Die Erde über dem Mondhorizont, im Vordergrund die Oberfläche des Mondes. Aufgenommen während der Apollo 11 Mission, dem ersten bemannten Flug mit einer Mondlandung, 20.07.1969.

12.7.2019 | Von:
Götz Neuneck

Wettrüsten im All? Stand und Perspektiven der Weltraumbewaffnung

Vom Nahkampf mit Lichtschwert über Photonentorpedos bis hin zur Zerstörung von Planeten mit Waffen auf Basis neuer physikalischer Prinzipien – kaum ein Science-Fiction-Film kommt ohne die Verwendung von höchst fortgeschrittenen Weltraumwaffen aus. Je nach Konzept und Drehbuch ist die Botschaft klar: Kriegerische Konflikte, wie wir sie von unserem Heimatplaneten Erde kennen, werden in Zukunft auch im Weltraum ausgetragen. Wie steht es aber mit der Realität?

Seit 1957 hat der Mensch Zugang zum Weltraum und treibt die Eroberung insbesondere des erdnahen Raums für verschiedenste Zwecke voran: Wissenschaft, Erdbeobachtung, Navigation, Kommunikation. Nicht nur Staaten sind hier aktiv, sondern auch Unternehmen. Die Weltraumindustrie ist ein schnell wachsendes Gewerbe, die militärische Seite der Raumfahrt hingegen bleibt für viele unsichtbar. Sowohl die Entwicklung von Trägerraketen als auch zentrale Weltraumprogramme waren stets auch politisch, ideologisch und militärisch motiviert. Trotz eines unkontrollierten Wettrüstens während des Kalten Krieges trugen die beiden Supermächte USA und Sowjetunion, die stets zugleich die führenden Weltraummächte waren, ihre Konfrontation auch im Weltraum aber nicht direkt gewaltsam aus, im Gegenteil: Zwischen 1967 und 1984 wurden zentrale Verträge des internationalen Weltraumrechts ausgehandelt, allen voran der Weltraumvertrag von 1967.

Das empfindliche Gleichgewicht im All sowie das politische Umfeld scheinen sich jedoch zu verändern: Allenthalben wird von einem zunehmenden Machtwettbewerb zwischen den USA, Russland und China gesprochen. US-Präsident Donald Trump hat die Bildung einer "Space Force" angekündigt, Russlands Präsident Wladimir Putin hat neue Waffensysteme vorgestellt, die auch im Weltraum agieren können, und andere Akteure wie China, Indien, die EU, aber auch private Firmen treten hinzu. Die NATO hat auch den Weltraum zu ihrem Operationsgebiet erklärt und eine "übergreifende Weltraumpolitik" beschlossen. Die internationale Diplomatie versucht, neue Regeln aufzustellen, um einen erneuten Wettlauf im All zu verhindern. Das stellt eine signifikante Herausforderung für den Weltfrieden und die Weltraumsicherheit dar.

Kritische Infrastruktur

Der Weltraum ist im Gegensatz zu den irdischen Umgebungen Land, See und Luft ein besonderes Medium: Er ist besonders transparent, luftleer, und es herrschen extreme Temperaturen. Seit Sputnik 1 am 4. Oktober 1957 als erster künstlicher Satellit in eine Umlaufbahn geschossen wurde, betreiben Nationalstaaten Raumfahrt. Dafür müssen zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein: Trägersysteme müssen Nutzlasten ins All transportieren, und die Satelliten müssen von der Erde aus gesteuert werden. Satelliten bewegen sich in unterschiedlichen Höhen auf verschiedenen Umlaufbahnen mit verschiedenen Bahnneigungen.[1] Erdnahe Satelliten ermöglichen damit in relativ geringer Höhe den schnellen Überflug weitläufiger Gebiete oder in größerer Höhe eine dauerhafte Überwachung der Erde. Die Lebensdauer solcher Satelliten ist begrenzt, etwa durch Treibstoff oder Energievorrat.

57 Staaten betreiben heute Satelliten, während elf Staaten mittels Trägersystemen den Weltraum erreichen können.[2] Derzeit gibt es 1957 aktive Satelliten. Fast die Hälfte (849) wird von den USA betrieben. China verfügt über 284, die EU über 218 und Russland über 152 Satelliten. Die Zahl der Objekte im All hat sich in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht, da die Startkosten sinken und immer mehr kleine Satelliten in den Orbit gebracht werden. Gerade das Geschäft der Kleinsatelliten in nahen und mittleren Umlaufbahnen wächst und mit ihm die Weltraumindustrie.[3] Auch steigt die Zahl der kommerziellen Anbieter, die wie die privaten Weltraumfirmen SpaceX, Lockheed-Martin oder Blue Origin über neue Träger- und Satellitentechnologien verfügen.

