdSSR mit ihren beeindruckenden Leistungen viele junge Staaten des globalen Südens für sich und das kommunistische Gesellschaftsmodell zu begeistern.[2] Dieser "kommunistischen Flutwelle", die sich langsam über den Globus ausbreite, müssten die Vereinigten Staaten als Verteidiger der Demokratie und Freiheit dringend Einhalt gebieten, so Kennedy. Neben Ausführungen zu geplanten propagandistischen, wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen nahm ein Projekt einen hervorgehobenen Rang in Kennedys Rede ein: die Raumfahrt. Er beschwor den Kongress: "If we are to win the battle that is now going on around the world between freedom and tyranny, the dramatic achievements in space which occurred in recent weeks should have made clear to us all, as did the Sputnik in 1957, the impact of this adventure on the minds of men everywhere, who are attempting to make a determination of which road they should take. (…) Now it is time (…) for this nation to take a clearly leading role in space achievement, which in many ways may hold the key to our future on Earth."[3]

Die Eroberung des Weltalls wurde als entscheidend für die Gegenwart und Zukunft der Menschheit dargestellt und der Kalte Krieg kurzerhand zu einem "Ersatzkrieg im Weltraum".[4] Auf die zitierten Ausführungen folgte Kennedys berühmte Ankündigung, innerhalb einer Dekade einen US-Amerikaner auf den Mond zu schicken und ihn unversehrt wieder zurückzubringen. Die Dramatik der Rede hatte ihre Ursache also in den welthistorischen Raumfahrterfolgen der Sowjetunion, die das eigene US-amerikanische Selbstverständnis als global führende Techniknation, aber auch als Weltmacht, in seinen Grundfesten erschüttert hatten.

Fußnoten

1.
John F. Kennedy, Special Message to the Congress on Urgent National Needs, 25.5.1961, in: Public Papers of the Presidents of the United States: John F. Kennedy, Containing the Public Messages, Speeches, and Statements of the President, January 20 to December 31, 1961, Washington, D.C. 1962, S. 396–406, hier S. 396.
2.
Vgl. Tobias Rupprecht, Soviet Internationalism after Stalin. Interaction and Exchange between the USSR and Latin America during the Cold War, Cambridge 2015.
3.
Kennedy (Anm. 1), S. 403.
4.
Karsten Werth, Ersatzkrieg im Weltraum. Das US-Raumfahrtprogramm in der Öffentlichkeit der 1960er Jahre, Frankfurt/M.–New York 2006.
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Autor: Julia Richers für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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