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Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Alexander C.T. Geppert

Phantasie, Projekt, Produkt. Astrokultur und der Weltraum des 20. Jahrhunderts

Wie jede oberflächlich erforschte Geschichte ist auch die des Weltraums, der Raumfahrt und des außerirdischen Lebens voller Kitsch, Klischees und Halbwahrheiten. Seit jeher, lautet die Meistererzählung, habe der Mensch von den Weiten des Weltalls und einer Zukunft in den Sternen geträumt, am Lagerfeuer sitzend über mögliche Bewohner fremder Planeten sinniert und sich später aufgemacht, die ihm von der Natur gesetzten Grenzen mit Mitteln der Technik zu überwinden. Schriftsteller wie Jules Verne, H. G. Wells und Kurd Laßwitz hätten gegen Ende des 19. Jahrhunderts erste konkrete Visionen zur Überwindung der "final frontier" entwickelt und der Umsetzung dieser jahrhundertealten Phantasien den Weg in die Moderne gewiesen. Effektiv eingesetzt habe die "Eroberung" des Weltraums aber erst zwei Weltkriege später, am 4. Oktober 1957, als der sogenannte Sputnikschock die Welt erschüttert, den Auftakt zu einem "Wettlauf" der beiden im Kalten Krieg verhakten Supermächte gebildet und im Osten wie im Westen das vielbeschworene space age eingeläutet habe. Nur zwölf Jahre darauf, am 20. Juli 1969, sei der uralte Menschheitstraum mit der Mondlandung endlich in Erfüllung gegangen, allerdings nur ansatzweise, denn anschließend seien die kosmischen Kolonisierungsbemühungen wieder eingeschlafen.

Grundsätzlich sei ein derartiges Vordringen in den unsere Welt umgebenden Raum – den Weltraum, wie er nur im Deutschen heißt – Ausdruck und Folge eines angeborenen Forschungsdrangs und der conditio humana, argumentieren Raumfahrtenthusiasten und Weltraumgläubige gerne, und wenn die weitergehende Exploration oder gar Kolonisierung unbekannter Planetenwelten behindert statt befördert werde, hätte das über kurz oder lang fatale Folgen für unsere irdische Zivilisation. Mit unterschiedlichen Varianten dieses Arguments versuchen etwa die drei superreichen "Astropreneurs" der Gegenwart – Jeff Bezos (Amazon/Blue Origin), Richard Branson (Virgin Galactic) und Elon Musk (Tesla/SpaceX) – seit wenigen Jahren, alte Eskapismusphantasmen neu zu beleben, um ihre privaten Expansionsträume als Weltrettungsprojekte zum Wohle der Menschheit zu verkaufen, auch angesichts der Klimakatastrophe.[1]

Es liegt in der Natur abgeschliffener Meistererzählungen wie dieser, nicht komplett falsch, aber eben auch nicht wirklich richtig zu sein. In diesem Fall verstellt das Narrativ einer ebenso konsekutiven wie linearen, dann auf dem Höhepunkt plötzlich umkippenden, wenn nicht gar abbrechenden "Eroberung" des Weltraums den Blick auf die Unwägbarkeiten und Kontingenzen, vor allem aber die Grenzen eines ohnehin nur sehr partiell und ungleichmäßig vollzogenen Erschließungsprozesses. Zutreffend ist, dass der Weltraum das 20. Jahrhundert tief greifend geprägt hat – und das 20. Jahrhundert den Weltraum. Er war und ist Objekt von Faszination, Staunen und Sehnsucht, Projekt wie Produkt, und das sowohl vor dem 4. Oktober 1957 als auch in anderen Weltregionen als den USA und der (ehemaligen) Sowjetunion.

"Space is there", proklamierte John F. Kennedy in seiner vielzitierten "We choose to go to the moon"-Rede im September 1962 – und irrte.[2] Anders als von Kennedy behauptet, war der Weltraum nicht einfach immer schon da und harrte Anfang der 1960er Jahre seiner Eroberung. Vielmehr war er trotz – oder gerade wegen – seiner physischen Unzugänglichkeit lange vor Beginn des Kalten Krieges erfunden, erdacht und konzipiert, zugleich militarisiert und politisiert worden. Von einer reinen Projektionsfläche und einem ursprünglich toten Ort – dem religiös konnotierten Jenseits – entwickelte er sich zu einem tief gestaffelten, die Erde umgebenden räumlichen Gebilde inklusive spezifischer Ortsmarkierungen. Indem der Mensch in den Weltraum ausgriff, eignete er sich seine kosmische Umwelt an und gestaltete sie nach eigenen Vorstellungen neu. Der Weltraum entstand damit im Verlauf des 20. Jahrhunderts als gedachter, vielgestaltiger Raum und wurde geschichtsmächtig. Deutlich präziser wäre es daher, nicht nur zwischen auch geografisch unterschiedlich gelagerten Konjunkturen des Weltraumdenkens, sondern einer Vielzahl verschieden ausstaffierter Welträume zu unterscheiden, von denen die hier bewusst überspitzt skizzierte Spielart nur eine neben möglichen anderen darstellt.

Fußnoten

1.
Vgl. nur Kenneth Chang, Bezos Says Moon Lander Will Pave "Road to Space", in: New York Times, 10.5.2019, S. B3.
2.
John F. Kennedy, Address at Rice University, Houston, Texas, 12.9.1962.
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Autor: Alexander C.T. Geppert für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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