Die Zunahme der Satelliten und Weltraumakteure stellt wachsende Anforderungen an die Weltraumsicherheit. Die steigende Abhängigkeit der Nutzerländer von satellitenbasierten Funktionen in vielen gesellschaftlich relevanten Bereichen wie der Telekommunikation oder der Navigation lässt einige auch von einer weltraumgestützten kritischen Infrastruktur sprechen.[4] Eine längerfristige Störung oder gar Ausfälle dieser weltraumbasierten Systeme würden zu ernsten Problemen führen. Hinzu kommt, dass die Raumfahrt sowohl mit Blick auf die verwendeten ballistischen Trägerraketen, die als Interkontinentalraketen entwickelt wurden, als auch mit Blick auf die Satellitenkonstellationen ein hohes Dual-Use-Potenzial hat, das heißt viele Satelliten und Technologien können nicht nur zivil, sondern auch militärisch genutzt werden.

20 bis 25 Prozent der Satelliten werden derzeit militärisch genutzt,[5] wobei dies mit der wachsenden Zahl an Akteuren ebenfalls erheblich zunimmt. Wie im zivilen Bereich ist die Nutzung der Erdbeobachtung für Aufklärung und Spionage sowie Kommunikation und Navigation von zentraler Bedeutung, insbesondere für weltweite Militäreinsätze. Die Verwendung von Satelliten hat die Kriegsführung der führenden Militärmächte grundlegend verändert: Der weltweite Einsatz von zielgenauen Drohnen und Marschflugkörpern wird ebenso möglich wie eine Koordination von Truppeneinsätzen. Die satellitengestützte Frühwarnung bei Raketenstarts ist für die nukleare Abschreckung ebenso wichtig wie für die sich entwickelnde Raketenabwehr. Gerade diese vitalen Funktionen wollen Regierungen gegenüber Bedrohungen aus dem All oder von der Erde aus schützen.

Die Objekte im Weltraum bewegen sich aufgrund der physikalischen Gesetze auf unterschiedlichen Umlaufbahnen mit hohen Eigengeschwindigkeiten und sind extremen Einflüssen von außen ausgesetzt, wie Meteoriten und Strahlung. Steuerelektronik und Sensorik müssen gegen thermische und radioaktive Einflüsse gehärtet werden; gegenüber Zusammenstößen mit größeren Objekten sind sie hingegen kaum zu schützen. Eine wachsende Gefahr ist der durch die Raumfahrt zunehmende Weltraumschrott. Insgesamt umkreisen etwa 150.000 menschengemachte größere Weltraumobjekte die Erde, darunter Raketenoberstufen, Abdeckklappen oder Halteklammern.[6] Bisher hat es durch Zusammenstöße mehrere Zwischenfälle gegeben, in denen große Mengen an Trümmern freigesetzt wurden, die über lange Zeit im Orbit verbleiben und je nach Umlaufbahn eine Gefahr für Satelliten darstellen.[7] So muss etwa die Internationale Raumstation ISS öfter Bahnmanöver durchführen, um nicht durch Weltraumtrümmer gefährdet zu werden.

Fußnoten

1.
63 Prozent der Satelliten befinden sich in niedrigen Umlaufbahnen bis 1.500 Kilometern (low Earth orbit, LEO), sechs Prozent in mittleren Orbits bis 10.000 Kilometern (medium Earth orbit, MEO), 28 Prozent im geostationären Orbit bis 36.000 Kilometern (GEO).
2.
In der Reihenfolge des ersten erfolgreichen Starts: Russland, USA, Frankreich, Japan, China, Großbritannien, ESA, Indien, Israel, Ukraine, Iran, Nordkorea und Neuseeland.
3.
2017 betrug der Jahresumsatz 320 Milliarden US-Dollar und steigt jedes Jahr weiter. Vgl. Under Mad Trends, Space Industry 2017. Brief Guide for Investors, Managers, Policymakers, 2017, S. 2.
4.
Vgl. etwa Brian Weeden/Victoria Samson, Global Counterspace Capabilities: An Open Source Assessement, Secure World Foundation, April 2019.
5.
Unmittelbar dem Militär unterstehen in den USA 167, in Russland 81 und in China 58 Satelliten. Vgl. Union of Concerned Scientists, UCS Satellite Database, 9.1.2019, http://www.ucsusa.org/nuclear-weapons/space-weapons/satellite-database«.
6.
Weltraumtrümmer werden in drei Kategorien eingeteilt: Teilchendurchmesser mit weniger als 1mm, zwischen 1mm und 10cm und Fragmente mit einem Durchmesser von mehr als 10cm, die sich gut beobachten lassen und meist katalogisiert sind.
7.
Beim ersten Zusammenstoß zweier Kommunikationssatelliten bei einer Relativgeschwindigkeit von 11 Kilometern pro Sekunde am 10. Februar 2009 in einer Höhe von 800 Kilometern wurden Cosmos 2251 und Iridium 33 vollständig zerstört. Es entstanden rund 100.000 Trümmerteile, von denen etwa 2.200 katalogisiert sind.
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Autor: Götz Neuneck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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